Rainer Erler? Den hatte ich bisher so gar nicht auf dem Schirm. Ein deutscher Autorenfilmer und Träger des Bundesverdienstkreuzes, der fürs Fernsehen arbeitete, ist nun auch nicht unbedingt jemand, der mein Interesse übermäßig wecken würde. Ein Fehler, denn mit „Operation Ganymed“ aus dem Jahre 1977 schuf Erler einen anregenden Science-Fiction-/Endzeit-Thriller fürs ZDF (seine Kinoauswertung erfuhr der Film drei Jahre später), der auch auf Genrepublikum anziehend wirken dürfte.
Als der Funkkontakt zu drei erstmals zum Jupiter entsandten Raumschiffen abbricht, betrachtet man auf Erden die Mission als gescheitert, schreibt die Schiffe samt Besetzung ab und verschwendet nach einer Schweigeminute keinen Gedanken mehr an sie. Doch eines der Schiffe mit internationaler Besatzung kehrt nach Jahren tatsächlich zurück – vergeblich versuchen die Männer (Horst Frank, Dieter Laser, Jürgen Prochnow, Claus Theo Gärtner und Uwe Friedrichsen) Kontakt aufzunehmen und notlanden schließlich in der westmexikanischen Wüste nahe des Pazifiks. Statt des erträumten glorreichen Empfangs finden sie ein großes Nichts, eine entzivilisierte Gegend vor – und während die Sonne erbarmungslos an den Kräften der Männer zerrt, gehen die Vorräte zuneige…
„Operation Ganymed“ ist ein konsequent negativer, pessimistischer Film, eine zynische Dystopie. Die Besatzung, die ihre entbehrungsreiche Mission im Glauben antrat, internationale Anerkennung zu ernten und der Forschung wichtige Erkenntnisse zu vermitteln, wird, wie sie sich durch die Wüste schleppt, nach und nach realisieren bzw. sich einreden, dass alles sinnlos war, da man sie nicht nur schnell vergessen hat, sondern sich die Menschheit offensichtlich zwischenzeitlich selbst ausgelöscht hat. Was genau geschehen ist, wird nicht erklärt, da der Zuschauer die Handlung komplett aus Sicht der Besatzung verfolgt. Wie den gebeutelten Männern wird auch ihm Stück für Stück suggeriert, dass ein Atomkrieg oder etwas ähnlich Verheerendes getobt haben muss. Der Weg zu dieser Erkenntnis jedoch ist ein weiter, der geprägt ist von einem Wechselbad der Gefühle zwischen Hoffnung und Verzweiflung, bis letztere die Überhand gewinnt, sowie von Verteilungskämpfen, Misstrauen, Sinnkrisen, Hunger und Not bis hin zu Wahnvorstellungen und Verlust zivilisierter Moral, der sich in Gewaltausbrüchen und Kannibalismus äußert. Ob überhaupt tatsächlich etwas Derartiges geschehen ist, wird nicht zweifelsfrei geklärt; es bleibt unklar, ob sich die Männer in ihrer Negativität evtl. nur in etwas hineinsteigern. Das Ende ist ebenfalls in die eine oder andere Richtung interpretierbar – die Fata Morgana eines vollkommen Ausgelaugten, dem Tode Geweihten, eine Nahtoderfahrung, der symbolisierte Übergang ins Totenreich? Oder ein „Happy End“ für wenigstens einen Überlebenden?
Die Menschen in ihrer Extremsituation zeigt Erler in sehr behäbigem Tempo, bis sie beinahe auch für den Zuschauer zu einem ziellosen Kriechgang durch die Einöde wird. Das verhilft der bitteren Stimmung des Films ungemein zur Entfaltung, geht aber natürlich zu Lasten des Unterhaltungsfaktors. Diesen möchte Erler mit seinem Film jedoch ganz sicher ohnehin nicht ausreizen, insofern betrachte ich das „geil-langweilige“ Element seines Films als bewusst gewähltes Stilelement, zumal die aufreibende Wirkung nicht verfehlt wird. Die Geduld des an Weltall-Science-Fiction interessierten Publikums wird sodann auch belohnt, als es in einer Rückblende tatsächlich auf den Jupitermond Ganymed geht und in einer spannungsgeladenen Einstellung eine eigentlich bahnbrechende Entdeckung gemacht wird, wenn auch nicht verlustfrei. Dieses Zugeständnis an die Erwartungshaltung des Zuschauers ist sehr befriedigend und ein angenehmer Kontrast zum Rest des Films, zudem ein eindeutiges Bekenntnis zu seinem Genre.
Mithilfe leidensfähiger Schauspieler, die zu den großen deutschen Talenten zählen, ihre Rollen authentisch vermitteln und den weitestgehenden Verzicht auf Spezialeffekte vergessen machen, gelang Erler ein beunruhigender Film, der einen kritischen Blick auf den Kalten Krieg richtet, ohne sich auf eine Seite zu schlagen. So handelt es sich bei der Besatzung um eine im Rahmen einer UNO-Friedensmission bewusst gewählte gemischte Konstellation aus Amerikanern, Europäern und Russen, die Systemgrenzen nicht nur überwinden soll, sondern auch muss, während auf der Erde dieser progressive Ansatz evtl. längst ad absurdum geführt wurde. Des Weiteren wirft Erler Fragen nach Kosten und Sinn der bemannten Raumfahrt auf und lässt die banal und egozentrisch anmutenden Beweggründe der Männer für ihre Teilnahme deutlich werden, denen es vorrangig nicht um den Nutzen für die Menschheit, sondern um ihre eigene Eitelkeit geht, wofür sie Entbehrungen auf sich nehmen, die schließlich in den Wahnsinn führen…? Ein intelligenter und dabei so zynischer Film, dargereicht in einer allgemeinverständlichen Form und stilsicher umgesetzt – sein Publikum dennoch fordernd, ohne sich anzubiedern. Tipp!