"My name is Lillum. But you can call me whatever you want. I'll be... whoever you want... whatever you want... whenever you want. I just want you to be happy. I waited so long for you to come home."
Es ist Schlafenszeit. Die Mutter (Kim Piazza) hat ihrer kleinen Tochter Becky (Kaelin Lamberson) eben noch das Märchen Hänsel und Gretel der Gebrüder Grimm vorgelesen, während ihr etwas älterer Sohn Andy (Mark Goodfellow) lieber das Horrormagazin Fangoria studierte. Nun ist das Licht aus und Andy kurz davor einzuschlafen. Da sieht er neben dem Schrank mit seinen Horrorfiguren und Gruselmasken eine häßliche Gestalt hocken, die ihn böse anguckt. Andy ruft nach seiner Mutter, die auch gleich zur Stelle ist und ihn beruhigt. Natürlich ist da weit und breit nichts Ungewöhnliches zu sehen. Wieder allein, hört er eine Stimme, die zu ihm spricht. Wieder ruft er nach seiner Mutter, doch diesmal tritt sein betrunkener Vater (Kevin Van Hentenryck (Basket Case) in einem schönen Cameo) ins Zimmer und droht ihm Prügel an, wenn er nicht endlich ruhig ist. Kaum ist die Tür geschlossen, flüstert ihm die Stimme, die von unter dem Bett zu kommen scheint, auch schon wieder gräßliche Dinge ins Ohr. Andy kreischt auf, sein Dad stürzt wutentbrannt ins Zimmer und macht gleich mal seinen Gürtel einsatzbereit. Immerhin geht er auf Andys Gejammer ein und erklärt sich bereit, unter dem Bett nachzusehen. Sollte da jedoch nichts sein, gibt's Haue, und das nicht zu knapp. Zu Andys Glück (und seines Vaters Pech) ist da tatsächlich etwas unter dem Bett. Es packt seinen Dad, zieht ihn unters Bett und gibt ihm Saures.
Viele, viele Jahre später. Drew (Michael O'Hear), früher Andy genannt, kehrt nach Mutters Tod an den Ort des Grauens zurück, um seiner Schwester Rebecca (Kathy Murphy) beim Verkauf des Hauses zu helfen. Zahlreiche Therapien hat er über sich ergehen lassen müssen, um die schrecklichen Ereignisse von damals zu verarbeiten, und trotzdem muß er immer noch Medikamente nehmen, um mit dem Kindheitstrauma klarzukommen. Er feiert ein Wiedersehen mit vielen Freunden und Bekannten aus der Vergangenheit, wie z. B. seinem Kumpel Tom (Paul McGinnis) und dessen Freundin Cindy (Jessica Zwolak), Rebeccas Ex-Mann Carl (John Renna) oder seiner Jugendliebe Michelle (Debbie Rochon). Kaum hat er das alte, verrufene Haus bezogen, häufen sich auch schon unheimliche Vorkommnisse. An den Wänden stehen dick und fett, von unsichtbarer Hand gemalt, die Worte "Dry Bones", sein Nachbar rät ihm unwirsch, die verfluchte Hütte abzureißen, die blonde Barbekanntschaft Rachel (Amelie McKendry) behauptet nach einem One-Night-Stand, ihn nicht zu kennen, und im Bett liegt eine ausgelutschte, mumifizierte Leiche. Bald dämmert es Drew, daß er sich das, was damals passiert ist, nicht bloß eingebildet hat (wie es ihm seine Psychiaterin unaufhörlich eintrichterte), sondern daß in diesem Haus tatsächlich eine gräßliche Kreatur ihr fürchterliches Wesen treibt.
Es gibt eine Handvoll ambitionierter und interessanter Ultra-Low-Budget-Filmemacher, von denen ich mir jede neue Arbeit, unabhängig vom Genre, blind kaufe. Dazu zählen Brett Piper (Shock-O-Rama), Jay Woelfel (Closed for the Season), Richard Griffin (Nun of That), Tony Marsiglia (Dr. Jekyll & Mistress Hyde), Dustin Mills (Skinless) und eben auch der New Yorker Greg Lamberson, Autor und Ko-Regisseur des spottbilligen Flicks, um das es hier geht. Lamberson, Jahrgang 1964, dürfte den meisten am ehesten als Regisseur des kultigen Krachers Slime City (1988) ein Begriff sein, obwohl er auch anderweitig nicht untätig war. Abgesehen von seinen weiteren Regiearbeiten wie z. B. Undying Love (aka New York Vampire, 1991), Naked Fear (1999) und Slime City Massacre (2010) trat er vor allem als Autor zahlreicher Romane (Personal Demons, Johnny Gruesome, Carnage Road und Human Monsters, um nur einige zu nennen) und eines Sachbuches (Cheap Scares! Low Budget Horror Filmmakers Share Their Secrets) in Erscheinung. Was mir an Lamberson besonders gefällt, ist sein trockener, schwarzer Humor, der zwischendurch immer mal wieder spitzbübisch hervorlugt, gerne auch in Kombination mit der einen oder anderen sarkastischen Spitze. Daß seine ordentlich charakterisierten Protagonisten gerne mit ausgefallenen, durchaus originellen (Horror-)Szenarien konfrontiert werden, wertet seine Arbeiten zusätzlich auf.
Das eben Gesagte trifft auch auf Dry Bones zu, der mit Debbie Rochon (Terror Firmer) sogar einen veritablen B-Movie-Star an Bord hat. Auch Hauptdarsteller und Ko-Regisseur Michael O'Hear ist kein gänzlich unbeschriebenes Blatt. Zu sehen ist er in Filmen wie Something Dark oder Snow Shark: Ancient Snow Beast, und bei Lambersons Slime City Massacre fungierte er bereits als Regieassistent. In Dry Bones bekommt er es mit einem fiesen Succubus zu tun, und wie wir alle wissen, handelt es sich bei Succubi um Sexdämonen, die ihre Opfer im wahrsten Sinne des Wortes aussaugen. Zurück bleibt eine unansehnliche, biegsame Hülle, die man problemlos wie einen Teppich zusammenrollen kann, wie Drew in einer makabren Szene eindrucksvoll beweist. Mit Spezialeffekten und Horror-Set-Pieces halten sich Lamberson und O'Hear lange zurück. Erst im großen Finale lassen sie es einigermaßen krachen, wenn es zur letzten Konfrontation zwischen Drew und dem Succubus kommt. Das Ganzkörper-Make-Up des häßlichen Dämons ist gelungen, und durch die POV-Kameraführung (aus Drews Sicht) kann man erahnen, wie sich der arme Tropf fühlen muß, wenn das abscheuliche Ding ihn wild reitet. Während dieser abartigen Sexszene lassen es sich die Filmemacher nicht nehmen, einen wunderbar garstigen Ekelmoment einzustreuen, wenn die abstoßende Kreatur lüstern ihre ranzigen Titten knetet und widerlicher Schleim aus den Brustwarzen hervorquillt und dem Gegenüber ins Gesicht spritzt.
Wer darauf hofft, daß sich der Bildschirm hin und wieder blutrot färbt, ist hier vollkommen falsch. Dry Bones ist fast gänzlich blutleer, was nur konsequent ist, schließlich ist der Antagonist ein Succubus und nicht Jason fucking Voorhees. Obwohl der Streifen weder spannend noch packend ist, hat er doch einen schönen, ruhigen Fluß, auf dem man sich gerne dahintreiben läßt. Außerdem gelingt den Regisseuren der Spagat zwischen Horror und Humor ganz vorzüglich, sodaß der Film einfach gut unterhält. Daß die Figuren überwiegend älteren Semesters sind, bildet einen angenehmen Kontrast zu den üblichen Teenie-Horrorfilmen, wobei Drew sowieso ein recht phlegmatischer "Held" ist, wie man ihn nicht alle Tage sieht. Das Spiel mit Kindheitsängsten gefällt ebenso wie die unaufgeregte, entschleunigte Erzählweise, die melancholischen Zwischentöne, der Running Gag mit Drews Schwester und das ins Ohr gehende Titellied, welches in mehreren Varianten dargeboten wird. Dabei handelt es sich um einen in Amerika sehr bekannten spirituellen Song, der eigentlich Dem Bones heißt. Filme mit Succubi sind ja (leider) rar gesät, insofern begrüße ich natürlich jeden neuen Beitrag, der sich dieser Thematik annimmt. Umso schöner ist es dann, wenn er auch noch so cool und charmant daherkommt wie Dry Bones. Man sollte halt bloß keine Berührungsängste mit B-Movies haben, deren Budgets ein Tausendstel oder gar ein Zehntausendstel einer größeren Hollywoodproduktion betragen.