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Leonardo DiCaprio spielt den Pelztier-Jäger Hugh Glass, der sich mit seinem indianischen Mischlingssohn und einigen weiteren Mitgliedern einer Expedition nach einem Indianerüberfall auf das Floß der Gruppe retten kann. Um den Indianern nicht erneut in die Quere kommen, wagen die Männer den Weg zu Fuß durch die Rocky Mountains, wo Glass von einem Grizzlybären angefallen und schwer verwundet wird. Drei Männer harren bei ihm aus, während die anderen nach mehreren Tagesmärschen mit Pferden zurückkommen wollen, um ihn zu holen. Doch einer seiner Bewacher, gespielt von Tom Hardy, tötet Glass` Sohn und überzeugt den nichtsahnenden Dritten davon, weiterzuziehen und den sterbenden Glass zurückzulassen. Der überlebt jedoch wider Erwarten und schleppt sich, angetrieben von seinem Durst nach Rache, durch die winterliche Einöde immer weiter voran.

Der Mann kriecht durch den Schnee. Er müsste eigentlich tot sein. Er hat viel Blut verloren, leidet an Fieber und Krämpfen, sein Körper ist übersäht von faulenden Wunden, sein Bein ist gebrochen. An seinem Hals klafft eine offene Wunde. Er lag regungslos auf seiner Trage, die nach dem Willen seines Widersachers seine Bahre hätte werden sollen, als dieser seinen Sohn erstach. Anschließend wurde er in einem Erdloch, das als Grab gedacht war, zurückgelassen. Er kriecht, humpelt, schleppt sich auf einem Stock durch die unendlichen, verschneiten Weiten des Wilden Westens, isst rohen Fisch, versteckt sich vor feindlichen Indianern, versucht irgendwie zu überleben. Was ihn antreibt, sind allein der Trotz und die Aussicht auf Rache.

Den Mann, der den Leidenden mit voller Hingabe verkörpert, treibt in Wahrheit jedoch noch etwas vollkommen anderes. Der Ehrgeiz und der unbedingte Wille, endlich den größten aller Filmpreise einzuheimsen, dem er so oft so nah war, den er letztlich aber doch nie in den Händen halten konnte. Dabei hatte er alles versucht, hatte große Rollen in großen Filmen gespielt, hatte mit großartigen Regisseuren gearbeitet, mit James Cameron, Woody Allen, Danny Boyle, Ridley Scott, Clint Eastwood, mit Scorsese, Spielberg und Tarantino. Jetzt also mit Alejandro G. Inarritu, der nach „Birdman“ der Mann der Stunde ist und seinem Hauptdarsteller nun endlich den großen Triumph bescheren soll.

Und Inarritu ließ ihn leiden, aber nicht nur ihn, sondern auch den Rest von Cast und Crew, weil der Regisseur unbedingt ohne künstliches Licht auskommen und an Originalschauplätzen drehen wollte. Doch diese Werner-Herzog-Methoden waren kein Selbstzweck, der Einsatz aller Beteiligten macht sich definitiv bezahlt, denn „The Revenant“ beeindruckt von der ersten bis zur letzten Sequenz durch seine Landschaftspanoramen, durch seine förmlich niederschmetternde Bildgewalt. Die Kamera gleitet seelenruhig durch das anfängliche Gemetzel von Cowboys und Indianern, schwebt durch die düstern, kalten Wälder, über Wasserfälle und durch gewaltige Täler. Emmanuel Lubezki, der Virtuose hinter der Kamera, der schon Terrence Malicks „Pocahontas“-Panorama „The New World“ und Alfonso Cuarons Weltraumabenteuer „Gravity“ in unvergessliche Bilder bannte, wächst hier noch einmal über sich hinaus und das nicht nur beim furios getricksten und aus nächster Nähe festgehaltenen Angriff des Grizzlybären. Die ursprünglichen Landschaften, die Natur in ihrer sagenhaften Schönheit, aber auch in ihrer Rohheit und Gewalt, sind die eigentlichen Stars des Films.

Der andere ist der bereits erwähnte Hauptdarsteller, der fast ohne Worte auskommen und über weite Strecken den Film im Alleingang tragen muss. Und der löst seine Aufgabe mit Bravour. Er ist jederzeit präsent, erzählt allein mit seiner Mimik, was er nicht sagen kann und macht den Überlebenskampf seiner Figur damit zum Erlebnis. Die anderen Darsteller müssen daneben zurücktreten, machen ihre Sache aber ebenfalls gut. Da wären Tom Hardy, der den Mörder des Sohns mit Bravour als skrupellosen und teilskalpierten Egoisten darstellt, aber auch Domhnall Gleeson, der nach „Ex Machina“ erneut seine Ambitionen in Hollywood unterstreicht.

Trotz des Kraftakts, den Inarritu und sein Hauptdarsteller hier vollbringen, ist „The Revenant“ dennoch nicht ganz das Meisterwerk geworden, das seine ambitionierten Macher wohl forciert hatten. Denn bei aller technischen und darstellerischen Brillanz fehlen dem Film Herz und Seele. Dass Inarritu, der nach „Birdman“, seinem ironischen Seitenhieb auf Film und Theater, hier eine 180°-Wendung vollführt, seine Mischung aus Survival-Drama und Rache-Western kalt und grimmig anlegt, ist verständlich, dass im Hintergrund anstelle herzerwärmender Piano-Klänge meist eine dumpfe Geräuschkulisse vorherrscht, ebenso. Dass Inarritu die Vater-Sohn-Beziehung nicht weiter ausführt und die Charakterkonstruktion trotz des gemächlichen Erzähltempos vernachlässigt, dass er allzu oft eine surreale Atmosphäre kreiert, statt auch emotionale Akzente zu setzen, ist dagegen ein Fehler, den man ihm ankreiden muss, zumal ihm genau das bei „21 Gramm“ und „Babel“ sehr viel besser gelungen ist. So kommt es zu kleineren Längen, weil einem das Schicksal der Hauptfigur nicht nah genug geht, zumal der Film angesichts seines überschaubaren Plots schlicht und einfach zu lang geworden ist. Vor allem die fiebrigen Tagträume des Protagonisten, mit denen Inarritu seinen Film wohl doch noch zur großen Kunst verklären wollte, sind ein vermeidbares Ärgernis und vollkommen unnötige Überlänge. Ein paar simple Rückblenden, die das Vater-Sohn-Verhältnis näher beleuchten, hätten es doch auch getan.

Fazit:
„The Revenant“ überzeugt, getragen von seinem grandios aufspielenden Hauptdarsteller, vor allem durch seine majestätischen, bildgewaltigen Landschaftspanoramen, an denen man sich kaum satt sehen kann. Die grimmige Mischung aus Rache-Western und Survival-Drama krankt aber etwas an der mangelnden Emotionalität sowie an vermeidbaren Längen, die vor allem aus den überflüssigen Tagträumen des Protagonisten resultieren. Sehenswert ist Inarritus neuster Film dennoch. Schließlich und endlich dürfte der Hauptdarsteller hierfür das Objekt seiner Begierde am 28. Februar in Empfang nehmen, schließlich hat er hierfür gelitten, geschwitzt, gefroren und gekämpft, aber damit hatte man ja schon das eine oder andere mal gerechnet…

74 %

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