Grenzerfahrung als filmische Tour de Force
Der frontier-Mythos ist eines der zentralsten Motive des historischen Selbstverständnisses der USA, speziell hinsichtlich der Herausbildung einer nationalen Identität. Der existentielle Kampf an einer imaginären Grenze zwischen Wildnis und Zivilisation manifestiert sich nicht nur in den blutigen und grausamen Auseinandersetzungen mit den Ureinwohnern, sondern vor allem auch in den schier übermenschlichen Strapazen bei der Überwindung einer feindseligen Natur.
Viele auch heute noch tief im amerikanische Bewusstsein verankerte Motive wie der American Dream, der pursuit of happiness, oder das recht auf Waffenbesitz und Selbstverteidigung - kurz: ein als essentiell empfundener Individualismus - fußen unmittelbar auf der mythisch überhöhten frontier-Erfahrung der ersten Einwanderergenerationen.
Dass nun ausgerechnet ein mexikanischer Regisseur - Alejandro Inarritu, Gewinner des letztjährigen Regie-Oscars für „Birdman" - dieses Sujet explizit in den Mittelpunkt einer hochbudgetierten Hollywood-Produktion stellt, hat angesichts der ungelösten Grenzprobleme zwischen beiden Ländern durchaus einen pikanten Beigeschmack, beweist aber vielleicht auch, dass der Blick von außen oftmals wahrhaftiger und erhellender sein kann. Oder verfolgt Inarritu möglicherweise ganz andere Intentionen?
„The Revenant" ist die Geschichte des Trappers und Scouts Hugh Glass, der in den 1820er Jahren einen Trupp Pelzjäger sicher durch indianisches Gebiet leiten soll. Schon beim überaus drastischen Auftakt ist diese Mission praktisch gescheitert. Ein unerwarteter Indianerüberfall dezimiert die Jäger zu zwei Dritteln und zwingt sie zu einer Ausweichroute durch von Menschen bisher unberührtes winterliches Gebiet. Neben dem Kampf mit den Elementen gibt es auch innerhalb der Gruppe schnell enorme Spannungen, da der aufsässige John Fitzgerald bei jeder Gelegenheit gegen Glass´ Entscheidung aufbegehrt. Als letzterer auf einem Erkundigungsgang von einem Grizzly angefallen wird und schwerste Verletzungen davonträgt, lassen ihn die Männer ausgerechnet unter der Obhut Fitzgerald´s zurück. Dieser verliert schnell die Geduld, tötet Glass Halbblut-Sohn und lässt den Sterbenden allein in der Wildnis zurück. Doch Fitzgerald hat den verhassten Scout unterschätzt. Mit schier unbändiger Willenskraft schleppt sich Glass hinter seiner Nemesis her, beseelt von nur einem einzigen Gedanken: Rache.
Alejandro Inarritu erzählt diese im Kern simple Revenge-Geschichte in atemberaubenden Bildern. Selten wurde die Schönheit, aber auch die Grausamkeit einer ebenso unwirtlichen wie majestätischen Natur so sinnlich, so unmittelbar, so packend eingefangen. Die gesamte Crew mitsamt den Darstellern hat dafür enorme Entbehrungen auf sich genommen und stundenlange Drehs in eiskalten Gebirgsflüssen, auf schneeverwehten Ebenen, Gebirgskämmen und in dichten Tiefschneewäldern auf sich genommen. Zudem musste sehr konzentriert gearbeitet werden, da die tatsächliche tägliche Drehzeit durch die langen Anfahrtswege und Inarritus Vorgabe auf jegliches künstliches Licht zu verzichten stark eingeschränkt war. Der Lohn ist eine geradezu plastische Authentizität, ein Gefühl der Echtheit und der Wahrhaftigkeit, alles Raritäten auf der großen Leinwand.
Vor allem für Hauptdarsteller Leonardo DiCaprio wurde der Dreh zu einer regelrechten Tour de Force. Da der Film über weite Strecken völlig ohne Dialog auskommt und sich stark auf Glass´ Martyrium fokussiert, musste DiCaprio sehr viel über Mimik, Gestik und Körperlichkeit vermitteln, was unter den extremen äußerlichen Bedingungen einen enormen Kraft- und Konzentrationsaufwand bedeutet. Vielleicht wirkt seine Darstellung deshalb manchmal ein wenig zu gewollt, zu angestrengt, eine bewundernswert intensive Leistung ist sie dennoch. Das gilt auch für Tom Hardy, der seinen Widersacher als vom Hass zerfressenen, bösartigen Widerling nicht minder expressiv und ausdrucksstark spielt. Ein hassenswerter Widerling, dessen eiskalter Pragmatismus und Selbsterhaltungstrieb aber auch eine deutliche Verbindung zu Glass schafft, wie zwei unterschiedliche Seiten derselben Medaille.
Vielleicht wäre das Ergebnis sogar noch eindrucksvoller ausgefallen, wenn Inarritu auf esoterische Einschübe wie Traumsequenzen und Erinnerungsfetzen verzichtet hätte. Seine Bewunderung für Terrence Malick ist hier mehr hinderlich, denn förderlich. Der grausam schöne und fast schon fühlbare Realismus wird ausgerechnet dadurch getrübt, dass Inarritu versucht das Innenleben seines Protagonisten zu bebildern. Das nimmt der Figur eher ein Stück ihrer Wirkung, entfernt sie vom Zuschauer, als dass es die Empathie fördert.
Einen ähnlichen, wenn auch schwächeren Einfluss hat ironischerweise die fesselndste und nachhaltigste Szene des Films. Der Kampf zwischen Bär und Mensch wird so schonungslos und authentisch gezeigt, dass man fast den Atem des Grizzly zu riechen und seine Krallen zu spüren vermag. In einer grandiosen Plansequenz zwingt Inarritu sein Publikum in die hautnahe Konfrontation mit dem quälend langen Martyrium des Trappers. Dass Glass mit diesen verheerenden Verwundungen nicht nur überlebt, sondern sich auch noch ganz allein durch Kälte, Eis und Schnee auf die Verfolgung macht, unterminiert allerdings, zumindest ein Stück weit, wieder den Ansatz des bedingungslosen Realismus. Zumal sich Inarritu hier auch von der Vorlage absetzt.
So hatte das reale Vorbild des Trappers Glass (1783-1833) weit weniger extreme klimatische und topographische Bedingungen vorgefunden, was seine Odyssee glaubhafter erscheinen lässt. Zwar rechtfertigen die zahlreichen Erzählvarianten und die unzuverlässige Quellenlage über die genauen Umstände der Bärenattacke sowie der daraus resultierenden Verletzungen narrative Freiheiten, aber legen zumindest einen etwas weniger drastischen Verlauf als den im Film gezeigten nahe.
Ein außergewöhnliches Filmerlebnis ist „The Revenant" dennoch. Ein fast aus der Zeit gefallenes Kunstwerk, das vor dem Hintergrund der ganzen artifiziellen CGI-Spielereien des modernen Mainstream-Kinos etwas Uriges, fas schon Archaisches ausstrahlt. Ob man den Film nun als ultimative Auseinandersetzung zwischen Mensch und Natur, als finsteren Kommentar zur menschlichen Natur, als Fanal für Willenskraft und Überlebenswillen, oder eben doch als Visualisierung des frontier-Mythos sieht, bleibt jedem selbst überlassen. Allein die Möglichkeit dieser unterschiedlichen Lesarten ist in einem immer mehr auf Nummer sicher gehenden Massenmedium so selten wie bemerkenswert.