Einem Kind gelingt die Flucht aus einem Haus am Land, in dem es jahrelang gefangen gehalten und gefoltert wurde. Trotzdem die Polizei das beschriebene Gebäude durchsucht, finden sich keine Spuren. Die verstörte Lucie wird daraufhin in ein katholisches Waisenhaus aufgenommen, wo sie weiterhin von Alpträumen gequält wird und sich nur langsam mit der gleichaltrigen Anna anfreundet, der sie schließlich Vertrauen schenkt. 10 Jahre später kämpft die inzwischen zur jungen Frau gewordene Lucie immer noch gegen ihre schrecklichen Erinnerungen an, als es ihr eines Tages gelingt, den Ort ihres Martyriums wiederzufinden: Von Rache getrieben, löscht sie die dort ansässige 4-köpfige Familie kurzerhand mit einer großkalibrigen Waffe aus. Danach ruft sie den einzigen Menschen an, den sie kennt: ihre Freundin Anna. Die kommt auch sogleich, ist aber zunächst entsetzt über 4 Leichen und will damit nichts zu tun haben - dann aber entschließt sie sich doch zu bleiben und findet auch einen geheimen Zugang zu dem von Lucie beschriebenen Folterkeller...
Das US-amerikanische Remake des französischen Torture-Porns Martyrs von 2008 hält sich zwar weitgehend an die vorgegebenen Eckpunkte (Flucht eines jungen Mädchens aus der Gefangenschaft, mörderische Rache, Erforschung des Folterkellers), legt darüber hinaus aber erfreulich mehr Wert auf die Figurenzeichnung. Wie oben geschildert, geht es zunächst einmal um die Glaubwürdigkeit von Lucie: Sind die Geschichten, die sie erlebt zu haben glaubt, überhaupt wahr? Oder sind es psychische Störungen aufgrund traumatischer Erlebnisse (anderer Art) in der Kindheit? Der Zuseher darf hier aus der Perspektive ihrer besten Freundin Anna (Bailey Noble) entscheiden: Die wird recht unvermittelt zu einem abgelegenen Haus dirigiert, wo sie ihre Freundin seit Kinheitstagen inmitten eines Blutbades vorfindet... die Ambivalenz der Person Anna, die einerseits Lucie bei der Bewältigung ihres größten Traumas zur Seite stehen will, andererseits moralische Skrupel angesichts von 4 Leichen bekommt, macht einen Großteil der Spannung in der ersten Hälfte des Films aus. Clever gemacht auch die (physischen) Dämonen, die Lucie (Troian Bellisario) quälen, die es aus Annas Perspektive aber gar nicht gibt - stattdessen führt Lucie so etwas wie Schattenboxen auf, was den Zuseher zunächst auf eine falsche Fährte lockt. Das 2008er Original, das wegen allzu deutlicher Fokussierung auf das Quälen an sich ("Torture-Porn") bei gleichzeitig riesigen Logiklöchern abstellte (und deswegen meinerseits eine schlechte Bewertung bekam) verzichtete komplett auf diese für die Identifikation mit einer der Hauptfiguren so wichtige Charakterzeichnung. Hier nun kann man sich recht schnell auf Annas Seite schlagen - mit sich selbst hadernd, trifft sie nach einigem Zögern die richtige Entscheidung, doch noch einmal zurückzukehren...
Freilich driftet das Remake ab dem Zeitpunkt, als auch Anna gefoltert wird, immer mehr in Richtung Rape&Revenge-Film ab, womit der 2015er Martyrs dann auch inhaltlich ganz andere Wege als das Original geht. Dem nach Aufklärung über die Hintergründe dieses Wahnsinns dürstenden Zuschauer werden zumindest hier einige deutliche Häppchen serviert: Es geht um den Moment des Todes, den nur wenige Auserwählte überstehen, die vorangegangene und abschließende Folterungen überstanden haben - danach sollen sie berichten, was sie empfunden bzw. gesehen haben. Hinter diesen absurden Vorstellungen steckt eine honorige, durchaus nicht unintelligente Gesellschaft, die unter der Leitung der gestrengen Eleanor (überzeugend bösartig kalt: Kate Burton) schon seit Jahren Kinder entführt und foltert. Die klinisch sauberen Kellerzellen, die elektronische Überwachung derselben und der weitgehende Verzicht auf explizite Folterungen (in der deutschen Fassung wurde von Letzterem sogar noch ein wenig weggeschnippelt) vermögen überzeugend den Eindruck einer geisteskranken Geheimgesellschaft religiösen Zuschnitts zu vermitteln, die durch das beherzte sich-zur-Wehr-Setzen ihrer Opfer doch noch zu Fall gebracht werden kann. Eine vielleicht recht konventionelle Abwandlung des Stoffs, im Grunde jedoch deutlich erträglicher als das Original, dessen seinerzeit grenzwertige Schlußfolgerungen dadurch kategorisch ausgeschlossen werden. Auch wenn die letzte Einstellung des Films dann typisch amerikanisch fast schon kitschig auf die Tränendrüse drückt: Der 2015er Martyrs ist solide Horrorkost, einigermaßen spannend aufgebaut, sauber abgefilmt und somit erheblich leichter konsumierbar als das Original. 6,51 Punkte.