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Es ist eine andere Welt, in die der polnischstämmige Piotr (Itay Tiran) zurückkehrt - das mondäne London tauscht der Dreißigjährige gegen ein kleines Dorf irgendwo in der polnischen Provinz, doch die bevorstehende Hochzeit mit der ortsansässigen Żaneta (Agnieszka Zulewska) lassen ihn die gemeinsame Zukunft in rosigen Farben sehen: aus dem baufälligen Haus, das der Schwiegerpapa als Mitgift spendiert, soll ein schönes Eigenheim mit Swimmingpool werden, einen Bagger hat man sich auch schon ausgeliehen und die alte Brücke über den Fluß, seit Kriegszeiten beschädigt, will der Neuankömmling auch gleich noch sanieren. Zunächst jedoch steht die Hochzeit auf dem Programm, wozu eine größere Anzahl Gäste geladen wird. Als Piotr am Vorabend beim Baggern Knochen unter einem Baum entdeckt, will er dies nicht als böses Omen sehen, ebensowenig wie den strömenden Regen, der die kirchliche Trauung begleitet, doch als die Hochzeit mit Tanz, Gesang und reichlich Alkohol gefeiert wird, leistet sich der Bräutigam merkwürdige Aussetzer: erst bedroht er diverse Gäste, dann scheint er unter epileptischen Anfällen zu leiden, um schließlich in diversen Fremdsprachen wirres Zeug von sich zu geben. Seine Braut, der Brautvater, der Schwager, ein Priester sowie ein Arzt bemühen sich um den sich höchst befremdlich benehmenden Piotr, während die Hochzeitsgesellschaft weiter tanzt und feiert - doch was ist mit dem jungen Mann wirklich los? Es scheint, als habe sich ein uralter Dämon, der titelgebende Dibbuk, des vormals so weltmännisch auftretenden  Bräutigams bemächtigt, der jetzt völlig von der Rolle ist...

In seinem Drama Dibbuk - Eine Hochzeit in Polen stellt Regisseur Marcin Wrona einen alten jüdischen Volksglauben an einen Totengeist vor, der eine Gesellschaft in der Gegenwart heimsucht - pikanterweise jedoch nicht einen Dorfbewohner, sondern den neu hinzugekommenen Großstädter Piotr, der sich im Verlauf eines Tages vollkommen verändert.
In weitgehend braunstichigen Bildern tritt hierbei jedoch nicht etwa ein klauenbewehrter Dämon in Aktion, vielmehr ist es das Verhalten der Anwesenden, die den Film interessant machen, geben sie doch die Reaktion einer Gemeinschaft auf das Unbekannte, Unheimliche und lange Unterdrückte wieder. Denn während die einen wegschauen - teils aus Desinteresse, teils weil sie nichts damit zu tun haben wollen - versuchen andere, den sichtlich leidenden, kranken Bräutigam so schnell wie möglich wieder loszuwerden. Das sich daraus ergebende Gesellschaftsbild mit den stets lavierenden (wie dem Vater) und sich oftmals windenden Protagonisten (wie dem Arzt) ist dabei dank einiger zum Besten gegebener Weisheiten durchweg vergnüglich mitzuverfolgen - ob es eine Momentaufnahme der polnischen Bevölkerung und damit eine gewisse Gesellschaftskritik darstellen soll, kann man den Regisseur allerdings nicht mehr fragen - dieser beging kurz nach der Premiere Suizid.

Somit bleibt Dibbuk ein Gesellschaftsdrama, das sich vielmehr mit seinen Protagonisten - einem angeblich trockenen Arzt, der immer besoffener wird, einem händeringend um den Anschein äußerer Normalität kämpfenden Vater, einem vor dem vermeintlich auferstandenen Teufel beeindruckten Priester, einer fassungslosen Braut etc. - beschäftigt und dem Etikett Horror nur an sehr wenigen Stellen gerecht wird; immerhin erzeugt der bemerkenswert dissonante Score eine weitgehend beunruhigende Atmosphäre, während auf typische Attribute wie Jump Scares und Blutfontänen komplett verzichtet wird. Nichts für das Mainstream-Publikum, eher ein an allen Ecken und Enden "menschelnder" Streifen für Genießer sarkastischer Formulierungen, die zwischen den Zeilen, pardon Dialogen, Tiefsinniges herauszuhören vermeinen. 6 Punkte.

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