Ich habe lange mit mir gerungen, ob ich nach so kurzer Zeit noch ein weiteres „Schatzinsel"-Review schreiben sollte. Denn die Version mit Orson Welles aus dem Jahr 1972 gefiel mir schon nicht sonderlich und ich hatte eigentlich keine Veranlassung, eine weitere Fassung zu sichten, doch dann blieb ich bei einer neulich erfolgten Ausstrahlung doch irgendwie hängen, und zwar bei dieser Verfilmung von Peter Rowe, die auch unter dem seltsamen Alternativtitel „Schrecken der Karibik" lief. Oder wollten sich die Produzenten von Stevensons Klassiker abgrenzen? Sich für die Freiheiten, die sie sich herausgenommen hatten, entschuldigen? Ehrlich gesagt, ich saß nach dem Ende einen Moment nachdenklich da und wusste nicht so recht, ob man einige Figuren so umkrempeln musste. Doch wenn man sich von der Vorlage mal löst, erscheint der abgewandelte Lauf der Story vielleicht in einem plausibleren Gewand.
Dabei folgt der Film erst einmal recht lange dem Original. Die Piraten, die dem trinksüchtigen Kumpel aus alten Zeiten im Wirtshaus auflauern, die Umstände, die dem Jungen Jim Hawkins zu der kostbaren Schatzkarte verhelfen, die Vorstellung des einbeinigen Schiffskochs Silver und die Reise zur Insel wurden kaum angetastet. Auch der Blick auf die Insel ist hervorragend eingefangen, insbesondere die hohen Steilklippen bei der Ankunft sehen atemberaubend aus. Soviel erst mal zur äußeren Form.
Während sich im Buch - und damit auch in anderen Verfilmungen - recht schnell zwei Parteien in eindeutiger Absicht gegenüberstehen, nämlich die Piraten und die Leute um Doktor Livesey und Co., ist hier das Gefüge weitaus brüchiger ausgefallen, da die beiden Hauptpersonen mehr als in der Vorlage zwischen den Fronten stehen statt zu jeweils einer Gruppe gehörig und ihre Position für sich selbst definieren müssen. Klar, dass Silver Stress mit seinen eigenen Leuten bekommt, ist nicht so neu, doch Jim Hawkins ist sich seiner Rolle nicht recht sicher. Denn der Kapitän Smollett ist ein wahres Arschloch, der sich einen Kehricht um den Jungen schert, ihn sogar für das Wohl des bürgerlichen Trupps opfern würde und für einen Verräter hält. Das führt dazu, dass Jim auf sich allein gestellt ist und sich mit Silver zusammenschließt. Aus zwei Parteien werden somit drei, welche allesamt ihren eigenen Interessen nachgehen.
Auch wenn einige Charaktere hier seltsam gegen den Strich gebürstet werden, funktioniert die weitere Geschichte durchaus und das liegt auch an der glaubhaften Verkörperung der unerwartet handelnden Personen. Silver ist eher der gerissene Opportunist, der sich am liebsten aus allem raus hält und auch weit weniger von brutaler Mordlust geprägt ist als man eigentlich erwarten durfte. Die Leute in der Blockhütte werden, insbesondere in Person von Smollett, als die von Habgier Getriebenen und damit den Piraten gleichgestelltes Gesindel skizziert. Das muss eigentlich nicht verwundern, denn warum sollte der Schatz nicht alle auf dieselbe Weise blind machen?
Kritikpunkte sammelt der Film allerdings auch. Zum einen werden die Piraten als reichlich vertrottelte Augenklappenträger hingestellt und wirken selten bedrohlich. Die Schatzsuche selbst ist kurz, aber nicht schmerzlos, denn zwei Trupps werden hier in einen blutigen Kampf verwickelt, dessen Ende einige Beteiligte nicht mehr miterleben. Trotzdem vermiest ein Schuss Unlogik dann doch noch den Ausgang des Abenteuers, denn dass Silver mit Jim und dem natürlich auch mitspielenden Insulaner Ben Gunn zu Dritt (!) die Heimreise auf der „Hispaniola" antreten, und den Rest der Meute beim Verladen des Schatzes weiß der Teufel wie in Schach halten und auf der Insel zurücklassen konnten, ist dann doch arg befremdlich.
Dennoch ist diese Variante der „Schatzinsel" ein interessanter Versuch, den vorgegebenen Stoff etwas freier zu interpretieren, ohne dass die Grundstimmung verloren geht. Das muss man als Stevenson-Fan nicht unbedingt mögen, doch immerhin bekommt man hier einen netten Abenteuerfilm geboten.