„Rocky“ ist inzwischen der Inbegriff des Boxerfilms, erlebte 2006 das späte Sequel „Rocky Balboa“ als Wiedergutmachung für den schwachen fünften Teil, war maßgeblich für die Retro-Boxer-Komödie „Grudge Match“ und erhält nun mit „Creed“ ein Spin-Off.
Regisseur und Drehbuchautor Ryan Coogler hatte seinen Durchbruch mit „Fruitvale Station“, der Aufarbeitung des Todesfalles von Oscar Grant, in dem es vor allem um die Benachteiligung ging, die Schwarze in der US-Gesellschaft erleben. Von diesem Impetus ist auch „Creed“ beseelt, mit gleichem Hauptdarsteller wie „Fruitvale Station“, wenn er die Jugend des Waisenknaben Adonis Johnson nachzeichnet, der durch Schlägereien in Pflegeeinrichtungen auffällt und schließlich von Mary Anne Creed (Phylicia Rashad) aufgenommen wird, der Frau des verstorbenen Apollo – Adonis‘ Vater, der den Jungen bei einem Seitensprung zeugte, aber vor dessen Geburt verstarb (siehe „Rocky IV“).
Durch die Adoption entkommt Adonis (Michael B. Jordan) dem Schicksal benachteiligter Schwarzer und schlägt einen bürgerlichen Weg mit Bürojob ein, auch wenn das Boxen ihn nie loslässt, er in Mexiko bei zwielichtigen Events 16 Siege einfährt. Doch als eine Beförderung ansteht, ist dies ein Signal für Adonis: Er kündigt, zieht aus dem reichen Elternhaus in eine Bruchbude in Philadelphia und will es als Boxer schaffen, ohne den Namen seines Vaters auszunutzen. Eine bekannte Geisteshaltung des Boxer- und Kampfsportfilms, dass der Erfolg nur durch hartes Leben, durch Training mit einfachen Mitteln kommen kann, dass Luxus und Geborgenheit keine Authentizität bietet, sogar verweichlicht – man vergleiche unzählige Genrefilme, in denen Training mit primitiven Mitteln und eiserner Willen arroganten Widersachern entgegengestellt werden, die mit zig Trainern, modernster Technik und wissenschaftlichen Berechnungen an sich arbeiten, aber gegen den authentischen Fighter unterliegen.
Adonis beginnt in Mickeys alten Gym zu trainieren, wie dereinst Rocky Balboa (Sylvester Stallone), den er ebenfalls aufsucht und bittet ihn zu trainieren. Der alte Boxer lehnt zuerst ab, aller Verbundenheit Apollo gegenüber zum Trotz, doch wird schließlich vom Charme und Ehrgeiz des Jungboxers vom Gegenteil überzeugt…
Man kann es „Creed“ nicht absprechen, dass er von wohligem Retrocharme und Nostalgie zehren möchte, dass er gewissermaßen eine Neuauflage des ersten „Rocky“ unter veränderten Vorzeichen ist: Wieder will sich ein junger Boxer beweisen, der ein Außenseiter ist, der sich bloß in kleinen Kämpfen bewährt hat und der schlussendlich tatsächlich für einen Titelfight ausgewählt wird, bei dem seine Wahl eher repräsentativen Charakter hat. Gleichzeitig standen ja alle „Rocky“-Sequels mehr oder weniger im Dialog mit dem Erstling, sei es nun der Wandel des Verhältnisses von Rocky und Apollo zueinander oder die zeitliche Verortung des alternden Boxers Rocky in seinem jeweiligen Kontext, ob nun als schillernder Star der körperfixierten 1980er oder als alter Kämpe, der noch einmal ran muss.
So zitiert und variiert Coogler hier bekannte „Rocky“-Topoi: Erneut wird Schnelligkeit durch das Einfangen von Hühnern geübt, alte Musikstücke werden in neuen Variationen eingespielt, die vom Sound eher zur schwarzen Kultur des jungen Adonis passen, der zudem noch eine Beziehung mit der Musikerin Bianca (Tessa Thompson) beginnt, und sogar sein Äquivalent zu Rockys Jogging die Treppen hinauf bekommt Adonis serviert, auch hier mit Blick auf den kulturellen und sozialen Kontext. Denn erfreulicherweise bleibt Coogler den Formeln der Reihe und des Genres zwar treu, doch arbeitet sie nicht nur stumpf ab, sondern gibt ihnen einen neuen Spin.
Schön auch, dass Coogler bei aller Nostalgie und Huldigung des Charmes des Einfachen auch Zeit für ironische Brüche findet, gerade was das Aus-der-Zeit-Gefallene Rockys angeht. Erwähnt Adonis etwa, ein soeben geschossenes Handyfoto befände sich in der Cloud, guckt dieser nur verdattert gen Himmel. An anderer Stelle kündigt Adonis eine exzessive Siegesfeier nach einem gewonnenen Kampf an, ein Schnitt zeigt ihn, Bianca und Rocky schlafend mit Eiscreme auf der Couch, während im Fernsehen „Skyfall“ läuft – noch so eine inzwischen modernisierte Figur von „Rocky“-Studio MGM. Gleichzeitig ist da immer auch Platz für das mitreißende Pathos der „Rocky“-Saga, für die Verluste und Triumphe der Hauptfiguren, für das Melodrama, für den emotionalen Kern der Franchise, der bei deren schwächeren Einträgen immer etwas in den Hintergrund rückte.
Nicht immer ganz reibungslos verläuft dagegen die Einbindung von Franchise-Zugpferd Rocky, der sich hier nun auf den Lehrerposten zurückzieht und eine mögliche Staffelstabübergabe vorbereitet. Zum einen ist dieser Schritt fast schon folgerichtig und bringt ein nostalgisches Wiedersehen mit dem Fighter aus einfachen Verhältnissen, der immer noch auf liebenswerte Weise simpel ist, bevorzugt Hut trägt, pragmatische Lösungen findet und seine Vergangenheit nie vergisst: Inzwischen ist auch Paulie gestorben, dessen Grab nun neben Adrians liegt, welches Rocky häufig besucht. Ein Subplot im letzten Drittel droht kurzfristig zu viel Aufmerksamkeit auf ihn zu lenken, wirkt etwas eingeschoben, auch wenn „Creed“ die Kurve dadurch kriegt, dass er ihn durch das Thema der Quasifamilie Creed-Balboa und des gemeinsamen Kämpfens wieder an den Mainplot bindet.
Geboxt wird natürlich auch in „Creed“, neben Trainingseinheiten und -montagen eines der Herzstücke eines jeden Boxerfilms. Dabei setzt Coogler auf etwas größeren Realismus als die Vorgängerfilme und inszeniert zwei packende Boxkämpfe. Den ersten in der Filmmitte als actionreiche Plansequenz, die längste und aufwändigste von mehreren im ganzen Film, ein in einem einzigen Take gefilmtes Match. Das Finale dagegen ist ein langer Kampf, mit Zwischenschnitten und Ellipsen, mit in Zeitlupe stürzenden Kontrahenten, mit blutigen Cuts und Schwellungen im Gesicht. Ein Finalkampf in der Tradition der Reihe, in dem sich zwei Kontrahenten beharken, der Held als Außenseiter antritt und die Frage ist, ob mehr als ein moralischer Sieg drin ist. Und ganz im Sinne der Franchise stehen am Ende versöhnliche Töne zwischen den Fightern.
Für entsprechende Authentizität verpflichtete man sogar echte Boxer für entsprechende Rollen, darunter Andrew Ward und Tony Bellew, von denen vor allem letzterer als Champ eine überraschend starke Leistung hinlegt, nicht nur in den Kampfszenen. Das große schauspielerische Nachwuchspfund, mit dem „Creed“ wuchern kann, ist natürlich Michael B. Jordan, dem man sowohl den ehrgeizigen Fighter als auch den jungen Mann, der mit dem Familienerbe des Namens Creed Schwierigkeiten hat, abkauft. Sylvester Stallone dagegen präsentiert sich uneitel als gealterter Rocky, von dem keine körperlichen Heldentaten mehr zu erwarten sind, eine reife Leistung und ein mutiger Schritt innerhalb der Franchise. Phylicia Rashad und Tessa Thompson überzeugen als Mutter und Freundin von Adonis, auch wenn sie in diesem Männerfilm nur zweite Geigen spielen, und Graham McTavish lässt bei seinen wenigen Szenen als kalkulierender Boxtrainer und -promoter so richtig die Sau raus.
Wie schon „Rocky Balboa“ und vielleicht mehr noch als dieser ist „Creed“ ein Film für die Fans, einer, den es ohne „Rocky“ unmöglich gäbe, der sich vor allem durch das Spiel mit Wiederholung und Abgrenzung vom Original definiert, der sich aber auch mit der neuen Hauptfigur einen neuen Blickwinkel erlaubt. Gerade dann, wenn „Creed“ diesem Blickwinkel etwas untreu wird, dann schwächelt Cooglers Film etwas, ansonsten aber ein schöner Boxerfilm nach bekannter Formel – und mit mehr emotionaler und erzählerischer Schlagkraft als der zuvor gestartete „Southpaw“.