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Michael B. Jordan spielt Adonis Johnson, den unehelichen Sohn des ehemaligen Boxweltmeisters Apollo Creed, der nach einer schwierigen Kindheit von dessen Witwe adoptiert wurde. Der junge Mann, der zunächst ohne Eltern aufwachsen musste, gibt seinen Bürojob auf, um sich ganz dem Boxen zu widmen. Er verlässt Los Angeles, um sich in Philadelphia von Rocky Balboa, natürlich von Sylvester Stallone gespielt, trainieren zu lassen. Der geht etwas widerwillig darauf ein und nimmt den Sohn seines verstorbenen Freundes unter seine Fittiche. Obwohl der junge Creed zunächst unter dem Namen Johnson boxt, bleibt es kein Geheimnis, dass es sich um den Sohn einer Boxlegende handelt. Der zunächst ungewollte Medienrummel eröffnet dem Boxtalent jedoch auch die Chance, gegen einen aktuellen Weltmeister zu kämpfen.

Im Windschatten von „Jurassic World“, „Spectre“ und natürlich „Star Wars 7“ ist, zumindest was die mediale Aufmerksamkeit anbelangt, die Fortsetzung einer weiteren großen Filmreihe medial etwas unter den Teppich gefallen. Mit „Creed - Rockys Legacy“ erscheint aktuell nämlich der siebte Teil, bzw. das Spin-off der größten Boxer-Reihe aller Zeiten. Ryan Coogler, der zuvor mit dem Drama „Nächster Halt: Fruitvale Station“ ein ordentliches Regie-Debüt hinlegen konnte, führte Regie und verfasste zudem auch das Drehbuch, was bisher Stallone höchstpersönlich vorbehalten war. Und es sollte sich für alle Beteiligten auszahlen, dass dieser das Heft des Handelns an eine jüngere Generation weitergereicht hat.

Anders als „Jurassic World“ ist „Creed“ nicht die inspirationslose Nacherzählung eines großen Vorgängerfilms, er ist auch weitaus weniger sklavisch an den anderen Filmen der Reihe orientiert, wie es etwa beim neuen „Star Wars“ der Fall ist. Natürlich greift Coogler auf bekannte Motive und Versatzstücke zurück, so muss der junge Creed beispielsweise ein Huhn einfangen, diese greifen jedoch nie überhand, sind geschickt ausgewählt und wohl dosiert. So gibt es diesmal keine minutenlangen Trainingssequenzen im Stile eines Musikvideos zu bestaunen, während auch auf den altbekannten Soundtrack lediglich angespielt wird. Nostalgisch ist der Film durchaus und das ist auch schön so, doch anders als bei vielen anderen Fortsetzungen alter Klassiker ertrinkt „Creed“ nicht darin.

Sinnbildlich für den Film, der durchgehend auf eigenen Füßen steht, ist die neue Hauptfigur. Cooglers Entscheidung, diesmal nicht auf einen Amateurboxer aus der Gosse zurückzugreifen, sondern auf einen Millionärssohn, macht diesen Film zum besten Teil seit „Rocky“ Nummer 1. Der junge Creed hatte es als Vollwaise zwar zunächst nicht leicht, wuchs dann aber als Teenager in behüteten Verhältnissen auf und hat eine berufliche Karriere neben dem Boxen. Er boxt nicht, weil er keine anderen Alternativen hat, sondern weil er es so will, weil sein Vater ein Boxer war. Ihn treiben keine Existenzängste, sehr wohl aber die Furcht, nicht aus dem Schatten des Vaters heraustreten zu können. Die neue Hauptfigur ist kein zweiter „Rocky“, sondern Adonis „Creed“ Johnson. Genauso, wie dieser im Film die großen Fußstapfen des Vaters auszufüllen vermag, emanzipieren sich Film und Protagonist auch von der Überfigur Rocky. Dass der Film hauptsächlich mit dem Titel „Creed“ beworben wurde, ist da mehr als konsequent.

Zumal Coogler auch bei der Besetzung der Hauptrolle alles richtig macht. Mit Michael B. Jordan, der bereits bei „Nächster Halt: Fruitvale Station“ mit von der Partie war, stand ihm ein junger, talentierter Hauptdarsteller zur Verfügung, der physisch wie mimisch in der Rolle des angehenden Box-Stars auf ganzer Linie überzeugt. Wenn Jordan im Ring sein Gegenüber fokussiert, dann sieht man den Blick eines jungen, hungrigen Sportlers, der es allen zeigen will. Aber auch Stallone, der sich vermutlich realistische Chancen auf einen Oscar-Gewinn ausrechnen darf, macht seine Sache ausgezeichnet. Er tritt als alter Mann auf, den eine gewisse Traurigkeit und Einsamkeit umgeben, vor allem zum Ende hin stellt er den zunehmenden körperlichen Verfall der größten Filmfigur, die er jemals verkörpert hat, glaubhaft dar, was umso eindringlicher ist, wenn man sich die Bilder des vitalen, durchtrainierten Stallone in den Vorgängerfilmen ins Gedächtnis ruft. Ansonsten hält sich Stallone vornehm zurück, beschränkt sich auf die Rolle des väterlichen Mentors, der durch einige Lebensweisheiten und altkluge Sprüche sowie durch kernigen, aber herzlichen Humor auffällt. Er überlässt Jordan, mit dem er außerordentlich gut harmoniert, die große Show und sorgt damit für einen glaubwürdigen Generationswechsel. Lobend sei außerdem noch Tessa Thompsons Vorstellung als Freundin des jungen Creed erwähnt.

Trotz der gelungenen Neuerungen und Änderungen, ist „Creed“ natürlich dennoch ein konventioneller Boxer-Film, bei dem viele klischeebehaftete Nebenfiguren auftreten und wenig Überraschendes geboten wird, bei dem die gesamte Dramaturgie auf den einen finalen Kampf zugeschnitten ist. Doch genau das will das Publikum ja sehen. Die gelungene Mischung aus Tragik und Komik, aus gewohnt dynamischen Box-Szenen sowie der unterhaltsame Erzählstil lassen bei Cooglers Film zudem überhaupt keine Längen aufkommen. Es gibt einige emotionale Höhepunkte, einen wie immer fulminanten Showdown, eine ehrliche Liebes-Geschichte und eine Rückkehr zu den altbekannten Schauplätzen in Philadelphia, die immer wieder etwas Nostalgie aufkommen lassen. Diesem Film muss man seine Fehler einfach verzeihen.

Fazit:
Sylvester Stallone hat das einzig richtige getan, das Heft des Handelns endgültig aus der Hand gegeben und sich auf die Nebenrolle verlegt. Das hat ihm gut getan und ihm die wohl beste Leistung seiner Karriere ermöglicht und das hat auch dem Film gut getan, der aus dem Schatten der anderen „Rocky“-Filme hervortritt, eine neue, gelungen konstruierte Hauptfigur und einen ebenso überzeugenden Hauptdarsteller etabliert. „Creed“ ist ein mutiger Neuanfang, der mit Charme, Komik und Tragik, mit dynamischen Box- und Trainingsszenen sowie einem Schuss Nostalgie auf ganzer Linie zu überzeugen weiß und trotz aller Parallelen zu den Vorgängern doch auf eigenen Beinen steht. Von diesem Creed möchte man definitiv mehr sehen.

80 %

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