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Es liegt auf der Hand – dieser Film hätte mächtig in die Hose gehen können. Würde ein Rocky-Spin-Off funktionieren, nachdem mindestens „Rocky V“ und „Balboa“ so etwas wie einen Abschied von der legendären Boxerfigur Stallones behauptet haben? Würde die Geschichte um einen Apollo-Nachkommen interessieren? Würde Michael B. Jordan ihn mit Leben füllen? Würde Stallone einem jungen Nachwuchsregisseur vertrauen können, der zwar die Euphorie und Leidenschaft mitbrachte, nicht aber die Erfahrung? Deutete eine Laufzeit mit Überlänge nicht auf falsche Komplexität hin, die das einfache Leben im Wirkungskreis von Balboa nur verkomplizierte?

Am Ende wurden all diese Fragen auf bestmögliche Art gelöst und ein fragiles Gerüst in eine stabile Form gebracht, mehr noch: Einer der besten Filme der Serie entstand.

Rocky, muss man dazu anbringen, ist zwar eine von Pathos getriebene Figur, keine aber, die mit einem großen Knall von der Bühne abtreten muss; diese Entscheidung hat Stallone am Ende von „Rocky V“ getroffen. Sie verkörpert den Lauf des Lebens an sich über einen Zyklus von bisher sieben Filmen mit einer ihr eigenen Logik. Selten cool, immer jedoch aufrecht und kämpferisch, macht sie das Prinzip des Kämpfens und der Rückkehr vielleicht deutlicher als jeder andere Hollywood-Charakter.

Ryan Coogler stellt nun unter Beweis, dass er sich mit dieser Figur hervorragend auskennt. Obwohl die Filme stilistisch und tonal nicht immer aus einem Guss wirkten, nimmt er sie alle als Teil seiner eigenen Geschichte an und arbeitet sie über Anekdoten oder Archivmaterial geschickt ein. Marotten wie das Lesen der Zeitung vor Adrians Grab weisen Rocky als treuherzig und gewohnheitsgetrieben aus. Andererseits fällt in einem Vergleich mit dem Vorgänger „Balboa“ auf, wie sehr die Zeit ihn verändert hat. Stallone, der 2006 einen Mann spielte, der es noch ein letztes Mal wissen wollte, rechtfertigt den Golden-Globe-Gewinn und die Oscarnominierung mit einer der besten Leistungen seiner Karriere. Er lässt den alten Bekannten, mit dem er 1976 zum ersten Mal zusammentraf, immer wieder aufblitzen, zeichnet hauptsächlich aber das Bild eines vom Alter gezeichneten Ex-Boxers, der eine völlig andere Motivation entdeckt, ins Geschäft zurückzukehren.

Diese ungemein feinfühlige Charakterzeichnung dürfte eben auch Coogler anzurechnen sein, der sich die nötige Zeit nimmt, die Saga um ein weiteres wertvolles Kapitel zu bereichern. Das gelingt ihm aber nicht etwa nur über Stallone, der laufzeittechnisch nur noch eine Nebenrolle bedient. Sondern eben auch durch die Portraitierung Philadelphias, immer kurz vor der Verklärung zwar, aber doch stellt er die Vorzüge der Ostküstenstadt an Originalschauplätzen ähnlich stark heraus wie der letzte Film dies tat.

Natürlich bedient „Creed“ auch all die anderen Elemente, durch die „Rocky“ populär geworden ist. Den Trademarks der Reihe wird konsequent Tribut gezollt und in einen modernen Kontext gesetzt, egal wie albern einiges davon heute wirken mag: Schattenboxen vor einem Youtube-Video von einem Kampf zwischen Creed und Balboa, Lauftraining mit finaler Jubelsequenz unter Begleitung Jugendlicher (pompös inszeniert mit Rundum-Kamerafahrt und der legendären Rocky-Fanfare, die sich aus urbanem Hip Hop schält), letztlich die finale motivierende Trainingssequenz. Auf die Boxkämpfe indes wurde noch mehr Fokus gelegt und mit Kamerafahrten experimentiert: An „Raging Bull“ angelehnt, tänzelt die Kamera durch den Ring, gleitet mal in die Egoperspektive eines Boxers und wieder aus ihr heraus und vermittelt so ein überzeugendes Gefühl des Mittendrinseins, das den Film auch technisch stark sein lässt, wobei selbst Szenen abseits des Rings oftmals ungewöhnlich inszeniert sind, denkt man etwa an den in Aufsicht gefilmten Eintritt in eine alte Trainingshalle. In Anthony Bellew ist weiterhin ein Endgegner mit bedrohlicher Ausstrahlung gefunden, der auch im wahren Leben Boxer ist, auch wenn Ivan Drago natürlich der furchterregendeste aller Antagonisten dieser Reihe bleibt.

Die Haupthandlung dreht sich um Adonis Johnson / Creed, seine Vorgeschichte, seine Motivation, sein Einleben in der fremden Stadt und seine Suche nach mentaler Führung. Sie gehört mit einer vereinfachten Psychologisierung und einer standardisierten Love Story (ordentlich dabei: Tessa Thompson) nicht zwangsläufig zu den Stärken dieses Werkes (und wurde daher bis zu diesem Punkt noch nicht angesprochen), gibt der Handlung aber andererseits eine solide Basis und hilft dabei, den von Michael B. Jordan dargestellten Hauptcharakter besser zu verstehen. Tatsächlich findet man anfangs kaum einen Bezug zur Figur, was sich dann im Laufe der über 130 Minuten deutlich verändert. Schön ist es auch, Phylicia Rashad (Bill Cosby Show) wiederzusehen.

Kleine Schwächen verzeiht man dieser Mischung also gerne, denn irgendwie haben sie schon immer dazugehört und ohne sie wäre es wohl kein Rocky. Davon abgesehen holt Coogler tatsächlich das allerbeste aus einem Stoff, den man eigentlich längst für beendet erklärt hatte.

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