Bedenkt man Charles Bands seit Jahrzehnten währende Obsession für mörderische Mini-Monster, hätte es damals wohl keinen passenderen Launch-Titel für sein frisch gegründetes Full-Moon-Studio geben können als „Puppet Master“. Die Marionettenfäden würden sich in den folgenden Jahren nicht nur mit Sequels und Spin-Offs verknüpfen, sondern auch mit einer beachtlichen Zahl von Variationen desselben Sub-Genres, etwa in Produktionen wie „Dollman“ (1991), „Demonic Toys“ (1992), „Shrunken Heads“ (1994), „The Creeps“, „Hideous!“ (beide 1997) oder „Blood Dolls“ (1999). Schon zu Zeiten von Empire Pictures war Bands Denkweise als Produzent vom Kleinvieh in Beschlag genommen, ließ er doch bereits die „Ghoulies“ (1985) als Antwort auf die „Gremlins“ (1984) folgen, den „Troll“ (1986) von der Leine und in „Dolls“ (1987) die Puppen tanzen. „Puppet Master“-Regisseur David Schmoeller war zuvor bereits dreimal für Band tätig und zeigte erstmals mit „Tourist Trap“ (1979), dass auch er kleine Plagegeister mit regungslosen Gesichtern zu inszenieren wusste, wobei er ihren Auftritten damals noch einen guten Schlag Suspense beimischte. Davon hat es im wohl bekanntesten Schmoeller-Werk zur Einweihung von Full Moon zwar nicht mehr allzu viel, dafür steckt aber eine Menge Mythologie drin, die einen niedrig budgetierten, ansonsten also ziemlich nackt dastehenden Direct-to-Video-Vertreter wie diesen mit einer Anmutung von epischer Breite bekleiden.
Alleine schon William Hickey im 30er-Jahre-Vorspann als klapprigen Puppenspieler in einem altmodischen Hotel mit seinen neuesten Kreationen hantieren zu sehen, während zwei Nazi-Agenten in einer Parallelmontage seiner Spur nachjagen, ist ein Vergnügen, wie es dem Publikum heutiger B-Horror-Produktionen nur noch selten zuteil wird. Um Authentizität im Sinne eines Polanski’schen oder Spielberg’schen Anspruchs auf Realismus kann es dabei selbstverständlich nicht gehen, zu offensichtlich sind die begrenzten Mittel der Produktion. Derweil der Synthie-Score von Charles’ Bruder Richard Band aber mit dramatischem Gestus große Fässer aufmacht, entfaltet sich die naive, gleichwohl selbstbewusste Grundannahme, der kleine Filmemacher müsse sich kaum weniger davor fürchten, Geschichten mit weit ausschlagenden Wurzeln zu erzählen als der große Filmemacher. Was schließlich zählt, sind nicht die tatsächlichen Schauwerte des Films, sondern sein Vermögen, des Zuschauers Fantasie zu stimulieren.
Dieser Argumentation folgend könnte man fast zu der Einschätzung gelangen, die auf unterschiedlichste Weise zum Leben erweckten Puppen im Film seien eben ein selbstironischer Kommentar auf die eigene Größe, die kleinen Brötchen des Dorfbäckers eben, der außer eines Firmenlogos und einer lukrativen Geschäftsidee noch nicht viel auf der Kante hat. Obwohl sich das Drehbuch erdreistet, Dekaden zu umspannen, um Legenden zu stricken, bringen die kleinen Gestalten mit all ihren Stop-Motion-, Animatronik-, Handpuppen- und Ragdoll-Unzulänglichkeiten etwas angenehm Bodenständiges in den Film, dessen weit ausholender Erzählrahmen dadurch wieder neutralisiert wird.
Beide Augen gilt es dennoch zuzudrücken, als deutlich wird, dass sich die Erzählstränge zusehends wie Mikadostäbe ineinander verkeilen. Schmoeller navigiert seine Ideen ungelenk wie einen Einkaufswagen mit hinkender Rolle durch die Gänge seiner Fantasie und stopft sie wahllos mit Rückblenden, Traumsequenzen und Nebenschauplätzen voll, um letztlich in der Lobby des Hotels eine Konferenz der Parapsychologen abzuhalten, die selbst den Ghostbusters unorganisiert vorkommen dürfte. Offensichtlich sind es keine Stars, sondern es ist das Ensemble, das in dem Chaos die Lebenszeichen sendet, auch wenn einzelne Darsteller durchaus Farbtupfer setzen – darunter Jimmie Skaggs, der nur wenige Auftritte benötigt, um als Strippenzieher mit dämonischer Aura präsent zu sein, oder Paul LeMat, der eine alternative Version eines B-Helden nach Art eines Jeff Fahey zum Besten gibt und alleine schon wegen seiner Löwenmähne ein Hingucker ist.
Erstaunlich ernst nimmt der Regisseur das Treiben der Giftzwerge dabei. Obwohl besonders in einer Szene auf einem Jahrmarkt mit einem Cameo von Barbara Crampton reichlich Selbstironie an die Oberfläche dringt und das Geschehen auch zwischendrin immer wieder mit Sex und Situationskomik aufgelockert wird, so dominiert eben doch das Uncanny-Valley-Unbehagen, mit dem sich die Puppen im kaltblauen Licht der geisterhaft inszenierten Hotelanlage in Bewegung versetzen. Die Gestaltung sowie die Umsetzung der Kreaturen wirkt dabei manchmal klobig bis unbeholfen, dann aber auch wieder unerwartet morbide, vor allem aber äußerst abwechslungsreich. Man würde beinahe glauben wollen, dass sieben Designer hinter der gleichen Anzahl an Puppen stehen, die allesamt in völliger Autarkie zur Vollendung gebracht wurden. Während Pinhead (nicht zu verwechseln mit seinem weitaus bekannteren Kollegen aus der Hellraiser-Reihe) die Stop-Motion-Kultur von „Laserblast“ und Konsorten weiterleben lässt, pflegt Anführer Blade (nicht zu verwechseln mit dem weitaus bekannteren Daywalker aus der Marvel-Schmiede) das noch junge Erbe des Chucky, indem er als unberechenbarer Mini-Schlitzer durch die Gänge jagt und im Ultra-Modus kleine Messer aus seinen Pupillen schießen lässt. Jester ist letztlich eine Pinocchio-Abwandlung, die nicht nur Holzpuppen-Phobien beschwört, sondern zugleich die Blaupause für Jack Attack aus der Demonic-Toys-Reihe liefert. Die Schleim- und Kautschuk-Fraktion wiederum wird ordentlich von Leech Woman bedient; wenn sie überdimensionale Blutegel erbricht und sich ihr Mundwerkzeug dabei widernatürlich verzerrt, werden dabei ähnliche Bedürfnisse gestillt wie von den großen Practical-Effects-Klassikern der 80er wie „The Thing“, nur hier eben im schlicht-kompakten Do-It-Yourself-Format für die Jackentasche. Und wenn Maulwurf-Mann Tunneler seinen Plastikbohrer anwirft, dann dürften all die Sammler billiger Kunststoff-Actionfiguren sich in ihre Kindheit zurückversetzt fühlen.
Dass im Finale weniger Blut denn grüne Soße vergossen wird, passt im Ganzen zur paranormalen Auskleidung des Films, der den Horror eher metaphorisch verpackt anstatt ihn faktisch zu inszenieren, deutlicher noch als es ohnehin für das Killer-Toy-Subgenre üblich ist. Nichts an „Puppet Master“ ist in irgendeiner Weise nach handwerklichen Kriterien besonders bemerkenswert, denn es sind wohl eher die vielen Fortsetzungen, die seinen Namen über die Jahre haben klangvoll werden lassen. Für Charles Bands kleines Imperium der bescheidenen Kreaturen hingegen ist er wahrhaft exemplarisch in jeder Hinsicht und das Zentrum in vielen Belangen.