Review

Agenten-Business - not quite as usual

Populäre Leinwandhelden waren, hinsichtlich Stress- und Frustrationsabbau, von jeher erfinderisch. Den meisten von ihnen steht ein reichhaltiges Arsenal an legalen (James Bond: Frauen), halblegalen (Dominic Toretto: Autorennen) und illegalen (Sherlock Holmes: Morphium) Freuden zur Verfügung. In Amazons neuer Agentenserie „Patriot“ setzt John Tavner auf die legale Karte: Er verarbeitet seinen harten Agentenalltag zu melancholischen Folk-Songs. Nicht weiter schlimm, würde er die Songs nicht als Straßenmusiker und Open-Mic-Künstler zum Besten geben.
Auch im weiteren Verlauf der Serie erweist sich Tavner (gespielt von Michael Dorman) als geplagte Künstlerseele, welche ihrer offiziellen Profession nur widerwillig nachgeht. So geht auch der letzte Auftragsmord gründlich daneben, was der mentalen Stabilität unseres wortkargen Helden nicht gerade zuträglich ist. Die zwangsläufig auftretende, posttraumatische Belastungsstörung bekämpft er mit folgendem Gassenhauer:


I was tasked to shoot Mashad while he was on vacation 
To keep Iran from activating Short-range nuclear weapons
I Shot an old male hotel maid 
Who was just making the physicist's bed 

Just lookin' up at birds
Wondering why there aren't male hotel maids 
In other countries 
You never see that
You never see that 
You never see that

Wer in diesen Zeilen eine gewisse Komik entdeckt, wird auch von weiteren Werken Tavners nicht enttäuscht. Der Stil von Regisseur Steve Conrad (Das erstaunliche Leben des Walter Mitty, Das Streben nach Glück, The Weather Man) liegt dabei irgendwo zwischen dem düsteren Ton eines Fargo und den Gags in Burn After Reading. Überhaupt wähnt man sich stets in einem auf Serienlänge gestreckten Coen-Abenteuer. Das ist gleichzeitig Fluch und Segen, denn allzu oft werden erzählerische Hintergründe für bestimmte Handlungen oder Schauplatzwechsel nicht wirklich deutlich. Stattdessen wirkt die durchaus komplexe Erzählstruktur an manchen Stellen arg gewollt und künstlich. Das Weglassen bzw. Nachreichen von für die Handlung wichtiger Informationen generiert allerdings auch einen gewissen Sog, dem sich der geneigte Zuschauer nur schwer entziehen kann. 
Auch routiniert eingebaute, kammerspielartige Szenen gehören zum beachtlichen Repertoire Conrads. So wird die Handlung nicht zuletzt nebeneinanderstehend am Urinal der Männertoilette vorangetrieben – das ganz große Business eben.


Fazit: Amazons neue Produktion überflügelt die bisherigen, hauseigenen Machwerke (The Man in the High Castle, Bosch, Hand of God) in puncto Erzählstil und Komplexität um Längen. Hier trifft tiefschwarzer Humor auf spannend und düster inszenierte Agenten-Unterhaltung.

8/10

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