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Die 16-jährige Jesse kommt vom Land nach L.A., wo sie Model werden möchte. Dank ihrer Unschuld und ihrer sichtbaren Angst und Unsicherheit fällt sie schnell auf und erlebt einen kometenartigen Aufstieg am Fotohimmel der Stadt. Doch dieser schnelle Erfolg weckt Neider, vor allem Mädchen die nie diesen Erfolg hatten und langsam zu alt werden …

Vielleicht wendet sich Refn nach THE NEON DEMON einem andere Sujet zu, so wie er die PUSHER-Trilogie ja auch zu einem glücklichen Ende gebracht hat, und man wird DRIVE, ONLY GOD FORGIVES und THE NEON DEMON als Refns amerikanische Trilogie abfeiern, so stilistisch geschlossen und ähnlich sind die drei Filme. Vielleicht hätte ich den Film im Kino sehen müssen, wo die großartigen Bilder von Natasha Barier das Gehirn betäuben und der Score von Cliff Martinez die Nerven blank legt. Vielleicht sollte ich auch einfach mehr hinter die Kulissen sehen, so wie so viele andere Besprechungen im Internet, und mich an der entlarvenden Story, den Argento-ähnlichen Kameraeinstellungen, den perfekt ausgeknobelten Bildkompositionen und den bissigen Kommentaren Refns über das Geschäft mit der Schönheit berauschen.
Aber es hilft alles nichts: Ich finde den Film Scheiße! Scheiße-langweilig, scheiße-überflüssig, scheiße-kopflastig und scheiße-künstlich. Genauso Scheiße wie AMER, der nämlich das gleiche Problem hat wie NEON DEMON: Eine Aneinanderreihung von schönen Bildern macht noch lange keinen Film. Punkt. Ein Film ist eine Erzählung mit bewegten Bildern, und es ist gleich ob diese Erzählung zwei Personen beim Abendessen zeigt (zum Beispiel MEIN ESSEN MIT ANDRÉ) oder beim Töten (sagen wir mal FROM DUSK TILL DAWN). Immer wird eine Geschichte erzählt, wird der Zuschauer mitgenommen auf eine Reise in eine Welt, an der er normalerweise gar nicht oder wenig partizipieren kann. Fehlt der Ton, spricht man von einem Stummfilm. Fehlen die Bilder, spricht man von einem Hörspiel. Oder einem Buch. Fehlt allerdings die Geschichte wird es problematisch, weil es dann eigentlich auch ein Diaabend tut. Und weil dann die Möglichkeit seitens des Zuschauers fortfällt, eine Identifikationsfigur aufzubauen, mit der er mitfiebern kann. In diesem Fall spricht man dann meist von einem „Kunstfilm“. Wenn nämlich der Kopf bemüht werden MUSS, um dem Geschehen auf der Leinwand oder dem Bildschirm Inhalt zu geben. Die Bilder selber geben dann narrativ nichts mehr her, der Bauch des Rezipienten bleibt leer.

THE NEON DEMON ist so ein nicht-narrativer Kunstfilm, was ja zu einer Reise in eine leere und eitle Welt voller leerer und eitler Figuren ganz gut passt. Das Problem ist halt nur, dass so etwas überhaupt nicht spannend ist, und den Zuschauer schnell abdriften lässt: Was muss ich morgen im Büro erledigen? Was werden wir am Wochenende essen? Wo zur Hölle ist die Vorspultaste? Fragen, die, wenn sie während eines Filmes gestellt werden, eigentlich mit einer Bankrotterklärung des Regisseurs gleichzusetzen sind. Ich habe mir beim Ansehen diese Fragen gestellt, denn die Charaktere haben nicht den geringsten Reiz für mich gehabt (außer vielleicht Keanu Reeves’ Figur, die einen eigenen Film wesentlich besser hätte bestreiten können), die Story um das Rotkäppchen im von Wölfen bevölkerten Los Angeles war vorhersehbar, und die laaaaaangen Einstellungen und zumeist hohlen und künstlichen Dialoge zum Einschlafen.

Mir ist klar, dass dies eine oberflächliche Betrachtung ist. Dass ich zu dumm bin um die Eloquenz der Refn’schen Tabubrüche zu verstehen. Dass Refn der dummen Mode-Schein-Welt (und nicht nur dieser) in Wirklichkeit einen Spiegel vorhält und dazu gallige Kommentare abgibt. Und dass Refn gekonnt eine fast träumerische Märchengeschichte mit bemerkenswerten Gewaltspitzen versieht um dieses typische Gefühl der Beunruhigung zu erzeugen. Ist mir alles klar. Aber: Musste er das wirklich so verdammt langweilig umsetzen?

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