Die gotische Typografie und Schreibweise des Titels kommt nicht von ungefähr, denn „Vampyres“ stützt sich nicht einfach nur auf das gleichnamige Original von 1974, sondern darüber hinaus auf eine uralte Tradition, die das Medium Film (und vor ihm die Schrift und das Wort) schon begleitet, seit es seiner Wiege entsprungen ist. Die Verknüpfung von Erotik und Vampirismus ist weit mehr als ein Allgemeinplatz, beinahe eine unzertrennliche Einheit schon, wiegen doch jene Vertreter nicht genug, die sich puristisch auf Horror, Komödie oder andere Schwerpunkte verlagern. Selbst die Subsparte lesbischer Homosexualität im Vampirfilm hat sich in den letzten vierzig Jahren zu einem Standard entwickelt, der in postmodernen Titeln wie „Lesbian Vampire Killers“ sogar provokativ im Titel getragen wird.
Doch von der Ironisierung seiner Zeitgenossen will „Vampyres“ nichts wissen. Zu schlussfolgern ist daraus vor allem, dass Victor Matellano mit seinem Remake keine Modernisierung anpeilt. Das Gegenteil ist der Fall: Verbunden fühlt er sich mit der unterkühlten Andeutung des Vampirischen in Harry Kümels „Blut an den Lippen“, mit der kargen Ausstattung vieler Rollin-Werke, der ausgeblichenen britischen Ländlichkeit einer Hammer-Produktion, nicht zuletzt auch mit dem klassisch-europäischen Flair der spanischen Horrorfilmgeschichte – immerhin hat Matellano mit „Clawing! – A Journey Through The Spanish Horror“ selbst eine Dokumentation über Naschy, die „reitenden Leichen“ & Co. gedreht.
Dies ist ein ehrenwerter und durchaus sympathischer Ansatz, der schon alleine deswegen zu begrüßen ist, weil er dem von leichter Romantik und ironischen Verfärbungen aufgeweichten Sujet sowie dem daraus resultierenden fehlenden Bewusstsein für die Ursprünge des Vampirfilms die dringend benötigte Gegenströmung liefert. Allerdings fehlt dem Regisseur das vollständige Vermögen als Dirigent, um einem ausgetretenen Stoff wie diesem tatsächlich zum nostalgischen Glanz einer altmodischen Rückschau zu verhelfen.
Schiebt man das vermutlich nicht allzu hohe Budget beiseite, bleibt als primärer Eindruck ein eher hässlicher Digitallook zurück, der nicht etwa für die Simplizität der B-Movies aus längst vergangenen Zeiten steht, sondern für günstig produzierte Heimvideoware diesseits des Jahrtausends. Wenn es in den Wald zum Zelten geht, spürt man nur allzu schmerzhaft die Aussagelosigkeit der zum Vergessen verdammten Videotheken-Köder, die damals mit reißerischen Covern zum Ausleihen verführten und daheim dann zu Tode langweilten.
Dabei ist Matellano in den besten Momenten durchaus nah an seinen Vorbildern dran. Es ist nicht einmal unbedingt die Poster-Sequenz zweier nackter Nymphen, die sich in der Badewanne frei nach Gräfin Bathory eine Blutdusche genehmigen, wegen der sich ein Blick lohnen könnte; zu offensichtlich handelt es sich hier nicht um ein Bad in Blut, sondern in Klischees, wurde die Mythologie um die historische Figur bei der Suche nach einem alternativen „Dracula“ doch bereits in unzähligen Verfilmungen referenziert. Vielmehr sind es Dinge wie die karg ausgestattete Behausung der Vampirinnen, die auch noch entsprechend stolz präsentiert wird, der Schluffi-Look des Filmopfers Schrägstrich -Helden, der sich tumb wie ein Jeff Daniels in „Dumm und Dümmer“ durch den Plot manövriert (und durch die bescheuerte deutsche Synchro in seinem Wirken vervielfacht wird), einige interessante Kamerafahrten und Überblendungstechniken sowie stilisierte Schnittabfolgen, ja vielleicht sogar der unpassende und dadurch herrlich kontrastreiche Softrock-Soundtrack. Solche Aspekte üben punktuelle Reize aus, die eine Ahnung davon geben, welche Vision dem Regisseur überhaupt vorschwebt.
Über die grundsätzliche Ereignislosigkeit hilft das aber nicht hinweg. Hier und da wird ein bisschen an unbekleideten Menschen geknabbert, die mit roter Soße kandiert hilflos auf weißen Laken liegen, einige Hälse werden aufgeschlitzt und auch mal ein Kopf durchbohrt, doch so wenig in Sachen Splatter und Gore (oder eben auch Erotik) letztlich Nägel mit Köpfen gemacht wird, so geisterhaft schwirrt der Film um seine eigene Prämisse, ohne sie jemals zu packen zu bekommen – auf der Suche nach billigen Schocks wie nach voluminöser Poesie, ohne das eine oder andere je wirklich einzufangen. Wenn Rollin in einer verlassenen belgischen Burg ein Himmelbett aufstellen ließ, verströmte schon die reine mise-en-scène als solche eine ästhetische Wirkung, hier muss dagegen noch mit dem Finger darauf gezeigt werden.
„Vampyres“ könnte durchaus ein Original von einem der Altmeister sein, dann aber von einem solchen, der sein Handwerk über die Jahre verlernt hat und nur noch einen Funken seiner Magie zu erzeugen in der Lage ist – so wie ein Argento, der sich auf seine alten Tage noch einmal an der völlig abgewetzten Büste von „Dracula“ versuchte. Er ist nicht völlig ohne Reiz, gleicht sich auf lange Distanz aber eher generischer Videotheken-Massenware an, selbst wenn der Glanz der echten Rohdiamanten auf ihn abgefärbt hat.