Was haben das 2004 in Deutschland auf den Markt geworfene Rollenspiel „World of Warcraft" und seine erste Kinoauswertung, „Warcraft: The Beginning", gemeinsam? Ziemlich viel. Da sind die bei „Herr der Ringe" geklauten Orks, der ebenfalls bei Tolkien gemopste Zauberer, viel knallig-farbenfroher Kitsch und eine dement vor sich hin trollende Story, die auch nach minutiösem Aufdröseln bequem auf einem Bierdeckel Platz hat. Was haben „World of Warcraft" und seine Kino-Adaption nun aber nicht gemeinsam? Eigentlich nur eine Kleinigkeit: das Suchtpotential.
Der ganz im Stile seiner zweiten Heimat nordisch zurechtgeföhnte Anduin Lothar (Vikings‘ Travis Fimmel), der hier so gar nicht wie im Computerspiel aussieht, hat ein Problem. Fiese grüne Muskelberge, die ein bisschen so aussehen wie ein im Twilight geknutschter Hulk, springen zu Hunderten aus einem Dimensions-Portal, um sich mit Schwertern und Äxten ein neues Zuhause zu erobern. Ihr altes haben sie nämlich kaputt gemacht. Nach einem kurzen Scharmützel muss der bockbeinige Anduin seinem guten König genervt melden, dass es der bösen Gegner schlicht zu viele sind, um ihnen Herr werden zu können. Was schlecht ist, denn so mancher brave Bauer muss seine Lebensenergie hergeben, um die Leistungsfähigkeit des zerstörerischen Portals zu gewährleisten. Noch dazu ist es schon wieder um das Naturbewusstsein der Ungetüme nicht eben gut bestellt. Lernen aus der Vergangenheit? Pustekuchen! Doch Gott sei Dank sind nicht alle Orks Schufte und Umweltsünder. Ein Monster-Papa, der mit seiner Troll-Familie unterwegs ist (die für alle [also auch für den Dümmsten] gut sichtbar weniger grün angemalt ist als der Rest) hat so etwas wie ein gutes Herz und ist den Menschen gar nicht so unähnlich. Also innerlich (Äußerlich sieht er natürlich aus wie ein nicht ganz zu Ende epilierter Werwolf). Und mit dem gilt es sich jetzt zu verbünden. Mit von der ungehobelten Truppe ist auch eine grüne Amazone (Paula Patton), die trotz ihrer Wildschweinzähne eigentlich recht sexy ist, und der im Sinne echter Völkerverständigung Anduin bald das Hobeln beibringt. Doch bevor Travis Fimmel zum Fummeln kommt, muss eine kunterbunte Computerschlacht geschlagen werden. Und da ist man auch schon wieder mitten im Spiel. Im kindgerechten.
Wer erinnert sich noch an die „South Park"-Folge „Make Love, not Warcraft"? Da ruinierten sich Kyle und seine Jungs die Gesundheit, weil sie wochenlang nur Junkfood stopften und sich nicht mehr aus dem Haus bewegten. Sogar Akne schlich sich in die übermüdeten Gesichter. Wegen eines Rollenspiels. Die Folge wurde übrigens mit einem Emmy ausgezeichnet. Nun, dieses verfolgreiche Los droht Duncan Jones, dem Regisseur und Sohnemann von David Bowie, mit Sicherheit nicht. Denn sein Film ist eine lieb- und seelenlose Auftragsarbeit, gleich wie sehr er beteuert, selbst am Skript mitgewurstelt zu haben. Glattgebügelte, Flunder platte Figuren, ohne auch nur einen Schimmer davon, was der Scheiß eigentlich soll, den sie da meterhoch auftürmen, geben gelangweilt die ihnen in den Mund gesteckten Dialoge auf Groschenheftniveau wieder. Kein Anflug von Authentizität zu spüren. Kein Spritzer Herzblut auf der Leinwand. Und kein Funke Begeisterung, der überspringen könnte. Allein das Wort Enthusiasmus in Zusammenhang zu bringen mit diesem CGI-Kasperletheater klingt, spätestens wenn man den Film gesehen hat, grotesk.
Es ist nicht nur unsympathisch, sondern geradezu bizarr, wie versucht wird, einen möglichst ecken- und kantenlosen Film zu inszenieren für ein Publikum, dem Formen völlig egal sind. Wer derart von der Stange konsumiert, wie das in diesem Fall aktuell wohl ein Großteil der chinesischen Jugendlichen zu tun scheint, der schluckt nämlich ohnehin alles. Solange es nur gekonnt vermarktet wird. Jetzt einmal abgesehen von der uninspirierten Vorhersehbarkeit der ganzen Geschichte und der Tatsache, dass man ähnliche Dramen als Kind schon altersgerechter bei den Schlümpfen erlebt hat: Ist es als Zuschauer denn nicht auf Dauer öde, sich mit keinem einzigen der im Kampfgetümmel rumkloppenden (Schach-)Figuren auch nur halbwegs identifizieren zu können? Will man nicht doch vielleicht ein bisschen so etwas wie Persönlichkeit oder gar charakterliche Tiefe erkennen können? Ein bisschen mehr Profil als ein Strichmännchen? Und dann womöglich mitfühlen? Mitdenken? Miterleben? Wenn sich hier Travis Fimmel in seinem Fummel schmeißt, um die vollkommen unecht und damit unwichtig wirkende Welt der Menschen zu retten, dann merkt man ihm zu jeder Sekunde an, warum er das tut. Wegen des Salärs. Und das heißt, liebe „Warcraft"-Gemeinde, wegen des Geldes.
Natürlich ist nicht nur die Story dem Geist eines Elfjährigen entsprungen, sondern auch die Dramaturgie den griechischen Begriff nicht wert. Nicht nur, weil die Figuren einem restlos am Arsch vorbeigehen, sondern auch, weil der Konflikt und damit die Story an sich keinen Unterhaltungswert liefert. Wen scheren computergenerierte Trolle, die vervielfältigt nichts anderes tun, als rumstehen, rennen, Schwert schwingen, pennen? Niemanden. Nicht einmal einen Computer-Nerd. Der meint nämlich wenigstens zu Recht, dass er Teil seiner eigenen mediokren Online-Geschichte ist. Denn immerhin steuert er sie selbst. Dazu gesellen sich dann im Film noch die Menschen mit ihrem roboterhaften König, einem viel zu profanen, sonderbar gelangweilten (oder verdächtig sonderbaren) Magier und einem Held, der völlig neben der Spur wirkt, obwohl er mindestens so tolle Sachen wie Däumelinchen erlebt, nämlich auf dem Rücken eines Vogels über dem Geschehen zu schweben und ein wenig von der Welt zu sehen.
Ein geistig ähnlich gehandicaptes Konkurrenzprodukt ist die Transformers-Reihe. Doch lassen sich dort wenigstens potentielle Schauwerte ausmachen. Da werden wahlweise bekannte Urlaubsziele wie Las Vegas oder die Pyramiden über den Boden gebröselt. Da flitzen schöne Menschen in schönen Autos durch den Mais oder zum Mond. Da gerieren sich die Beteiligten in ihrer Kommunikation mitunter so lachhaft blöde, dass es ein Leichtes und womöglich sogar Unterhaltsames ist, sich darüber zu erheben und intellektuell zu mokieren. Und nicht zuletzt ist Michael Bay zwar ein erzählerischer Holzhacker, aber eben einer, der, was seine Bilder angeht, bisweilen fein schnitzen kann. Nichts davon zu erahnen bei Duncan Jones, der hier versucht ein Gemälde mit einer Streichrolle vom Baumarkt zu malen. Dieser Film ist so ziemlich das Letzte, was man dringend gesehen haben muss. Nur noch übertroffen vom Allerletzten, was man wirklich sehen möchte. Dem hier angekündigten zweiten Teil.