Ein Filmplakat wie ein Bad in einem Sternenmeer. Man kann die Laserstrahlen beinahe durch die Luft zischen hören (pew-pew!). Die Abwesenheit allen Irdischen wird da versprochen, maximaler Eskapismus, geflutet von futuristischer Geometrie, dominiert von der damals omnipräsenten Metallic-Schriftart, mit der man alles bedruckte, was nur zukunftsträchtig genug war. Man ist geblendet von der Macht des reinen weißen Lichts, das sogar ewigem Schwarz einen Ton von Purpur zu verleihen vermag. Da kann man es dem Betrachter nicht verdenken, wenn er gewisse Genre-Erwartungen aufbaut, mit denen eine solche Bildsprache verknüpft ist.
Müßig zu erwähnen, dass die Erwartungen einmal mehr nicht erfüllt werden. Anders war man es im Zeitalter der Videotheken ja auch nicht gewohnt. Hat man dieser Mogelpackung, die sich da schmückt mit sämtlichen SciFi- und Fantasy-Looks des amtierenden Zeitgeists, einmal verziehen, dass sie lediglich verschneite kanadische Wälder und Kleinstädte zu bieten hat, dann ist der erste Schritt getan, um mit „Abraxas“ unter dem Strich vielleicht sogar trotzdem ein bisschen Spaß zu haben.
Dazu ist zunächst einmal zu sagen, dass Damian Lees Mid-Budget-Heuler keineswegs alleine war mit seinem Dilemma, große Ambitionen zu haben, aber dann doch wieder nicht genug Knete für eine überzeugende Weltraum-Illusion zusammengekratzt zu bekommen, so dass man lieber zu den verlockend günstigen Drehorten direkt vor der eigenen Haustür griff. Eine ganze Reihe von ähnlich gearteten Kandidaten hatte in den auslaufenden 80ern aus der Not eine Tugend gemacht und die Welten von außerhalb einfach auf die Erde gebracht, frei nach dem Motto: Ist dir das Ferienparadies zu weit weg, dekoriere einfach dein Zuhause mit Palmen.
„Masters of the Universe“ (1987) dürfte diesbezüglich das prominenteste Beispiel sein, wird der unverhältnismäßig lange Abschnitt auf unserem Heimatplaneten doch seit jeher kritisch beäugt. Mit „Space Detective“ (1987), „Alien Nation“ (1989) und „Dark Angel“ (1990) entwickelte sich daraufhin sogar eine kleine Welle von SciFi-Action-Crime-Produktionen mit ausgeübtem Heimrecht, in denen irdische Gesellschaftsstrukturen anhand von Außerirdischen gespiegelt wurden, um das Irdische und das Außerirdische in einem Anflug von Meta-Parabel-Wahn direkt miteinander kollidieren zu lassen. So sehr hatte „Predator“ (1987) die Regeln des Spiels offenbar definiert.
„Abraxas“ ist der Spätzünder in dieser Ahnenreihe. Wie „Dark Angel“ wuchtet er mit zwei turmhoch gewachsenen Riesen in den tragenden Rollen, die jeweils einen halben Meter zu lang wirken für die oftmals klein skalierten Einstellungen von Kameramann Curtis Petersen, der sich in der schneebedeckten Pampa von Ontario wahrscheinlich weniger bei der Schlacht von Hoth aus „Das Imperium schlägt zurück“ (1980) wähnte als vielmehr bei der durchgeknallten Waffenfund-Szene aus dem Trash-Feuerwerk „Laserkill“ (1978). Da sprühen die Funken schon recht heftig in leuchtendem Orange vor der reinlichen weißen Kulisse.
Noch während die futuristischen Knarren ihre Projektile kreuzen, bringt das Drehbuch seine meschugge Geschichte auf Hochtouren. Menschenfrau Sonia Murray (Marjorie Bransfield), die den Weltraumcops in der Winterlandschaft dummerweise über den Weg läuft, wird in der laufenden Szene nicht etwa nur geschwängert (keusch per Handauflegen!), sondern trägt überdies auch gleich am nächstgelegenen Baum eine Mikrowellengeburt aus. So wird im Schnellwaschgang eine Terminator-Konstellation in die Wege geleitet, die darüber hinaus mit ein paar Tupfern „Der Große mit seinem Außerirdischen Kleinen“ (1979) garniert ist.
Bevor die Nummer aber schon in den ersten Minuten völlig außer Kontrolle gerät, wird mit einem Zeitsprung erst einmal auf die Bremse getreten und die Tarnung eines Autismus-Erziehungsdramas übergeworfen. Alien-Rüpel Secundus (Sven-Ole Thorsen, bekannt aus gefühlt jedem Schwarzenegger-Film), der das Kind im Prolog zwecks Welteroberungsfantasien zeugte, rückt vorerst wieder in den Hintergrund, während Sonia den Lead übernimmt und dabei von Jesse Ventura (jawoll, der Cowboy aus besagtem „Predator“) in der Titelrolle des gutmütigen Abraxas protegiert wird. Einen Jim-Belushi-Cameo (mit Comeback als Prinzipal!) später, der sicherlich deswegen zustande kam, weil seine damalige Ehefrau die Hauptrolle spielte, besteht kein Zweifel mehr an der Besonderheit des Jungen, und Secundus kehrt zurück, um seine Saat zu ernten.
Bevor es dazu kommt, ist aber bereits jede Menge dummes Gewäsch den Bach heruntergelaufen. Ein 10.000 Jahre alter Außerirdischer darf sicherlich auch mal etwas verklausuliert über abstrakte Konzepte wie die „Anti-Life Equation“ und ihre Auswirkungen daherreden, aber auch bei den Erdenbewohnern hat man oft das Gefühl, dass das Dialogbuch ihnen den Wasserhahn ein, zwei Sätze zu spät abdreht, wobei die letzten Tropfen immer besonders merkwürdig schmecken.
So wenig sich die Dialoge also dazu eignen, authentische soziale Interaktion zu imitieren, so erheiternd treiben sie doch den Plot wie eine Wildsau durch die nordamerikanische Provinz. Thorson und Ventura zögern nicht, eine Schneise aus Kollateralschäden zu hinterlassen, wobei diese hauptsächlich durch ihr stumpfsinniges Vorgehen zustande kommt und weniger durch wie auch immer geartetes filmisches Spektakel. Ein seltsam deplatzierter Jazz-Soundtrack kommentiert das Geschehen fast höhnisch und scheint sich über die spatzenhirnigen Fleischberge auf Seiten der Jäger und der Gejagten lustig zu machen. Dazu halluziniert sich der Schnitt höchst seltsame Kausalitäten zusammen. Er wird dabei mitunter sogar selbst kreativ, indem er beispielsweise einen Feuerball in den sich öffnenden Mund des kleinen Tommy einblendet, dem der Alien-Schutzengel gerade versichert hat, dass er ein tapferer Junge ist, der sprechen kann, wenn er nur möchte.
„Abraxas“ ist durchzogen mit derartigen What-the-Momenten. Sie sind hauptsächlich Konsequenz des Versuchs, vergleichsweise abstrakte Prinzipien der Science Fiction („Sind Sie jemals gewölbt worden?“, lässt die Einleitung gleich hochgradig mysteriös verlauten) in das Korsett eines albernen B-Movies zu zwängen, das von der oberflächlichen Zurschaustellung von Anomalien und Kontrasten lebt – wie eben ein tumber Riese einer ist, der seinen kleinen Schützling mit Lebensweisheiten versorgt, während ein zweiter Riese am anderen Ende der Stadt eine Schulklasse kapert und mit grimmigem Blick in die Runde grunzt „Ich liebe Kinder“. In Sachen Zukunftstechnologie wird aber immerhin ein Volltreffer gelandet: Ist die „Antwortbox“ der Außerirdischen nicht ein ziemlich präzise vorhergesagter Vorläufer eines Large Language Models, wie es inzwischen von jedem Smartphone aus abgerufen werden kann?
Kurzum: Ja, „Abraxas“ gehört tatsächlich in die exklusive „So Bad It’s Good“-Klasse, die so schwer zu erreichen ist, weil sie nicht erkauft werden kann. Man verdient sie sich mit überambitionierten Filmkonzepten, absurden Dialogzeilen, grenzwertigen schauspielerischen Darbietungen und einer alles überlagernden unfreiwilligen Komik, die man nicht planen kann. Von alldem hat dieses fast ausschließlich auf der Erde spielende Weltraumabenteuer fast ebenso viel wie frischen Schnee. Es gibt zweifellos Bad Movies, die ihren Namen noch mehr verdient haben, aber dieser hier zieht seine Unzulänglichkeiten ohne nennenswerten Leerlauf eiskalt durch. Da hat man sich schon königlicher gelangweilt.