Vorneweg möchte ich anführen: ich komme mit David O.Russell nicht besonders gut zurecht.
Ich weiß hin und wieder seine Filme zu goutieren, aber ich verstehe ihn nicht besonders, kann seine Filme nicht dechiffrieren. Bei anderen Künstlern fällt es mir leichter, sie zu „lesen“ und wenn ich denn dann auch sehe, wie gut die Schauspielerführung ist, wie geschlossen das Gesamtkonzept, wie emotional die Inszenierung, dann weiß ich, warum die Darsteller gern mit ihm arbeiten.
Das hat mich aber nicht davon abgehalten, mindestens zwei seiner Filme als misslungen einzuschätzen (Flirting with Disaster, I Heart Huckabees) und mindestens einen großen Erfolg als aufgeblasene und kostümierte Luftnummer abzutun (American Hustle).
Vielleicht mag ich mehr Zugänglichkeit, aber gerade der vielgeliebte „Silver Linings“ wirkte fast wie eine kleine Kapitulation vor dem, was Zuschauer gern von einem Film erwarten: Liebesgeschichte, Probleme, Drama, Humor.
„Joy“ ist nun wieder ein anderes Kaliber – und er macht es dem Publikum wieder nicht einfach. Das ist gut, wenigstens kein simples Cash-In nach zwei Kassenerfolgen, aber dafür darf man wieder auf der Zwiespältigkeit des Gezeigten rumkauen.
Da hilft es natürlich, wenn man damit werben kann, dass man das zweimalige Erfolgsteam erneut vereint hat: Russell wieder mit Bradley Cooper und Jennifer Lawrence, obendrüber Robert de Niro. Wird schon laufen.
Wie es sich an der Kasse zeigte: läuft irgendwie, aber lange nicht so, wie die Produktionsfirma sich das vielleicht vorgestellt hat…
Wie zwiespältig das alles ist, beweist, dass der Film Drama, Biopic und dann doch wieder nichts davon ist.
Offensichtlich wird hier die Geschichte der Shopping-Channel-Königin Joy Mangano erzählt, die mit guten, weil praktikablen Ideen und überraschender TV-Präsenz zu einer der reichsten Frauen im Showbiz aufstieg.
Aber hier soll nicht nur eine Lebensgeschichte erzählt werden, dafür hat man sich an der realen Joy eben dann doch nur bezüglich biographischer Eckpunkte bedient (Hochzeit, Scheidung, Kinder, Familie, Erfindung, Shopping Channel), bei den Beziehungen zwischen den Figuren und der Charakterschaffung eine Menge dazu erfunden.
Und um das auch noch zu unterstreichen, kommt Manganos Nachname im Film gar nicht vor, hier wird stets und von allen nur von „Joy“ gesprochen, auch von ihr selbst.
Gekleidet wird die teilerfundene Biographie dann auch noch in ein leicht märchenhaftes Gewand, indem das alles aus dem Off von der lieben Großmutter erzählt wird.
Märchenhaft (bzw. ziemlich marode) sind dann auch die Umstände im Hause Joy: Geldsorgen plagen, Kinder wollen ernährt werden, die Eltern sind getrennt, der Vater ein unkontrollierbares Großmaul, die Mutter sitzt seit der Trennung tagtäglich nur noch im Bett, im Keller wohnt der Exmann. Und kaum beginnt der Film, wird Dad nach zweijähriger anderweitiger Beziehung auch noch im Keller abgeliefert. Gelegenheit genug, sich gegenseitig heftig die Köppe zusammen zu hauen.
Der Verlust der jugendlichen Lebensträume, gepaart mit einem immer wieder aufflackernden Erfindergeist weisen dann wieder in Richtung Selfmade-Millionaire-Story, von dem Underdog, dass sich gegen alle Widrigkeiten durchsetzt, aber bis es soweit ist, präsentiert Russell den Weg zum Erfolg als eine Art Würgeschlinge aller übrigen Umstände.
Es ist dann nicht mehr weit bis zu Joys Erfindung Nr.1, dem „Miracle Mop“, einem auswechsel- und auswaschbaren Wischmop, an dem man sich nicht mehr die Finger naß machen muss – und dazu ist nicht mehr nötig als eine klassische Aschenputtelszene. Darin sortieren zwar keine Tauben Erbsen, aber Joy wringt einen scherbengefüllten Mop mit den Händen aus, das führt zu Blut und der Aderlass zur Epiphanie und zur Idee. (Ebenso märchenhaft ist, dass Joy weder an dem Scherbenunfall Schuld ist, noch ihn verursacht hat, aber freiwillig diese Art von Opfergang übernimmt, der ihr indirekt von den Beteiligten auch zugewiesen wird.)
So macht es Russell den Zuschauern schwer: einerseits ist eine Erfolgsstory eine feine Sache und das Durchsetzen gegen alle Widrigkeiten macht den halben Spaß aus, aber die unterschwellige Überhöhung des Märchenhaften, die unausgesprochene Wahrheit, dass Talent Erfolg verdient, die hätte sich nicht mal Hollywood in den 30ern oder 50ern getraut.
Gleichzeitig geraten die Nebenfiguren passend oder unpassend entsprechend grotesk: de Niro hat sichtlich Freude an einer seiner altgedienten Rolle als niemals richtig zuhörender Querulant, der praktisch auf alles scheißt, was ihm nicht nützt, Elisabeth Röhm gibt die neidvolle Stiefschwester, darüber thront Isabella Rossellini als böse Königin (die reiche Erbin). Dazu Diane Ladd als herzensgute Omi und Bradley Cooper mit Edgar Ramirez als zwei Hälften des Prinzen (in einer ironischen Wendung dieses Motivs scheint Cooper die schimmernde Rüstung zu besitzen, aber eben kein Gefühl; während Ramirez zu Beginn als bereits gescheiterter Nichtsnutz erscheint, der später zur emotionalen Rückendeckung wird, die Joy aber auf dem Weg zur modern-erfolgreichen Frau nicht mehr für voll nehmen darf).
Der Weg zum Erfolg ist jedoch steinig und die Steine legt sich die unerfahrene Prinzessin in spe dann aber oft selbst in den Weg, denn der Film präsentiert sich auch noch als eine bizarre Variante des „Familie-über-alles“-Modells, doch das Drehbuch führt das Märchen ins leicht Groteske weiter und präsentiert die „Bösen“ so übertrieben gegensteuernd, unfair und monströs, dass man irgendwann Widerwillen gegen den Plot entwickelt.
Der wiederum hat die unterschwellige Botschaft, dass man für den Erfolg selbst zupackend, gnadenlos und im entscheidenden Moment auch mal mit Killerinstinkt arbeiten muss, aber bis es soweit ist, dauert es schon anderthalb Stunden und viele Tränen, Enttäuschungen und verschiedene Rettungsaktionen der guten Fee, die hier als ihre beste Freundin Jackie verkleidet ist, die im entscheidenden Moment mehrfach Starthilfe gibt.
Doch auch im finalen Erfolg bleibt die Story zerfahren, wird nie klar, warum Joy die Fieslinge und Miesmacher stets immer noch unterstützt, sie später finanziert – und sich dann selbst in eine Kunstversion der Figuren verwandelt, die man in der Filmmitte noch im Shopping Channel angegrinst hat, weil sie so furchtbar künstlich wirken. Der Erfolg gibt ihr Recht, aber ist das dann Satire? Ist das Ironie, wenn dem TV-Einkauf gehuldigt wird und man dort dem Volke gibt, was es angeblich wirklich will und braucht? Wenn das alles kritikfrei aufgeführt wird. Ist Russell das eigentlich wichtig?
Fest steht: nachdem Jennifer Lawrence in „Hustle“ einen zerfahrenen Film mit einer Nebenrolle stahl, wird sie hier jetzt als Hollywoodikone inszeniert, die omnipräsent in jeder Szene auftaucht, das ganze Emotionsspektrum abdeckt, alles trägt und das Publikum in Sachen Sympathie mitnimmt (das fällt aber auch nicht schwer). Dank des Verfremdungseffekts umgeht sie die Klippen, direkt in den Bereich einzufahren, der für personenzentrierte Star-Filme reserviert ist (Tom Hanks, Will Smith), aber die baldige Beförderung und gleichzeitige Abstempelung droht jetzt leider schon.
Bis es soweit ist, darf man sich diese emotionale Achterbahnfahrt aber durchaus gönnen, auch wenn das Ergebnis ein wenig zerfahren daher kommt, die Hauptfigur lange zu zaghaft, die Gesamtkomposition etwas zu unsympathisch. Was angesichts des Märchenhaften fehlt, ist die nötige Portion Herz, um diesen halben Weihnachtsfilm für längere Zeit zu konservieren. Aber es funktioniert notfalls auch so. (6,5/10)