Ein Western von blutigem Format
Tarantino kann's noch! Nein, nicht Leute schockieren, geniale Drehbücher schreiben & einem coole Sprüche um die Ohren ballern... ich meine verdammt polarisierende Filme zu machen! Das hat Vor- & Nachteile, kann man, wie "The Hateful 8" selbst, lieben oder hassen, ist nach Crowdpleasern wie "Inglorious Basterds" aber definitiv erfrischend & zaubert mir das größte Grinsen des gesamten Films ins Gesicht. Ohne Rücksicht auf Verluste oder Leute denen im Kino langweilig wurde, voll in seiner ganz eigenen Vision, voll in Verbeugung vor einem seiner liebsten Genres, dem Western. Und davor kann man sich auch nur verbeugen: Herr Tarantino, so wie sie, verfolgen nur noch ganz Wenige in Hollywood ihre eigenen Regeln, geben einen dicken Haufen auf Publikumswünsche. Vielleicht noch die Coens (s. "Hail, Ceasar!"), aber außer Tarantino liefert nach über 20 Jahren im Business doch keiner mehr einen Film ab, der selbst vielen selbsternannten Hardcore-Fans zu viel ist, über den Kopf fliegt & den sie einfach nicht checken - Chapeau also erstmal für die Eier & das sicher oft aneckende, sture Genie. Besser als angepasste, weichgespülte Massenware ist das meiner Meinung auf jeden Fall. Auch wenn mir der glattere, ereignisreichere "Django Unchained" doch noch ein Stück besser gefällt... Meckern auf einzigartigem Niveau.
Während sich die meisten Kill Bill 3, einen Film über die Vega-Brüder oder einen ernsten Horrorfilm von Quentin Tarantino gewünscht hätten (ich vor allem Letzteres!), macht dieser Mann nach "Django Unchained" einfach noch einen Western. Diesmal in sagenhaftem & ausgestorbenen 70mm Breitbild, über 8 Fremde Westerncharakter, die sich in einer verschneiten Berghütte nicht lange freundlich gesinnt sind. Für die 70mm-Roadshow-Version fuhr ich gerne von Köln nach Essen in die prachtvolle Lichtburg - denn ich bin wirklich der Meinung, dass der Film dadurch enorm an Atmosphäre gewinnt, in dieser Version gesehen werden muss & das für dieses Ereignis keiner Kosten & Mühen scheuen sollte. Denn wenn schon in Nostalgie, Kinomagie & Westernfeeling schwelgen, dann auch richtig. Extrabreit, extralang, extraschön, mit extra fähigem Publikum, inklusive Overtüre & Intermission. Und auch wenn die Bilder dieses Jahr von "The Revenant" schonmal getoppt wurden, sie später zuhause niemals mehr so einsinken & über die breiten Aufnahmen bei einem Psycho-Kammerspiel gestritten werden kann, ist der Film optisch & akustisch eine Wucht. Schnee- & Spaghetti-Western wird gehuldigt, Carpenter & Leone (!!!) machen den Soundtrack unvergesslich, die Darsteller spielen zwar typische Westerncharakter, fast schon comicartige Schablonen - das aber hart, rotzig & frech wie nie. Der letzte großspurige Western vielleicht, der sich gleichzeitig vor seinen Ahnen verbeugt, mit ihnen aber auch nichts zu tun haben will & den Stinkefinger zeigt. Ein Rebell halt, wie sein Vater.
Die Geschichte ist eigentlich super simpel & "nur" ein Mix aus "Who dunnit" & Splatter-Western - noch dazu wird mehr gequatscht als je zuvor & der Film hat es mal so gar nicht eilig, schwelgt oft (sympathisch) in seiner eigenen Geilheit. Aber auf Story oder Twists kommt es auch gar nicht an, auch mit Gewaltspitzen lockt der Mister BigBudget-Exploitation keinen mehr weg vom Kaminfeuer. Der Hauptgrund warum er immer wieder Kult & Geniales erschafft, einen extremen Wiedererkennungswert & Rewatchability in den Schnee pisst, sind die von ihm geschaffenen Charakter. Ob Kurt Russel als eisenharter Henker, Bruce Dern als rassistischer Altgeneral oder die zwei aus dem eindrucksvollen Cast nochmal herausstechenden Jennifer Jason Leigh & Samuel L. Jackson - egal wie böse, mysteriös, brutal oder durchtrieben sie sind, egal ob sie im Endeffekt eher gut oder böse sind, man verbringt gerne mit ihnen Zeit. Selbst wenn es nur dabei Zugucken ist, wie sie lustig-perverse Scheisse labern. Die Dame des Hauses hätte den Oscar für die beste Nebendarstellerin verdient & Jacksons "Geschichte" direkt vor der Pause, ist jetzt schon eines der Highlights des Kinojahres. Ganz großes Kino auf ganz kleinem Raum mit vielen ganz großen Egos & ein paar ganz scharfen Zungen. Ist er zu lang, bist du zu schwach. Hier muss man Kino schon sehr lieben. Sicher nicht perfekt, aber mit Kanten zum Verlieben.
Fazit: die Bilder sind episch, die Sprüche markig & die liebenswert-bösen Charakter das Herzstück dieses Westerns der härteren Gangart. Auch wenn nichts passiert, verbringt man einfach gerne ein paar Stunden mit seinen ärgsten Feinden. So eine Hommage an's Genre & an's Kino kann momentan nur einer... Mr. T.