Tarantion bringt Zelluloid zurück ins Kino! Zumindest in ein paar wenige. Und ganz egal, ob das nun Sinn oder einen signifikanten Unterschied macht und über die Wertigkeit eines gewissen Marketing-Gags hinausgeht, bin ich neidisch auf alle, die in den Genuss der Roadshow gekommen sind.
Ein wild zusammen gewürfelter Haufen verschiedener Charaktere sitzt während eines Schneesturms in einer Schenke fest. Ein Sheriff, ein Henker, ein Mexikaner, ein paar andere und mittendrin Kopfgeldjäger John Ruth (Kurt Russell) mit seiner Gefangenen Daisy Domergue (Jennifer Jason Leigh), einer gesuchten Verbrecherin, die er nach Red Rock überführen will, wo das schändliche Weib hängen soll. Doch ist alles so, wie es scheint? Ist jeder in der Hütte der, der er vorgibt zu sein? Oder lügt jemand, um Daisy zu befreien...?
HATEFUL 8 ist ein kuscheliges Sit-in, ein Kammerspiel mit Rätselraten. Tarantino gab an, sich Carpenters DAS DING AUS EINER ANDEREN WELT zum Vorbild genommen zu haben. Die Ähnlichkeiten sind bei näherer Überlegung frappierend. Der Streifen ist ein rundes Ding, ganz klar, aber alles andere als ein großer Wurf. Alles ganz Tarantino-like. Viel Geschwätz, viele flapsige Sprüche, gut gestreute Gewaltexzesse und das N-Wort wird überstrapaziert. Hauptsächlich natürlich von dem einzigen Mann, der das ungestraft darf: Samuel L. Jackson. Immer wieder schön ihn zu sehen, aber er spielt ja ohnehin in jedem Film mit. Der Film lebt von seinen Charakteren und der Darbietung der Darsteller.
Schön mal wieder zu sehen:
die herbe Schönheit Jennifer Jason Leigh (JUNG WEIBLICH LEDIG SUCHT, SHORT CUTS, EXISTENZ)
Raubein Kurt Russell (STARGATE, THE THING, DEATH PROOF)
Tim Roth (PULP FICTION, FUNNY GAMES U.S., LIE TO ME)
Weit hinter den Erwartung zurück:
"Mr. Cool" Michael Madsen (KILL BILL, DONNIE BRASCO, FREE WILLY)
Channing Tatum (21 JUMP STREET, MAGIC MIKE) in einer kleinen Nebenrolle
Überraschend:
Walter Goggins (SONS OF ANARCHY, DJANGO UNCHAINED)
Gott sei Dank nicht dabei:
Christoph Waltz ;-)
Im Angesicht des bombastischen Staraufgebots könnte man fast von verschenktem Potenzial reden. Ferner ist fraglich, ob der Film bei der zweiten Sichtung nochmal genau so viel Spaß macht, wenn man den Twist kennt. Allerdings macht H8FUL 8 natürlich auch vieles richtig. Die Darsteller spielen super. Und mit der Filmmusik von Ennio Morricone (SPIEL MIR DAS LIED VOM TOD, THE GOOD THE BAD & THE UGLY) kommt auch tatsächlich authentisches Western-Feeling auf.
Mittlerweile dürfte es wohl jeder kapiert haben: Tarantino steht auf Western. Auch wenn man mit Cowboys und Revolverspielen nichts anfangen kann, freut es den geneigten Filmfan, wenn die coolste Sau im Filmbusiness mit einer neuen Kopfgeburt an den Start geht. So liegt mit HATEFUL 8 auch kein klassischer Western vor. Der Mann mit der hohen Stirn verlagert lediglich einen seiner Gangsterplots in die Zeit von PAT GARETT & BILLY THE KID, mengt dem Ganzen ein bisschen Blut, Scharfzüngigkeit und Coolness bei und fertig ist der Filmspaß - kurzweilig, poppig, zum Schmunzeln: langweilig wird es jedenfalls nicht.
Fazit:
RESERVOIR DOGS im Wilden Westen. Kein sonderlich großer Wurf, aber durchwegs sehenswert.