Review

Tarantino war im Grunde nie der Filmemacher, zu welchem ihn seine Fans überhöhten: Er hat sich die eher exploitativen & spekulativen Vertreter des Genrefilms geschnappt und sie mit all jenen Innovationen neu aufbereitet, welche Tarantino sich beim - zumindest früher von ihm verehrten - Jean-Luc Godard abgeguckt hatte (der über Tarantino bis heute bloß unbeeindruckt spötteln kann); als Zugabe gibt es zigdutzendfache Querverweise auf diese & jene Filme, welche am ehesten noch jene Zuschauer(innen) beeindrucken, die bloß um die Menge der Verweise wissen, diese allerdings nicht bewusst registrieren und ihre Willkürlich- & Bedeutungslosigkeit kaum durchschauen.
Aber er dreht mit ersichtlicher Leidenschaft und einer Crew begabter Handwerker reißerische Unterhaltungsfilme, die zumindest keine 08/15-Ware darstellen. Nur selten gelingt es ihm dabei, aus zitierten Vorbildern mehr herauszuholen als launige Anspielungen: Dieser Drang, in Zitationen der Filmgeschichte zugleich auch einen Kommentar auf ebendiese zu liefern, beginnt spätestens mit "Inglourious Basterds" (2009) - seinem Film über die Macht des Films, über die Abhängigkeiten & Möglichkeiten des Filmbetriebs und über den Film als Prozess zwischen Mythenbildung, Märchenerzählerei und Geschichtsschreibung. Ein Film, der die (Neo-)Nazis mit eigenen Waffen schlägt: Mit Propaganda & Baseballschlägern.
"Django Unchained" (2012), Tarantinos erster Western - einer gerüchteweise geplanten Westerntriologie -, verweist wie schon "Inglourious Basterds" vor allem mit seinem kokettierenden Titel auf das Italo-Kino, ist aber in erster Linie eine Konfrontation von Hollywoods Südstaatendramen seit D. W. Griffith mit dem Blaxploitationkino der 70er Jahre.

"The Hateful Eight" beginnt zunächst - mit seinen verschneiten Western-Landschaften und einer Kutsche voller Typen mit unterschiedlichen Interessen - wie eine Hommage an Corbuccis großartigen "Il grande silenzio" (1968); Tarantino wird aber weder an das berührende Einsamkeits-Drama, noch an die politische Relevanz dieses wundervollen Italowesterns heranreichen. Dann ist "The Hateful Eight" aber auch deutlich von Carpenters "The Thing" inspiriert worden: Eine [Achtung: Spoiler!] überschaubare Gruppe einander misstrauender Männer, von denen am Ende nur zwei Überlebende ihrem baldigen Tod ins Auge blicken, im klaustrophobischen Setting inmitten einer sturmgepeitschten Eis- & Schneelandschaft; Kurt Russell in tragender Rolle, das gespannte Seil zum Klohäuschen und die direkt aus dem Carpenter übernommenen Morricone-Tracks machen deutlich, dass es sich nicht bloß um eine zufällige Parallele handelt.
Um zu klären, worum es in diesem Corbucci-/Carpenter-Mischmasch unter der Oberfläche des klaustrophobischen Kammerspiel-Westernthrillers unter anderem geht, macht es durchaus Sinn, nochmals in Tarantinos Filmografie zurückzuspringen: zum "Death Proof" (2007) seines Grindhouse-Projekts, in welchem (zum Unwillen vieler Fans) ein jämmerlich heulender Kurt Russell als misogyner, sadistischer, mordender Stuntman Mike im Finale von einer Gruppe tougher Frauen totgeprügelt wird. Die schon in "Kill Bill" (2003/2004) zur Geltung kommende, aber episodisch aufgelockerte Struktur des Rachethrillers wird hier in ihrer konzentrierten Form dargereicht - und kommt zugleich als Geschlechterkampf, als Kampf emanzipierter Frauen gegen einen misogynen Sadisten daher. "Death Proof" ist weniger ein Rape- & Revenge-Thriller, weniger ein Verrats- & Rache-Drama wie "Kill Bill", sondern ein Film über die gewalttätige, genüssliche Rache an einem gewalttätigen Machismus, einer gewalttätigen Misogynie: ganz so, wie "Inglourious Basterds" ein Film über genüssliche Rache an Nazis und "Django Unchained" ein Film über genüssliche Rache an rassistischen Sklavenhaltern war... Ein recht billig auf einfältigste Bedürfnisse spekulierender Zug: Tarantino, der zur Rache im wirklichen Leben gar keine Meinung hat, begründet die Rache-Themen in seinen Filmen kurz & einfach damit, dass Rache im Film toll sei: "Rache im echten Leben ist ... - was immer es ist. Vielleicht sogar dumm. Aber in Filmen ist Rache toll! [...] Das ist befriedigend. Früher sind mir Filme um Rache nicht weit genug gegangen, meistens machten sich die Filmemacher ins Hemd beim Gedanken um Moral und so. Ich scheiß' auf all das."[1] Dieses exzessive (vermeintlich furchtlose, tatsächlich dämliche) Scheißen auf die Moral, mit welchem Tarantino die Befriedigung eines Bedürfnisses verbindet, kommt seinen Filmen kaum zugute, treten sie doch mit einem moralischen Impetus auf (den Tarantino in Interviews auch immer wieder hervorgehoben hat), um dann letztlich - ohne sich von Moralvorstellungen beirren zu lassen - genüsslich zelebrierte Gewaltakte an negativ gezeichneten Figuren in Szene zu setzen.

Nun ist auch "The Hateful Eight" ganz offenbar ein Film über Rache - allerdings auch ein Film, in welchem Tarantino angebrachten Vorwürfen bezüglich seiner Rache-Inszenierungen explizit begegnet: "The man who pulls the lever that breaks your neck will be a dispassionate man. And that dispassion is the very essence of justice. For justice delivered without dispassion is always in danger of not being justice." Das sagt Tim Roth als Oswaldo Mobray in "The Hateful Eight"... Nun ist Oswaldo allerdings eine Figur, die zunächst als ein Vertreter des Gesetzes und der Gerechtigkeit auftritt, sich später jedoch als getarnter Verbrecher entpuppt - und dem Publikum damit die Frage beschert, ob das Zitat nun die Meinung eines verachtenswerten Schurken darstellt, oder die Meinung eines ehrenwerten Vertreters des Gesetzes (die der Schurke zu haben vorgibt, während er sich als Vertreter des Gesetzes ausgibt); oder auch die Meinung, die Vertreter des Gesetzes bloß in den Augen von heuchlerischen Schurken zu haben scheinen.
Der Film selbst liefert darauf - zieht man die absonderlichen Tarantino-Interviews nicht hinzu! - keine eindeutige Antwort; präsentiert aber am laufenden Band Geschichten über Gerechtigkeit & Rache: Da ist die aufgrund ihrer Verbrechen steckbrieflich gesuchte Daisy Domergue, die ihrer bevorstehenden Hinrichtung zugeführt wird; der Kopfgeldjäger John Ruth, der seine eingefangenen Verbrecher(innen) aus Prinzip lebend zustellt - und Daisy jede noch so kleine Aufmüpfigkeit mit einem Fausthieb vergilt; der farbige Major Marquis Warren, der im Bürgerkrieg soviele rassistische Südstaatler wie möglich ermordet hat - und der seinerseits steckbrieflich gesucht wurde, weil er aus einem Kriegsgefangenenlager ausgebrochen war, indem er es niedergebrannt hatte (wobei etliche Süd- & Nordstaatler gleichermaßen umgekommen sind); der Sheriff Chris Mannix, der als Mann des Gesetzes gegen Farbige hetzt; der mörderische Kriminelle Oswaldo Mobray, der sich als Henker ausgibt und in dieser Rolle über Gerechtigkeit & Rache sinniert; der Rassist & Südstaatler General Sandy Smithers, der von Warren über den Haufen geschossen wird, als dieser ihn mit Provokationen dazu gebracht hat, nach einer Waffe zu greifen (und damit Trintignants Trick aus "Il grande Silenzio" verwendet); die kriminelle Bande - der auch Daisy und Oswaldo angehören -, welche die Miederwarenladen-Besitzerin und deren Bekanntschaften umgebracht hat und die im Laufe des Films entlarvt und im Gefecht aufgerieben wird... und da sind noch ein paar spannende Details mehr vorhanden: Da gibt es etwa Farbige, die mit Rassisten so ihre Erfahrungen haben, und ihrerseits Mexikanern mit Abneigung begegnen (wovon das Publikum aber nichts zu Gesicht bekommt).
Es gibt aber nur zwei Akte wahrhaft leidenschaftlichen Strafens in "The Hateful Eight": Major Warren provoziert General Smithers, indem er diesem genüsslich erzählt, dass er dessen Sohn getötet habe; er habe ihn entkleidet durch die Winterlandschaft getrieben und ihn vor seinem Tod noch dazu gebracht, ihm einen Blowjob zukommen zu lassen, um ihn dabei gehörig zu verhöhnen.[2] Und auch wenn diese Geschichte eines genüsslichen Racheaktes (wie auch soviele andere Behauptungen in "The Hateful Eight") nicht der Wahrheit entsprechen sollte,[3] so ist doch zumindest ihre genüssliche Schilderung gegenüber General Smithers eine recht leidenschaftliche Form der Rache - zumal Warren ausdrücklich Smithers für den Tod seines Sohnes verantwortlich macht. Der zweite Akt leidenschaftlichen Strafens betrifft schließlich Daisys Tod: Major Warren und Sheriff Mannix - zwei Männer mit unterschiedlichen Ansichten, die allen Grund haben, sich zu hassen! - raufen sich böse verwundet zusammen, um Daisy im Finale nicht einfach bloß zu erschießen, sondern um sie am Strick hochzuziehen und noch ein Weilchen zappeln zu lassen; zwei verfeindete Männer, die vergnügt in brüderlicher Harmonie im Bett liegen und einer Frau beim Leiden zusehen.

Es trifft sicherlich zu, dass die überbordende Splatter-Ästhetik - mit der Beigabe einer Menge Galgenhumors - nicht gerade unangenehme, verstörende Effekte aus der Gewaltdarstellung von "The Hateful Eight" zieht; aber es fällt doch auf, dass gerade die früher so lustvolle, vergnügliche Rache hier etwas uneindeutiger zelebriert wird.
Das liegt zum einen daran, dass es in "The Hateful Eight" keine rundum sympathischen Figuren gibt: Warren ließ dutzendweise Gefährten lebendig verbrennen, um die eigene Haut zu retten; Mannix ist ein ausgeprägter Rassist - zwei eher untypische Rächer im Tarantino-Kosmos.
Und wenn Warren davon spricht, wie er einen anderen Mann bei niedrigsten Temperaturen entkleidet und ihn auf die Knie gezungen hat, um sich von ihm den Schwanz lutschen zu lassen (und die als Gegenleistung für diese Leistung versprochene, wärmende Decke dann doch nicht zu überreichen), derweil er sich dabei köstlich amüsiert, geht über das bei Tarantino übliche Maß von Genugtuung durch Rache weit hinaus: Warrens Vergeltung ist eher schon in sexualpathologischen Gefilden anzusiedeln.
Hinzu kommt, dass solch homoerotische Betätigung bei Tarantino negativ konnotiert ist: Zwar wirkt Warren mit seiner Haltung - nach der es keinesfall unrühmlich sei, sich von einem anderen Mann oral befriedigen zu lassen, nach der es aber unrühmlich sei, als Mann einen Mann oral zu befriedigen - nicht ausgesprochen homosexuell; aber zumindest erwähnt er an anderer Stelle einmal, dass er nicht begreife, was Männer an Daisy Domergues Reizen fänden. Mit seiner Sexualität scheint - durch die Tarantino-Brille betrachtet - etwas nicht normal zu sein: vielleicht ist er auch deshalb der erste harte Bursche bei Tarantino, der zuletzt über keine Eier verfügt (nachdem ihm versteckter Schütze in den Schritt gefeuert hat).

Über Eier zu verfügen ist eine Eigenschaft, die Tarantino - in seinen Filmen, in seinen Interviews! - enorm wichtig zu sein scheint: Traditionelle Männlichkeit wird zwar mitunter ironisiert, parodiert und zum Mythos oder zum Klischee erklärt, aber niemals aufgegeben. (Selbst der Serienkiller in "Death Proof" ist - solange er mordet - ein harter, ganzer und souverän & charismatisch gezeichneter Mann; erst als er im Finale von seinen Gegnerinnen aufgerieben wird und sich als weinerlicher Feigling zeigt, bricht Tarantino mit der charismatischen Zeichnung des Killers: Und auch das bisweilen enttäuschte Publikum warf dem Film teilweise eher vor, dass Kurt Russell als Weichei auftritt - und nicht etwa, dass er als charismatischer, sadistischer Frauenmörder auftritt.)
Dass Männlichkeit in "The Hateful Eight" eine enorm große Rolle spielt, zeigt nicht zuletzt der übergroße Verweis auf Carpenters "The Thing": Carpenter setzt im Gegensatz zur Erstverfilmung der Sci-Fi-Erzählung auf eine ausgesprochen raubeinige Männergesellschaft, in der bloß die weibliche Stimme eines Schachcomputers präsent ist. Angesichts der Gefahr durch das außerirdische Ding greifen sie daher zu einer als sehr männlich geltenden Form der Problemlösung und greifen zur Gewalt, die sie auch untereinander zum Einsatz kommen lassen.
Man kann aber auch zum kernigen Sam Fuller-Kriegsfilm "The Big Red One" (1980) greifen, an welchen Tarantino zu Beginn die Gestaltung des riesigen Jesus-Kreuzes am Wegesrand anlehnt; oder zu Dmytryks Kriegsfilm "Eight Iron Men" (1952), den die Gestaltung des Filmtitels vage assoziiert. In beiden Filmen geht es um reine, auf die Probe gestellte Männercliquen, in denen Frauen weitgehend als bloß Imaginiertes präsent sind: als weibliche Stimmen (aus dem Radio, nicht aus Schachcomputern!), als Traumbilder...[4] "The Hateful Eight" bietet zwar mit Daisy Domergue eine weibliche Hauptfigur, die im Film aber erstaunlich passiv bleibt (und ihre Kumpanen für sich tätig werden lässt) und somit genug Raum für einen Männerfilm mit all seinen gewalttätigen Konflikten lässt.
Die erwähnten Kumpane wollen Daisy - unter der Anführung ihres Bruders - aus den Klauen des Kopfgeldjägers befreien, welcher eher befürchtet, dass ihm jemand das Kopfgeld streitig machen will. Fast alle der (ein Dutzend) Morde gehen auf das Konto von Männern: Daisy erschießt bloß ihren ohnehin sterbenden - da vergifteten! - Kopfgeldjäger, als dieser sie ein letztes Mal brutal zusammenschlägt. Sie ist gewiss ein durchtriebenes, egoistisches Miststück, welches entweder selber reichlich Missetaten begangen hat oder zumindest ihre Kumpanen bei solchen Missetaten unterstützt hat. Aber die Vielzahl von Fausthieben, Ellbogen-Stößen, Warn- & Streifschüssen, welche sie für bloße Beleidigungen oder ungefragte Antworten (von Ruth & Warren) erhält, ist wahrlich unverhältnismäßig; und als Ruth erklärt, dass Warren sich nicht gerne Nigger nennen lasse, entgegnet sie, dass man zu ihr schon weit schlimmeres gesagt habe (womit Tarantino die Frau neben den Farbigen und den Mexikanern zu einer dritten unterdrückten Gruppe in "The Hateful Eight" ausweist); und vor allem zeigt Tarantino sie nahezu nie beim Begehen von Grausamkeiten (sieht man vom Erschießen eines sowieso sterbenden Mannes, der sie zudem gerade verprügelt, einmal ab). Dagegen mutet die Erschießung ihres durchaus arschlöcherigen, aber entwaffneten und sich ergebenden Bruders vor ihren Augen ausgesprochen grausam an - zumal sich zwischen Daisy und ihrem Bruder eine im Film nur selten zu sehende Zärtlichkeit der Blicke abzeichnet. Dass sie von Warren & Mannix im Gedenken an Ruth - der einmal erklärt: "You only need to hang mean bastards, but mean bastards you need to hang!" - erhängt und nicht erschossen wird, während die Männer aus dem Anblick ihres zappelnden Körpers Genugtuung ziehen, rundet das Bild einer recht widerlichen Gewaltausübung noch ab: Auch hier mutet die Rache keineswegs eindeutig befreiend an, sondern sie erscheint - zum zweiten Mal beinahe sexualpathologisch motiviert! - unangebracht, unnötig grausam und hässlich. (Zumal man meinen sollte, dass Daisy mit ihrem blauen Auge, ihrem Nasenbluten, ihren rausgecshlagenen Zähnen und ihrer zerschossenen Fußspitze ohnehin bereits genug gelitten hat, um die Rachsucht der Männer zu stillen.)

Es ist auch unüblich, dass Tarantino mehrere vergnügte Männer Rache an einer Frau nehmen lässt: Meist rächen sich Frauen an Männern, Frauen an Frauen, Männer an Männern. Die Gewalt, die Männer gegenüber Frauen anwenden, ist in "Kill Bill", "Death Proof" oder "Inglourious Basterds" eine Gewalt unsympathish gezeichneter Figuren. (So auch in der Rückblende in "The Hateful Eight", in der Daisys Kumpane die zur Hälfte weiblichen Personen im Miederwarengeschäft erschießen.) In "Jackie Brown" (1997) treibt Tarantino zwar einen grimmigen Scherz damit, dass Robert De Niro Bridget Fonda kurzerhand erschießt, weil sie ihn über Gebühr nervt, aber zur Gewalt an Frauen durch Männer hatte er bislang in seinen Filmen eine relativ deutliche Haltung.
Denn nicht nur liebäugelt Tarantino mit einem traditionellen, vermeintlich coolen Bild von Männlichkeit; er tendierte bislang allem Anschein nach zur verbreiteten Haltung, nach welcher Gewalt an Frauen verächtlicher sei als die Gewalt an Männern. Kam sie vor, dann als geächtete Schurkentat, als vermeintlich fairer Catfight oder als schwarzhumoriger Witz mit grotesk überzogener Gewalttätigkeit. Tarantino ist ein Filmemacher, der sich ganz ungeniert den Frauen zu Füßen legt - was bei dem erklärten Fußfetischisten ganz wörtlich zu nehmen ist: Für ein Shooting mit Jean-Baptiste Mondino kauert der Regisseur zu Diane Krügers Füßen, liebkost ihre Waden und streichelt ihre Füße; das waren nicht die ersten Bilder dieser Art; in seinem Filmen klebt oft genug auch die Kamera an den Zehen oder Fersen von Tarantinos Muse Uma Thurman; in "From Dusk Till Dawn" (1996) beäugt er Juliette Lewis' Füße und leckt Tequila von Salma Hayeks Füßen. Er ordnet sich - und den Blick seiner Kamera - gerne den Frauen unter; und schwört vor allem auf seine weiblichen Fans: In einem 15minütigen Interview, das dem Bonusmaterial vieler "Reservoir Dogs"-Veröffentlichungen beiliegt, sagt er über Frauen etwa: "They always were like my strongest defenders." (Damit meint er freilich nur jene Frauen, die ihn auch wirklich verstanden hätten - als wäre es unmöglich, ihn zu verstehen und dennoch harsch anzugehen.)
Nun spricht er zwar im weiter oben zitierten, wesentlich jüngeren Interview auch angesichts von "The Hateful Eight" von einer befreienden Rache: aber Tarantinos Interviews waren schon immer schlecht geschauspielerte Selbstinszenierungen. (Authentisch ist Tarantino im Grunde nur dann, wenn er völlig aus der Rolle fällt und verärgert Journalisten der Lüge bezichtigt oder aufdringlichen Reportern wütend Schläge androht.) Doch auch der Film selbst ist in dieser Hinsicht angenehm uneindeutig: Er stilisiert Daisy ja nicht als reine Opferrolle; in ihren eigennützigen Absichten scheint sie sogar eine der schlechtesten Figuren zu sein. Ob man die zwei Männer - den weißen Rassisten und den egoistischen, farbigen Rächer! -, die da lachend im Bett liegen und die zappelnde Frau am Strick hochziehen, als Genugtuung erntende Rächer oder als sadistische Chauvinisten betrachtet, hängt wohl mehr als sonst bei Tarantinos Rachestreifen von der eigenen Moralvorstellung ab: Bei den bestraften Nazis und Sklavenhaltern aus den vorangegangenen Filmen war die Intention offensichtlicher und die Reaktion des Publikums geschlossener.

Und gerade darin liegt die Qualität von "The Hateful Eight": er greift nicht zur s/w-Malerei, um sodann ziemlich spekulativ, aber mit gutem Gewissen primitive Bedürfnisse zu befriedigen. Hier sind alle mehr oder weniger eigennützig und ausgesprochen unedel: Die Weißen, die Farbigen, die Mexikaner, die Männer, die Frauen, die Alten, die Jungen; und es gibt kaum eine Randgruppe, die nicht über andere Randgruppen herzieht. Und die früher so gerechtfertigt erscheinenden Rachegelüste wirken hier schon etwas befremdlicher als zuvor: weil die Rächer selbst recht unanständig auftreten; weil die Rache von ihnen pervers inszeniert, penibel geplant wird. "The man who pulls the lever that breaks your neck will be a dispassionate man. And that dispassion is the very essence of justice. For justice delivered without dispassion is always in danger of not being justice." Über diese Aussage - und darüber, ob sie nun von einem Schurken oder einem Gerechten stammt - darf man gegen Ende nochmals nachdenken.[5] Das macht "The Hateful Eight", der anders als "Death Proof", "Inglourious Basterds" oder "Django Unchained" keine so eindeutige Agenda mehr zu verfolgen scheint, zu einem wesentlich interessanteren Film.
Und wie für die womöglich wahren, womöglich erlogenen Geschichten in "The Hateful Eight", so gilt auch für die womöglich genugtuende, womöglich abstoßende Rache: Man kann das Sein schnell mit dem Schein verwechseln. Und das heißt, dass "The Hateful Eight" kein Film ist, in welchem jeder sehen darf, was er sehen will - sondern ein Rachefilm, nach welchem man seine eigenen Werturteile nochmals hinterfragen muss...
Natürlich gibt es auch hier die für Tarantino typischen willkürlichen Spielereien - den zweimal einbrechenden Off-Erzähler und die kurze Rückblende mit neuer Perspektive! -, dramaturgische Schwächen - das lange Rückblenden-Kapitel, das sich stimmungsmäßig gar nicht anpassen will und damit sich selbst und vor allem seinem Rahmen zum Schaden gereicht! - und unoriginelle, aber schwelgerisch zelebrierte Dialoge - die vor allem Walton Goggings zukommen, der aber immerhin mit einem hervorragenden Italowestern-Gesicht bestechen darf! -, aber die wundervolle Kameraarbeit in atemberaubenden (aber wenigen, nicht gerade abwechslungsreichen) Landschaften, die "The Hateful Eight" zum hübschesten Schneewestern des Jahres neben "The Revenant" (2015) werden lässt, und Morricones großartige Musik veredeln dieses nicht immer ganz geschickte Kammerspiel, das aber über weite Strecken erfreulich uneitel, geradlinig und direkt abläuft, erheblich.

7,5/10


1.) Mariam Schaghaghi: Quentin Tarantino: "In Filmen ist Rache toll!" Hamburger Abendblatt 01.02.2016: http://www.abendblatt.de/kultur-live/article206991815/Quentin-Tarantino-In-Filmen-ist-Rache-toll.html
2.) Es irritiert ein wenig, dass Tarantinos zweite Thematisierung eines homosexuellen Aktes in seiner Regie-Karriere eine Vergewaltigungsszene ist. An der Homoerotik interessiert Tarantino scheinbar vor allem die Ehrverletzung: Einen Mann in eine vermeintlich unmännliche Rolle zu drängen, scheint ihm die erniedrigendste Form des Peinigens zu sein. Dafür sprechen nicht bloß die Penetrationen erniedrigter Männer in "Pulp Fiction" (1994) & "The Hateful Eight", sondern auch die angedrohten oder durchgeführten Kastrationen in "Django Unchained" & "The Hateful Eight". (Hier wird Warrens Genitalbereich von einem erzürnten Widersacher zerschossen.)
3.) Da ist der angebliche Brief von Lincoln an den farbigen Major, der irgendwann als dessen Fälschung begriffen wird: Auch Warren selbst gesteht ein, dass es sich um eine Fälschung handelt - aber ob er damit die Wahrheit sagt oder sich vielmehr mit einem falschen Eingeständnis dem Vorwurf der Lüge entzieht, bleibt offen. Und ob es die 15 Mitglieder von Daisys Bande, welche jene und ihre Komplizen gegen Ende erwähnen, tatsächlich gibt oder nicht, bleibt auch offen: es spricht einiges dafür, dass es sich um eine bloße Schutzbehauptung gehandelt hat - bewiesen wird die Nichtexistenz allerdings nicht. (Wie auch?) "The Hateful Eight" ist also ein Film, in welchem immer wieder womöglich wahre, womöglich fingierte Erzählungen im Kammerspiel verhandelt werden und den Lauf der Dinge maßgeblich beeinflussen: Es kommt nicht darauf an, ob die Erzählungen wahr oder falsch sind, sondern darauf, wieviel Glauben ihnen geschenkt wird. Wie in "Inglourious Basterds" geht es - eher am Rande - nochmals um die Wirkmacht der Verdrehung der Tatsachen.
4.) Wobei Fullers Film gegen Ende zu einer Konfrontation mit echten Frauen gelangt.
5.) In diesem Zusammenhang sei auch noch darauf hingewiesen, dass es gegen Ende auch gerade nicht darum geht, per Strick rasch ein Genick zu brechen: es wird vielmehr ein langsames Strangulieren zelebriert - und das natürlich keinesfalls leidenschaftslos.

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