Der inzwischen achte Film von Großmeister Tarantino bietet mal wieder ein ganz neues(?) Thema: Western... Nunja, nachdem dieser Bereich schon in den vorhergegangenen Filmen Sechs (Inglourious Basterds) und Sieben (Django Unchained) zumindest teilweise thematisiert wurde, scheint sich QT nun entschlossen zu haben, diesmal ganz und gar den wilden Westen abzubilden, ohne störende Nebengeräusche sozusagen. Ob diese hateful eight, extra im Vorspann eingeblendet, sich tatsächlich nur auf die acht Protagonisten beziehen oder auch auf diesen achten Film, sei einmal dahingestellt...
Natürlich ist auch diesmal wieder alles perfekt inszeniert, der manieristische Maestro hat an alles gedacht und sogar ein älteres Kameraformat verwendet, um ein besonders breites Bildformat zu erzielen. Dazu die einsame Landschaft, die Kutsche, Pferde die versorgt werden müssen und auch versorgt werden, die Kleidung, Bewaffnung der Protagonisten, das Holzhaus undundund, das alles passt zusammen und könnte ein würdiger Rahmen für einen Retro-Western sein.
Leider aber ist die Geschichte mal wieder unendlich in die Länge gezogen und läßt vor allem am Schluß einige Fragen offen. Weit mehr als die ersten eineinhalb Stunden des Films wird mit den Tarantino-üblichen Dialogen verbracht, die wie immer gespickt mit Zitaten und Anspielungen des Maestros unendliche Zitierbegeisterung widerspiegeln, in ihrer Langatmigkeit die Geschichte aber nicht wirklich voranbringen und vor allem jedes Tempo herausnehmen.
Und schließlich überschlagen sich zum Schluß wieder mal die Ereignisse, ein überzogenes Blutbad beendet die Story. Soweit, sogut, diese grundsätzlichen Abläufe kennt man von QT-Filmen, diesmal jedoch gibt es keine mehr oder weniger strahlenden Gewinner am Ende, sondern nur tieftraurige Hoffnungslosigkeit: zwei Schwerverletzte grinsen neben der Leiche einer Frau, die sie gerade gehängt haben und warten auf ihren eigenen Tod...
Dieser Schluß ist es, der so gar nicht zu gefallen wußte, obwohl der leidensfähige Cineast zuvor zähe zwei Stunden durchgehalten hatte. Zwei Stunden, die uns QTs Version eines Retro-Western gezeigt haben, bei der aber gar nicht mehr klar ist, wo das Zitieren aufhört und die eigene Story anfängt. Schauspielerisch einwandfrei sind die Darbietungen der bekannten Protagonisten wie Kurt Russell und Samuel L. Jackson (als Kopfgeldjäger), auch Walton Goggins (etwas übertrieben extrovertiert) und Bruce Dern (als unbelehrbarer Rassist) agieren solide, nur Tim Roth (als schrulligen Engländer) fand ich nicht so überzeugend. Die einzige Dame in der Runde, Jennifer Jason Leigh als Daisy Domergue, stellt eher eine Karikatur einer Frau dar. Gut, es gab noch zwei weitere Frauen, nämlich Minnie, die namensgebende Besitzerin des Gemischtwarenladens sowie Zoë Bell, die als "Sechsspänner-Judy" auch noch irgendwie als Darstellerin untergebracht werden mußte (völlig verzichtbar). Beide haben so wenig Screentime, daß man sie ruhig vergessen kann.
Es geht also um einen Haufen Kopfgeld, und da jeder jedem misstraut und die Gefangene Daisy Domergue überleben soll (in zweierlei Hinsicht) herrscht von Beginn an eine knisternde Atmosphäre. Erst nach geraumer Zeit ergreift einer der Kopfgeldjäger (Samuel L. Jackson) die Initiative und macht Nägel mit Köpfen, sprich dezimiert die Runde nach seinem Gusto. Das ist auch folgerichtig, da außer dem kurz zuvor verschiedenen Kurt Russell kein anderer Darsteller solch eine Präsenz zeigen könnte. Samuel L. Jackson, dominant wie in besten pulp fiction-Zeiten, räumt gewaltig auf. Dabei wird, wie man das von QT kennt, wieder mal literweise Blut verspritzt und in exzessiver Gewalt gebadet, als ob man in kürzester Zeit für die zuvor an den Tag gelegte Langatmigkeit entschädigen müsste.
Was die gewollte Verletzung von Tabus betrifft (ohnehin ein unabdingbares Merkmal von QT-Filmen), gehören neben der exzessiven Verwendung des Wortes nigger diesmal auch verdroschene Frauen dazu, bzw. eine verdroschene Frau. Die wirkt zwar nur wenig weiblich und redet auch nicht viel, bekommt aber ständig auf die Mütze. Sie hat schon zu Filmbeginn ein blaues Auge, wird aus der Kutsche geschmissen, blutet bald aus der Nase, wird später angeschossen und am Schluß einfach aufgeknüpft. Eine vorherige (Massen-)Vergewaltigung erspart ihr Explotation-Spezialist QT, an dieses Thema wagt er sich dann doch nicht heran - gut so, die ständigen unmotivierten Ohrfeigen für Daisy Domergue zuvor waren ohnehin schon schwer erträglich.
Im Gegenzug gehts den Männern allerdings genauso ans Eingemachte - besser gesagt an die Hoden. Schon in pulp fiction wurden dieselben zerschossen, in Inglourious Basterds ebenfalls und genauso ergeht es diesmal Samuel L. Jackson, der die seinen durch einen Schuss aus dem Keller zerschmettert bekommt... Neben seiner Vorliebe für Frauenfüsse scheint QT hier sein anderes Betätigungsfeld weiter auszubauen: auch in Django Unchained wurde das (Zitat) "Eierabschneiden" an schwarzen Sklaven thematisiert. Oder verarbeitet der Meister der Filmzitate hier schlicht eventuell vorhandene Kastrationsängste? ;-)
Einen weiteren Tabubruch - etwa in der Art der analen Vergewaltigung von Marsellus Wallace in pulp fiction - stellt die genüsslich zelebrierte Szene eines blowjobs im Schnee dar: Unter dem moralischen Deckmantel, einen Rassisten zu bestrafen, muss ein nackter Weißer im Schnee herumkriechen und dem schwarzen Kopfgeldjäger (Samuel L. Jackson) "zu Willen" sein, bevor er - sowieso - erschossen wird. Ob diese Szene sich allerdings wirklich so zugetragen hat, lässt QT im Drehbuch offen, denn sie dient vordergründig nur dazu, den Vater des getöteten Jungen zu provozieren (was auch prompt gelingt), während ein mehrfach zitierter und gezeigter Brief von - angeblich - Abraham Lincoln an Kopfgeldjäger Samuel L. Jackson sich als Fälschung herausstellt.
Es ist natürlich geradezu ein Frevel, bei QT-Filmen nach Logiklöchern zu suchen und diese zu benennen, dennoch gab es ein paar Dinge, die mir trotz des ansonsten hervorragenden Settings aufgefallen sind: Wieso wird die Tür von den Anwesenden nicht repariert, warum müssen jedesmal zwei Bretter angenagelt werden? Was hat es mit der seltsam weit abgelegenen Toilette auf sich, und wieso zum Teufel schlagen die Gäste von Minnies Gemischtwarenladen selbst Pflöcke und Seile am Weg zum Lokus ein, woher stammen diese Pflöcke und Seile und warum macht oder besser machte dies nicht der Besitzer selbst? Merkwürdig auch, daß ein Befreiungskommando scheitert und dessen einziger Überlebender im Keller erst nach dem Shootout eingreift, und dann auch mit nur einem Schuss, statt das ganze Magazin (und eventuell noch weitere, in weiser Voraussicht im Keller versteckte Waffen) leer zu ballern...
Am wenigsten gefallen konnte wie erwähnt das Ende. Analog zum Filmbeginn, der in einer ewig langen Sequenz eine sich nähernde Kutsche zeigt die auf ein Holzkreuz zufährt, wäre eine Kameraperspektive zu erwarten gewesen, die sich beispielsweise langsam in die Höhe zurückzieht und am Schluß die Hütte im Schneesturm verschwinden läßt. Erwartbar gewesen wäre auch ein böser Schlußgag wie ein weiterer, sozusagen finaler blowjob - diesmal durch Mannix, aber nichts da: Die beiden Schwerverletzten schauen zufrieden auf die gerade ohne Gegenwehr erhängte Frau und sabbeln noch ein wenig über den von Samuel L. Jackson gefälschten Brief, das wars dann. Kein strahlender Django, der mit seiner Frau davonreitet, kein Butch und Fabienne auf einem Chopper auf dem Weg in die Freiheit, keine Jackie Brown mit Millionenbeute...
Man muß sich wahrscheinlich durch Django Unchained gequält haben (dem nach Kill Bill schlechtesten Tarantino-Film) um zu erkennen, daß The Hateful Eight besser ist als der Vorgänger - ein klein wenig besser, aber immerhin: besser.