Spätestens wenn der Abspann zu laufen beginnt, kommt man schwer ins Grübeln. Man grübelt über die fünfundachtzig Minuten, die man eben gesehen hat. Nein, das ist nicht richtig. Das Wort "gesehen" greift hier zu kurz. Viel zu kurz. Mit denen man eben konfrontiert wurde? Denen man ausgesetzt war? Die man erlebt hat? Schon besser. Und über allem thront die Frage: War das eben nun ein bluttriefendes, kompromißloses, meisterhaftes, visionäres Kunstwerk, oder doch ein tumbes, frauenverachtendes, kaum erträgliches, gewaltpornographisches Machwerk?
Der Grundplot läßt sich in vier kurzen Worten zusammenfassen. Ein Mann tötet Frauen. Das ist so originell wie ein Video über süße Katzen oder niedliche Eulen. Womit Headless das Gros der Konkurrenz in Grund und Boden stampft, ist die Umsetzung. Autor Nathan Erdel, dessen Drehbuch auf von Todd Rigney (Found) erdachte Figuren und Situationen fußt, sowie Regisseur Arthur Cullipher gehen mit einer kompromißlosen Radikalität vor, die ihresgleichen sucht. Headless ist kein Film, den man mit Bier und Popcorn abfeiert, im Gegenteil. Der Streifen beißt und kratzt, tut weh und wühlt auf, fasziniert und stößt ab, verursacht Ekel und Unbehagen. Und das mit einer ungeheuren Intensität, daß es nicht nur im Bauch nervös zu rumoren beginnt, sondern daß man glatt meint, der gesamte Körper würde auf den verstörenden Film reagieren. Damit steht Headless in der Tradition von kontroversen (Meister-)Werken wie Tobe Hoopers The Texas Chain Saw Massacre (Blutgericht in Texas, 1974), Joseph Ellisons Don't Go in the House (Das Haus der lebenden Leichen, 1979), William Lustigs Maniac (1980), Ruggero Deodatos Cannibal Holocaust (Nackt und zerfleischt, 1980), John McNaughtons Henry: Portrait of a Serial Killer (1986), Herman Yaus und Danny Lees Bat sin fan dim: Yan yuk cha siu bau (The Untold Story, 1993), Hisayasu Satôs Nekeddo burâddo: Megyaku (Naked Blood, 1996), Jim Van Bebbers The Manson Family (1997) oder Pascal Laugiers Martyrs (2008).
So wie Donny Kohler Frauen entführt, in seinen feuerfesten Spezialraum verfrachtet und sie dort bei lebendigem Leibe abfackelt, und so wie Frank Zito Frauen auflauert, sie tötet und deren blutige Skalps auf Schaufensterpuppen drapiert, so überfällt der namenlose, von Shane Beasley gespielte Killer in Headless Frauen, um sie in aller Ruhe abzuschlachten, ihre Augen aus dem Kopf zu löffeln (und zu essen), sie zu enthaupten und sich schließlich am abgetrennten Kopf sexuell zu vergehen. Die extrem blutigen Spezialeffekte der Firma Clockwerk Creature Company sind ausnahmslos handgemacht und, in Anbetracht des niedrigen Budgets, überwiegend sensationell gut gelungen. Bei Filmen wie diesem wird einem wieder einmal klar, daß steriles CGI-Gekröse den Arbeiten talentierter SFX-Make-Up-Künstler wohl auch in hundert Jahren nicht das Wasser reichen wird können. Inwieweit das alles realitätsnah ist, darüber kann man diskutieren. Ob ein Punk-Chick (die wunderbare Haley Madison, Kill That Bitch) noch immer am Leben sein kann, wenn man sie mit einer Machete vergewaltigt, ihr erst eine Brust und dann beide Beine abschneidet, ist wohl eher unwahrscheinlich, tut der wuchtigen Effektivität dieses fiesen Murder-Set-Pieces jedoch kaum Abbruch. Hin und wieder schießen die FX-Leute etwas übers Ziel hinaus (der Inhalt der Augäpfel, WTF?), und der letzte Effekt konnte mich leider nicht überzeugen, aber ansonsten gehen hier die feuchten Träume der Gorehounds in Erfüllung.
Allerdings wäre es falsch, Headless auf ein bloßes Gorefest zu reduzieren. Die Splatterszenen mögen zwar ungemein saftig und extrem sein, nehmen im Rahmen des gesamten Filmes aber nur einen kleine(re)n Teil ein. Im Mittelpunkt des Geschehens stehen zwei Personen. Auf der einen Seite der brutale, furchteinflößende Killer, der sich für die Morde eine gruselige Totenkopfmaske über den Kopf zieht, auf der anderen Seite die junge Jess Hardy (Kelsey Carlisle), die - wie ihre Freundin Betsy (Ellie Church) - in einer Rollschuhbahnhalle arbeitet. Jess steckt in einer unglücklichen Beziehung mit dem erfolglosen Rockmusiker Pete (Dave Parker), der den ganzen Tag kifft, auf der Couch rumlümmelt oder mit seinen Kumpels abhängt und nicht daran denkt, einer geregelten Arbeit nachzugehen. Trotz allem hält Jess zu ihm, weil sie ihn liebt, weil sie hofft, daß er mit seiner Band The Dead Bugs den Durchbruch schafft, und weil sie denkt, daß er sich über kurz oder lang ändern wird, auch wenn er sie übel behandelt. Tatsächlich wird Pete noch die Gelegenheit bekommen, ihr zu zeigen, daß er sie ebenfalls liebt. Jess ist ansprechend charakterisiert, sodaß sie dem Publikum nicht egal ist. Und auch über den Killer gibt es einiges zu erfahren. Der Grund, wieso er tut, was er tut, liegt wie so oft in der Kindheit begraben. Schmutzige Details gebe ich hier keine preis; ebenso wenig verrate ich an dieser Stelle, was es mit seinem kleinen Begleiter, dem Skull Boy (Kaden Miller), auf sich hat.
Der 2015 entstandene Film wurde von den Machern auf das Jahr 1978 zurückdatiert, soll also den Eindruck erwecken, er wäre bereits Ende der Siebziger gedreht worden (was übrigens schön mit Found harmoniert, wo Headless bereits eine gewichtige Rolle spielt). Und dieses Retro-Feeling gelingt ihm, trotz so mancher ausufernd-happigen Gore-Einlage, recht gut. Wobei die brachialen Tötungen nicht der Hauptgrund für die unangenehme Wirkung des via Kickstarter finanzierten Streifens sind. Der Hauptgrund ist die unglaublich perverse, abartige, kranke Stimmung, die sich durch (fast) den gesamten Film zieht. Dieses Suhlen in Wahnsinn, Verzweiflung und Fäulnis ist so ungemein intensiv, daß man den scheußlichen Gestank von verrottenden Körpern, vergossenem Blut und verfaulenden Köpfen beinahe in der Nase zu haben meint. Vor allem beim großen Finale, aber auch bei der krassen Szene in der Leichengrube. Kombiniert mit der unerbittlich tristen, hoffnungslos nihilistischen Atmosphäre, welche so viele Exploitationfilme der 1970er auszeichnet, und dem alptraumhaften, leicht surrealen Einschlag, der immer mal wieder kühn hervorlugt, ergibt das einen so kraftvollen wie intensiven Horrorschocker, der selbst bei hartgesottenen Genrefans bleibenden Eindruck hinterlassen sollte. Bevor Headless übrigens beginnt, bekommt man mit Wolf-Baby einen herrlich drolligen Fake-Trailer spendiert, der einen nicht mal ansatzweise auf das vorbereitet, was im Anschluß auf einen zukommt.
Um zur Eingangs gestellten Frage zurückzukommen... Ist Headless nun ein bluttriefendes, kompromißloses, meisterhaftes, visionäres Kunstwerk, oder doch ein tumbes, frauenverachtendes, kaum erträgliches, gewaltpornographisches Machwerk? Ich bin mir zwar nicht zu hundert Prozent sicher, aber ich tendiere sehr stark zu ersterem. Auf alle Fälle ist Headless ein knüppelharter, unsagbar garstiger Schocker, der polarisieren wird wie selten ein Horrorfilm zuvor.