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                                                                                Quo vadis, Coen?

Wohin auch immer, die Richtung stimmt jedenfalls. Denn „Hail, Caesar", die skurrile Abrechnung der beliebten Brüder mit der Traummaschine Hollywood, ist erneut eine Punktlandung. Jedenfalls sofern man an hintergründigem, feinem Humor seine Freude hat oder gar bewandert genug ist, die Namen Henryk Sienkiewicz und Robert Taylor aus dem Stegreif zuordnen zu können.

Die 1951 von Metro-Goldwyn-Mayer in die Kinos gebrachte Monumentalverfilmung „Quo Vadis?" gilt heute als einer der Vorzeigefilme des christlich geprägten (predigenden) US-amerikanischen Historienfilms der 1950er Jahre. Die seifige Geschichte des zunächst von seinem Staat und dessen Fundament unerschütterlich überzeugten römischen Befehlshabers Marcus Vinitius (damals: Robert Taylor), der von einem hübschen Ding zum Christentum bekehrt wird, lockte Abermillionen begeisterte Gläubige (und Ungläubige) ins Lichtspielhaus. Doch auch wenn der bald 70 Lenze zählende Schinken heute mit Sicherheit nicht mehr in Hollywood zu missionarischen Zwecken herangezogen werden könnte (sondern man vermutlich Guinness-Buch verdächtige Rekorde an schlechtem Feuilleton aufstellen würde), so erfüllt er doch einen letzten, sinnvollen Zweck: Er dient den Coen-Brüdern als Vorlage für eine Burleske.

George Clooney ersetzt Robert Taylor. Das hätte dem wenig liberalen, 1969 verstorbenen Nachkriegsfilmstar aber gar nicht geschmeckt. Dass die beiden sich rein optisch nicht unähnlich sind, ist zwar erwähnenswert, aber selbstredend nicht wesentlich dafür, die Sache von Beginn an flutschen zu lassen. Es ist vielmehr die sich bald einstellende, angenehme Gewissheit, dass die bereits mehrfach bewährte Zusammenarbeit der Coens mit dem Beau ein weiteres Mal eine zündende Idee zu einer gelungenen Komödie formt.

Eine Gruppe kommunikativer Kommunisten entführt den mitten in den Dreharbeiten steckenden Star (Clooney) einer Historienproduktion („Hail, Caesar!"/„Quo Vadis?"). Man möchte unamerikanisch umtriebig die großen Studios erpressen, denn deren Angestellte würden als Opfer des Kapitalismus um ihr wohlverdientes Geld geprellt. Der Entführte, nach seiner Narkose wohlbehütet in einem lauschigen Sessel erwacht, kann dem inhaltlich zwar nicht so ganz zustimmen, doch stimmt er dem unverständlichen Ideensalat der höflich auf ihn einredenden Anwesenden binnen Kurzem jedenfalls insoweit zu, dass er ihm zustimmt. Der Hauptakteur der streckenweise urkomischen Angelegenheit ist aber nicht der begriffsstutzige Papagei im Römerkostüm, sondern der leitende Studiogeschäftsführer Eddie Mannix (Josh Brolin). Der hat nämlich die Aufgabe, die verschwundene Leinwandgröße zu suchen und zu finden, und zwar bevor die Produktionskosten explodieren.

Josh Brolins darstellerische Leistung, so minimalistisch sie anmuten mag, ist das eigentliche Highlight dieses dem Kenner sicher mundenden Leckerbissens an gut aufgelegtem Lustspiel. Mit fein justiertem Sinn für Slapstick und einem unnachahmlichen Gespür dafür, kuriose Figuren zu entwerfen, die in ihrer Absonderlichkeit dennoch restlos überzeugen, wird er von den kultigen Brüdern aufs Parkett gesetzt. Doch diesmal übernimmt er selbst die Führung. Nicht nur als Dreh- und Angelpunkt der Geschichte, sondern als deren personifizierte Lässigkeit verleiht der Sohn von James Brolin der Story einen angestaubt männlichen Charme, der heute in der Form beinahe unzeitgemäß wirkt. Seine kauzig-virile Leidenschaftslosigkeit gleitet jedoch nie in dramaturgisch unzweckmäßigen Chauvinismus ab, sondern ist schlichtweg ein Mittel dazu, den mitunter bissigen Seitenhieben auf die einst wenig reflektierende amerikanische Filmindustrie eine greifbare Gestalt zu geben (die dennoch nicht völlig aus der verfilmten Zeit gefallen wirkt).

Ähnlichem Zweck dient auch die Figur des Hobie Doyle (Alden Ehrenreich), der als eine Persiflage früher Westernhelden der Sorte Audie Murphy (oder vorgeblich einstiger amerikanischer Mustergültigkeit) angelegt ist. Der Junge ist sympathisch, anständig und mutig. Aber unqualifiziert. Seine befremdliche Seilakrobatik und launigen Schauspieleinlagen bilden neben Josh Brolins apartem Charakter und George Clooneys vollendet gespielter Beschränktheit einen weiteren komödiantischen Höhepunkt des Films, der erst ab dem letzten Drittel leider etwas an Fahrt verliert. Wird „Hail, Caesar!" in den ersten vierzig Minuten von einem nicht abreißenden Dauerfeuer an Situationskomik und durchdachten Schoten in luftige Höhen außergewöhnlich humorvoller Unterhaltung katapultiert, lässt die zunächst verabreichte (Über-)Dosis an Spaß etwas nach. Das ist oft der Fall und ob der auch weiterhin beschwingten Angelegenheit letztendlich zu verschmerzen. Makelloses Timing sieht jedoch anders aus.

Ob es ein römisch-katholischer Priester, ein protestantischer Pfarrer, ein christlich-orthodoxer Pope und ein jüdischer Rabbi sind, die sich im Quartett über arianische und monophysitische Unstimmigkeiten balgen, oder ob es ein gewiefter, hintersinniger Kommentar zur Geschichte der amerikanischen Filmindustrie in Form eines Ulks ist, die Coens wissen ganz genau, was sie tun. Dass sie zumindest einen Teil ihres Publikums mitunter ein wenig überfordern, spricht nicht gegen, sondern für ihr bestechend kreatives Filmschaffen. Und das schreit nach mehr.

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