Kompromisslos exzentrischer Buddy-Movie
Ein suizidaler Mann namens Hank ist auf einer einsamen Insel gestrandet. Dort trifft er auf die Leiche Manny, die unter furchtbaren Flatulenzen leidet. Hank funktioniert Mannys Körper in ein Motorboot um, benutzt dessen Fürze als Antrieb und überquert so das Meer. Die beiden landen in einem Dschungel, durch den sie sich gemeinsam kämpfen müssen. Hank merkt schnell, dass Manny eine Art menschliches Multifunktions-Taschenmesser ist: er ist Jadgwaffe, Transportationsmittel und Kompass zugleich. Doch Manny funktioniert nur, wenn er entsprechend motiviert wird. Deshalb muss er in die Schönheit des Lebens eingeweiht werden – und das ausgerechnet vom depressiven Hank …
Swiss Army Man feierte 2016 beim Sundance Film Festival Premiere und spaltete schon dort die Gemüter. Einige Zuschauer verliessen den Saal während der Vorführung, irritiert über die Prämisse. Der Einstieg ist tatsächlich gewöhnungsbedürftig. Die beiden Regisseure Daniel Scheinert und Daniel Kwan (unter dem Kürzel „Daniels“) werfen das Publikum ins kalte Wasser und beginnen kompromisslos verquer – mit exzessivem Fäkalhumor und schiefen A Capella-Einlagen. Das ist zu Beginn weder witzig noch interessant, sondern einfach nur sinnlos. Die ersten zwanzig Minuten sind eine Geduldsprobe, die Daniels wohl bewusst gesetzt haben. Schliesslich ist Swiss Army Man ein Plädoyer für kindisches Verhalten, das von der Gesellschaft stirnrunzelnd unterbunden wird. Das Intro dürfte die Mitglieder dieser repressiven Gesellschaft erfolgreich vergraulen.
Nach dem spleenigen Einstieg spielen Daniels gekonnt die Charme-Karte aus. Die Leiche Manny beginnt zu sprechen, und Hank muss ihr beibringen, was „Leben“ heisst. Manny verhält sich wie ein hemmungsloses Kind, dem die Einschränkungen der menschlichen Kultur fremd sind. Weshalb nicht öffentlich masturbieren? Weshalb nicht laut und deutlich herumfurzen? Hanks verzweifelten Versuche, Manny in die Benimmregeln der Welt einzuführen, sind zum Schreien komisch – und durchaus intelligent. Dazwischen gibt es immer wieder sperrige Slapstik-Momente, die eher wunderlich sind, als witzig.
Doch man merkt schnell, dass Swiss Army Man mehr als nur trashiger Klamauk ist. Erzählt wird die eigentlich tragische Geschichte des depressiven Aussenseiters Hank, der sich auf einen Selbstfindungs-Trip begibt. Die Phantasiewelt, in der sich Hank und Manny verlieren, ist überraschend berührend. Das liegt auch an den beiden Schauspielern. Paul Dano (There Will Be Blood) ist wunderbar als flapsiger Überlebenskämpfer. Er ist ebenso erstaunt über das abstruse Geschehen, wie das Publikum selbst. Das macht ihn schnell zur Identifikationsfigur. Daniel Radcliffe (Harry Potter, Woman in Black) beweist als sprechende Leiche sein komödiantisches Timing; er bringt Mannys naive Aussagen grandios rüber. Die Chemie des ungleichen Paares ist phantastisch. Ästhetisch beeindruckend sind vor allem die Montagen, in denen Manny über die Welt aufgeklärt wird. Sie sind sympathisch verspielt.
Der Kern von Swiss Army Man ist die Beziehung zwischen Hank und Manny, die durchaus komplex ist. Sie kann vielfältig interpretiert werden: als Freundschaft, als homosexuelle Liebesbeziehung oder als Ego und Alter Ego. Wir sollten allerdings nicht so tun, als wäre die Aussage des Filmes besonders tiefgründig; das ist sie nicht. Trotz einigen bezaubernd inspirierenden Momenten ist der Plot letztlich zutiefst selbstironisch. Die beiden Daniels wissen sehr wohl, wie verrückt das von ihnen Gezeigte ist; von Arthouse-Allüren keine Spur. Der Film endet denn auch mit Mary Elizabeth Winstead (Scott Pilgrim vs. the World), die entgeistert zischelt: „What the f***?“ Gute Frage.
Swiss Army Man ist ein phantastisch abgedrehtes Erlebnis mit simpler Botschaft: Das Leben ist schön, sei du selbst. Der krude Humor der Daniels wird nicht jedermanns Sache sein. Dennoch, dem eigenwilligen Ton dieses Spielfilm-Debüts gehört Respekt gezollt. Dümmlich, kindisch, philosophisch, absurd – diesen Mix muss man mögen. Wer sich darauf einlässt, wird mit grossen Lachern und kleinen Erkenntnissen belohnt.
8/10