Review
von Leimbacher-Mario
Belgiens größter Kater
"Cafe Belgica" flog nicht lange unter meinem Radar, da Regisseur Felix van Groeningen mit dem zermürbend-bezaubernden "The Broken Circle" mehr als positive Eindrücke auf meiner filmischen Seele hinterlassen hat. Definitiv einer der besten belgischen Filme aller Zeiten & weiteres Beispiel für dessen momentanen Aufschwung. Und auch diese neue Geschichte über ein unterschiedliches Brüderpaar aus Belgien, das eine spezielle Bar/Club aufmacht & diese zu Kult & Ruin gleichzeitig führt. Familiendrama. Partyfilm. Drogen-Thriller. Unterschwelliger Kommentar zu Integration & Einwanderung. Erotischer Musikfilm. Wild, hektisch & hart. Ruhig, intim & pur. All das ist "Cafe Belgica" gleichzeitig & dieses Jahr wohl noch am ehesten mit dem britischen Chaos-Sozialgemälde "High-Rise" vergleichbar - und beinahe ebenso zeitlos.
Warum diese Sause inklusive Sex, Drogen, Streit, Musik & anschließendem Kater, dann doch nicht ganz das Niveau seines Regie-Vorgängers erreichen kann? Zu viel Party, zu viel ähnliche Party, ein zu zahmes Ende & nichts wirklich Neues. Selbst wenn man es auf flämischen Boden noch nicht gesehen hat. So würde ich die Gründe kurz zusammenfassen. Eindeutig als gelungen kann man die rauschartigen Bilder, den kuriosen Soundtrack & die bis ins Mark gehenden Darsteller nennen. Die Jungs & Mädels spielen & feiern sich das Herz raus, den Arsch ab, die Kraft weg. Das Herzstück des Films ist der Konflikt der zwei Brüder & vor allem das Abdriften durch den Erfolg & die Partys - bei dem einen mehr, beim anderen weniger. Dabei geizt auch hier, trotz (oder vielleicht besonders wegen) aller Koks- & Extasy-Trips, das belgische Kino nicht mit seiner typischen In-die-Fresse- & Mittendrin-statt-nur-dabei-Attitüde. Hardcore & erbarmungslos real, mitsamt aller Folgen.
Die Musik fährt in den Fuß, gute Stimmung steckt an, Schicksalsschläge ziehen runter. Alles ist irgendwie sehr nah an einem dran. Der Trailer war nur leider fast schon besser als der finale Film, da zügiger, konzentrierter & runder. Emotionalität scheint das Markenzeichen des belgischen Ausnahmeregisseurs zu sein, was er hier jedoch nicht über die komplette Laufzeit halten kann. Manchmal verliert einen der Film & er verläuft sich in Nebenschauplätzen, wirkt letzen Endes auch eindeutig zu lang. Trotzdem bleibt es eine der unvergesslichsten Partys des Jahres, nach der man den emotionalen Kater danach aber nicht außer Acht lassen sollte. Aber wer so einen Spaß hat, muss auch das abhaben können, oder?
Fazit: der Aufstieg & Fall des "Cafe Belgica" kann einen sogartig verschlingen & dann wieder angewidert ausspucken, trotz Party-Redundanz & einigen Längen. Aber allein schon die tiefgehenden Darsteller & der wilde Soundtrack machen das teils surreale Treiben sehenswert. Am Ende bleibt nur vielleicht etwas wenig Substanz & Erinnerung - fast wie nach einer durchzechten Nacht...