Review

Habe ich schon mal erwähnt, dass ich Geisterschiffhorror liebe? Gut, dann der Form halber: Ich bin ein Fan! Infolgedessen habe ich natürlich auch Ghost Ship durch die rosa Brille betrachtet. Ich möchte sie einmal abnehmen. So ungefähr könnte dann eine wenig wohlwollende Rezension lauten:

Da hat sich der gute Joel mal wieder selbst übertroffen. Ein Silver kann sich natürlich nicht beherrschen, da muss gleich alles größer, höher, weiter. Ziemlich groß in die Hose gegangen das Ganze!
Nachdem erstmal hundert Schiffgäste weggesplattert wurden, geht unsere hippe Crew auf Jagd nach dem betreffendem Schiff (und hat klarerweise keine Ahnung, was da mal los war). Da haben wir den tollen, erfahrenen Käptn, seine Ziehtochter, die auch mal ihren Mann steht, den Quotenschwarzen und ein paar andere Deppen, die coole Sprüche reißen und bald Fischfutter sind. Außerdem noch ein ganz Geheimnisvoller, der ihnen gesagt hat, wo das Schiff zu finden war... Vorhersehbar bis dorthinaus. Sie finden den Pott also, Geisterphänomene allerorten, es passiert dann auch mal minutenlang nix, und irgendwann sind fast alle tot. Doll. Dann noch viel Special-fx und der Standard-Schock zum Schluss, nur noch billiger als sonst. Ab in die Tonne.

Jetzt zu meiner Fassung:
Nach einem recht originellen und blutigen Einstieg auf einem Luxuskreuzer im Jahre 1962 begeben wir uns auf ein wenig luxuriöses Boot vierzig Jahre später. An Bord befindet sich eine Mannschaft, die sich darauf spezialisiert hat, abseits jeglicher Hoheitsgewässer nach treibenden Schiffwracks zu suchen, sie wieder halbwegs flottzumachen und was davon brauchbar ist, zu verticken. Irgendwie können sie davon auch leben, außerdem sind sie alle rechte Haudegen, die einen Spruch nach den anderen raushauen. Nun gut, sehr originell ist die Crew wirklich nicht, viele Personen sind austauschbar, aber da wir uns nicht mitten in einer Charakterstudie, sondern immerhin einem Horrorfilm befinden, darf das als ausreichend betrachtet werden. Lediglich übertrieben coole Kamerafahrten über die Wellen und das Schiff im Seegang sowie die dazugehörige epische Musik gehen auf den Senkel: Hier wird leider versucht, den Film total auf Blockbuster zu bürsten.
Moment mal, ist er das denn nicht auch? Beziehungsweise: Soll er das denn nicht sein? Wenn der Name "Joel Silver" draufsteht, hat natürlich Entsprechendes drin zu sein. Irgendwie. Allerdings merkt man an vielen Stellen, dass hier durchaus versucht wurde (meistens erfolgreich), Abwechslung hineinzubringen in Form von Szenen, die es so nicht überall gibt und deshalb sehr stimmungsvoll sind. Nachdem die Guten nämlich von einer mysteriösen Person auf den Luxusliner geführt wurden, gibt es naturgemäß einige unerklärliche Phänomene. Viele davon gehören ins Standardrepertoire, ganz klar (zufallende Türen, tickende Uhren, kleine Mädchen, Leichen), werden aber sehr souverän in die Handlung eingebaut, wissen also meist zu überzeugen. Dazu gibt es dann auch etwas einfallsreichere Szenen: Blutende Einschusslöcher im Schwimmbecken müssen jetzt nicht als Spitze der Originalität gewertet werden, aber wenn dann das ganze Becken in Blut badet und sich mit Leichen füllt, hat das einen stark surrealen Touch und schafft Stimmung. Besser noch und sehr eindrucksvoll ist die Stelle, an der vor brennendem Vordergrund das kleine Mädchen Katie verloren an der Reling des bösen, alten, verrosteten Schiffes steht, traurig hinuntersieht und dazu orientalisch wehklagende Frauenstimmen anklingen. Gerade hier zeigt die Musik, was sie kann; wenn dann noch die Streicher einsetzen (inklusive wunderbarer Celli), hebt sich der Soundtrack deutlich aus der Masse sonstiger Horrorproduktionen hervor. Natürlich ist das Geschmackssache, häufig am Rande des Kitsch, auf mich allerdings ungeheuer wirkungsvoll.

Das hat selbstverständlich noch einen weiteren Grund: Die generelle Stimmung, die hier sehr routiniert erzeugt wird (außer, die heroische Musik und coole Sprüche setzen ein), wenn rostbraune, miefige, enge Gänge im Zwielicht seltsam glitzern, verlassen Ballsäle von altem Glanz erahnen lassen und zurückgelassene Gegenstände auf so unklare wie beunruhigende Ereignisse in der Vergangenheit schließen lassen. Dann packt die Geisterschiffstimmung fest zu und lässt so bald nicht los. Ich weiß nicht genau, warum beispielsweise Geisterhäuser nicht Ähnliches bei mir verursachen, aber auf unserem Luxusliner ist die Atmosphäre dicht und wohlig beunruhigend.
Die Auflösung, was an Bord passierte, kommt sehr plötzlich und kann an Härte meines Erachtens sogar noch den Anfang toppen (vor allem, was mit Katie passiert, bevor die zwei Männer zur finalen Tat schreiten - oder sie selbst schreiten darf, wirkt wegen seiner Ungewissheit sehr hart). Natürlich kann man dem Film hier vorwerfen, dass einfach zu viel aufgeklärt wird (nämlich schlichtweg alles), sodass der Restfunke des Geheimnisvollen nicht bleibt, allerdings wird die volle Aufklärung ("Total Recall" lässt grüßen) dann auch so pointiert eingesetzt, dass sie mit dem Holzhammer auf den Zuschauer einschlägt. Was hier in kürzester Zeit an Menschenleben vernichtet wird - das Leid wird in diesen Szenen sehr deutlich.
Das Ende ist dann umso verklärter, setzt noch einmal einen treffenden Kontrast zum Vorhergehenden und ist sehr effektvoll umgesetzt. Die "Aufstiegsszene" hat einen hohen ästhetischen Wert, wirkt fast wie gemalt, und gehört auch zu diesen Stellen, die deutlich machen, dass "Ghost Ship" mehr als nur der nächste Horrorblockbuster ist. Nur der obligatorische Schlusstwist hätte nicht sein müssen. Vorhersehbar und recht dümmlich kommt er daher und mag sich nicht recht einfügen. Sei's drum, hier setze ich meine rosa Brille wieder auf und freue mich - denn über weiteste Strecken habe ich sie nicht gebraucht.

Details
Ähnliche Filme