Ein Jahr ist schnell vorüber und schon setzt sich die Harry-Potter-Saga in unseren Kinos fort.
Der erste Film hat unendlich viel Kohle gemacht und obwohl es hier und da einiges zu meckern gab, waren die meisten mit dem Endresultat doch im Großen und Ganzen zufrieden.
Diejenigen dürfen sich jetzt freuen, denn "die Kammer des Schreckens" ist das nötige Stück besser als sein Vorläufer.
Das fängt schon inhaltlich an, denn Chris Columbus und seinem Team, ist es herzlich egal, falls sich ein total Unwissender ins Kino verirren sollte. Die Kenntnis der Bücher oder Hörbücher wird vorausgesetzt und da das ein riskantes Unternehmen ist, geht man davon aus, daß der Rest im ersten Teil im Kino war (das erinnert jetzt ein wenig an die Pointe aus Carpenters "Die Mächte des Wahnsinns"...).
Okay, das sind auch so gut wie alle und die bekommen das totale Abenteuer serviert, die Story des zweiten Buchs auf den notwendigen Mystery-Plot reduziert. Der ist aber auf den gut 340 Seiten so umfassend, daß hier 160 Minuten lang der Hammer kreist. Da muß wie schon in Runde 1 das Schulleben weitgehend dran glauben, reduziert man wunderbar pubertäre Ausflüge (im Buch himmelt Hermine den neuen Lehrer Lockhart ununterbrochen an, das wird im Film nur angedeutet) bis auf zarte Pflänzchen ein und verläßt sich auf eine schier unendliche Anzahl von Tricks.
J.K. Rowlings Zauberwelt wird dabei genauso detailliert zum Leben erweckt, wie es den Buchseiten sonst im Geiste entsprungen wäre. Da haben die Macher Großes geleistet. In die Tiefe geht auch dieser Film jedoch seltener, wobei dies spätestens im dritten Film zum Problem werden könnte, wenn man die moralischen Dilemmas und beginnenden Teenagerauswüchse dem reinen Abenteuerplot opfern sollte.
Demzufolge ist Harry Potter 2 ein einziger Fantasy-Spaß für Fans und endlich mal ein halbwegs gelungener.
Gut, ohne kleinere Meckereien geht es sicherlich nicht. Mal abgesehen von offensichtlichen Fehlern (das Reihenhaus der Dursleys zu Beginn ist besonders grob), verliert der Film so manchen Charme durch die CGI-Schöpfung Dobby, den Hauselfen, der nun wirklich extrem häßlich aussieht und den sich so mancher sicher anders vorgestellt hat. Sein magischer Angriff auf Malfoy am Ende wirkt ebenfalls logisch mehr als bemüht und die kitschige Schlußszene (die auf den Sommerheimfahrtszug verzichtet) hätte man sich auch sparen können.
Daß man das Entgnomen der Gärten verpaßt hat, ist aber zu verschmerzen.
Auf der Plusseite steht sicherlich die Spiellust aller Beteiligten und die inzwischen wesentlich talentierteren Kinderdarsteller. Selbst Radcliffe ist sichtlich herangewachsen, kann zwar noch nicht ganz vergessen machen, daß Harry selbst eine eher fade Figur ist, spielt aber deutlich befreiter und besser auf. Emma Watson ist gut wie immer (wie wird sie erst aussehen, wenn sie sechzehn ist?) und Rupert Grint neigt mehr und mehr dazu, jede Szene zu stehlen, in der er auftritt. Während Coltrane und Cleese etwas zu kurz kommen, hat der kürzlich verstorbene Harris einige gute Szenen, sieht aber recht schwächlich aus.
Der wahre Star dieser Show ist jedoch Kenneth Branagh, der für den Gilderoy Lockhart mit jeder Faser geboren zu sein scheint. Der Shakespeare-Mime macht als selbstverliebter Autor keine Gefangenen und es ist jetzt schon schade, daß es sein einziger Auftritt bleibt.
Unterhaltsam auch die sorgfältige Ausbreitung der Nebencharaktere (über die Malfoys, die Weasleys, Ginny, Fudge, Myrte, Riddle bis zu den verschiedenen Lehrern und Crabbe und Goyle).
Seine stärksten Szenen (neben Branaghs Auftritten) hat der Film sicher in der Sequenz im Spinnenwald und als atmosphärischste Szene das Trainingsduell zwischen Potter und Malfoy, bzw. Snape und Lockhart. Der Showdown ist ein wenig Standard, aber immerhin besser gelungen als die Enttäuschung in Teil 1.
In diesem Zusammenhang sollte auch erwähnt werden, daß die Kürzungen in der deutschen Fassung (die Würgesequenzen der peitschenden Weide, einige Sequenzen im Showdown mit dem Basilisken) so gut gemacht sind, daß man sie nicht vermißt, wenn man nicht von ihnen weiß. Schludrig jedoch die Synchroänderung der Parselfdrohungen, die Harry in Hogwarts hört. Die hatte man von "Ich töte dich" auf "Ich kriege dich" geändert, jedoch die Nachfrage Rons, wer Harry den "töten" wollte, hat man drin gelassen.
Unter dem Strich jedoch kehrt kaum Ruhe ein in der Zauberschule, die von erzählerischen Löchern (der Spiegel in Teil 1) weitestgehend verschont bleibt. Das Timing ist sichtlich verbessert und baut geschickt die Spannung zum Ende hin auf. Die Tricks hat man gleichzeitig auch verbessert, das Quidditch-Match sieht wesentlich besser getrickst aus, der Basilisk ist ordentlich und die Spinnen deutlich besser als z.B. in "Arac Attack". Den Flugszenen des Autos haftet jedoch weiterhin trotz perfekter Einarbeitung der Makel einer alten Disney-Idee an.
Problematisch wird es für die Zukunft jedoch für die Altersfreigabe. Hier hat die Metzgerschere noch für eine FSK 6 gesorgt, beim Gefangenen von Askaban dürfte das langsam unmöglich sein, obwohl schon dieser Film Sechs- und Siebenjährige deutlich überfordern wird.
Auf jeden Fall ist es in der Tradition der Potter-Verfilmungen eine würdige Fortsetzung, die von vorne bis hinten Spaß macht und in der man beständig etwas Neues entdecken kann. Natürlich muß man interessiert an den Potter-Kosmos herangehen, ansonsten werden natürlich wieder alle Vorurteile erfüllt.
Dennoch: "die Kammer des Schreckens" ist deutlich reifer, raffinierter und interessanter als sein Vorgänger und es gibt hier deutlich schlechtere Investitionen, als sein Geld diesem Hype zu überantworten.
Für Muggel besonders geeignet. (8,5/10)