Review

Und noch ein weiterer Produzent wollte sich ein Scheibchen vom der Edgar Wallace-Boom abschneiden: Wolf C. Hartwig. Dieser Mann war sein Leben lang immer nur darauf aus die profitabelsten Trends auch für sich auszuschlachten was ihm mit seinem „Schulmädchen-Report“ ja schließlich auch gelang. Und wie so oft ist das Resultat des Trittbrettfahrens auch hier den Objekten des Neides, den Wallace-Filmen aus dem Hause Rialto, weit unterlegen.

Zuge dieser Welle, die durch die Bundesrepublik wogte, entstanden unter der Schirmherrschaft der Constantin-Film zwischen 1962 und 1964 auch vier Louis Weinert-Wilton-Verfilmungen. Während die ersten drei („Der Teppich des Grauens“, „Die weiße Spinne“ und „Das Geheimnis der schwarzen Witwe“) durchaus gelungen sind und unter anderem von Harald Reinl inszeniert wurden, dem Wallace-Regisseur der ersten Stunde, blieb Nr. 4, „Das Geheimnis der chinesischen Nelke“ unglücklicherweise ausgerechnet an den Fingern von Rudolf Zehetgruber kleben, der seine kriminalistische Inkompetenz bereits mit dem narkotisierenden „Das Wirtshaus von Dartmoor“ bewiesen hatte.

Hier beweist er vom Aufbau der Handlung her noch weniger Geschick weswegen der Film auch trocken ist wie die Wüste selbst und man windet sich angesichts des Potentials, das die Geschichte- verfilmt mit einer solchen Besetzung- durchaus besäße und das von Schnarchnase Zehetgruber (hätte dieser Herr etwas mehr Durchhalte-Vermögen bewiesen, Jess Franco müsste um seinen Ruf als größte Schlaftablette des europäischen B-Movies bangen) wieder einmal völlig versenkt wurde. Aber zunächst einmal zum Inhalt:

Professor Baxter hat in jahrelanger Arbeit mit seinem Assistenten Wilkinson (Dietmar Schönherr, „Raumpatrouille“) eine neue Formel zur Energieerzeugung entwickelt. Nun sind sowohl der Erdöl-Konzern von Mr. Sheridan (Paul Dahlke, „Das fliegende Klassenzimmer“) als auch eine raffinierte Unterweltsorganisation, die ihren Stammsitz in dem Club „Die chinesische Nelke“ hat, hinter dem Mikrofilm, der die Formel enthält, her. Baxter schickt den Film an seine Nichte Susan (Olli Schoberova) und wird kurz darauf ermordet. Bald scheint keine der handelnden Personen mehr der anderen zu trauen. Der zwielichtige Mr. McMurray (Horst Frank) scheint ständig die Fronten zu wecken, während der gerissene Speranza (Klaus Kinski) dem jeweiligen Besitzer immer gefährlich nahe ist…

Warum die Geschichte so schlecht nicht ist, kann ich leider nicht ausgiebiger begründen, denn sonst müsste ich wichtige Details vorweg nehmen. Doch einige gute Ideen und eine hervorragende Darstellerriege reichen bedauerlicherweise immer noch nicht aus, einen Film zu retten, wenn der Regisseur keinerlei Talent besitzt. Und so dümpelt das Ganze in dilletantisch-billiger Inszenierung vor sich hin und man ist froh über die kleinen Höhepunkte, die hier und da einmal aufblitzen und meist aus einem gelungenen Auftritt eines der Protagonisten bestehen. Die in der Inhaltsangabe erwähnten Namen sollten ausreichen um erkenntlich zu machen das man hier wirklich einiges geboten bekommt. Und natürlich sind es wieder einmal Horst Frank und Klaus Kinski (traumhaft DIESE beiden Götter der Schauspielkunst- ich meine es ernst- einmal im Dialog zu erleben), die besonders herausstechen, selbst wenn sie nur Nebenrollen belegen:

McMURRAY: „Hat dieser Speranza hier eigentlich etwas zu sagen?“

Speranza alias Kinski mustert ihn gehässig von oben bis unten)

McMURRAY: „Ist irgend etwas?“

SPERANZA: „Ach nichts, ich nehme nur Maß für deinen Sarg."

Sehr schön. Auch sonst erfreut eine Vielzahl deutscher Kinostars das Auge, interessant ist hier vor allem Paul Dahlke in einer wirklich unsympathisch angelegten Rolle, in der er allerdings auch etwas deplaziert wirkt. Brad Harris- das Muskelpaket aus den „Kommissar X“-Filmen- mimt hier den Privatdetektiv und starken Beschützer und darf sich natürlich auch als prima Haudrauf beweisen. Als zwei der Gangster Wilkins und Susan in die Enge getrieben haben und er zur Tür eintritt setzt es einfach eine Faust links und eine rechts und a Ruh is’! So lieben wir das, schnell und unkompliziert. Auch sonst strotzt das Drehbuch vor trashigen Dialogen und Ungeheuerlichkeiten, die jeden Anbeter des Schwachsinns in die Knie zwingen werden. So wird etwa der Sekundenzeiger einer Zeitbombe mit einem Kaugummi (!) austorpediert.

Also, wie schon erwähnt macht der Film ins Sachen Spannungsaufbau, Atmosphäre und Logik nicht viel her, ist aber längst nicht so desaströs wie etwa „Der Würger vom Tower“. Leider aber wirkt „Das Geheimnis der chinesischen Nelke“ ebenso wie letzteres Machwerk extrem konstruiert und uninspiriert und verärgert stellenweise regelrecht. Es spricht nie für Film und Regisseur, wenn sich der Zuschauer wünscht, denselbigen per Joystick (auch wenn ich diese Geräte und die mit ihnen verbundene Tätigkeit verabscheue) lenken zu können. Und genau das ist hier leider der Fall.

Sehr gelungen ist aber das nervenzerfetzende und ausgeklügelte Finale, das übrigens bereits exakt (wirklich exakt!) die Grundidee des Thrillers „Speed“ von Jan de Bont vorwegnimmt (Es glaubt mir ja immer niemand- in Hollywood wird eben einfach nur geklaut;-) Hier fiebert man dann noch einmal mit, sowohl bei der Auflösung (auch wenn die keinen wirklichen „Oh!“-Effekt bringt) als auch im haarsträubenden Showdown. Übrigens musste in diesem Film ausnahmsweise einmal nicht Berlin für London herhalten sondern Prag. Leider hat man von den vorhandenen historischen Kulissen nur wenig Gebrauch gemacht.

Warum ich all den oben genannten Mängeln zum Trotz dennoch 6 Punkte vergeben habe? Nun, irgendwie macht dieser schundige kleine Krimi doch irgendwo Spaß, einerseits wegen seiner zahlreichen unfreiwillig komischen Momente und andererseits wegen einer glamourösen Besetzung, der beim spielen zuzuschauen alleine schon Freude macht. Außerdem gibt es ja hier und da wie erwähnt auch einige wenige spannendere Momente oder eine stümperhafte Schlägerei so das für ausreichende Bespaßung durchaus gesorgt ist.

PS: Lieber mit einigen anderen Leidensgefährten zusammen ansehen, dann macht es mehr Freude! Dieses Review basiert im übrigen NICHT auf dem deutschen Bootleg. Ach ja, und Interessierten empfehle ich einmal bezüglich der Dreharbeiten dieses Filmes Seite 247 bis 255 in Klaus Kinskis äußerst lesenswerter Biographie nachzulesen. Dort ergeht sich Kinski allerdings fast ausschließlich in ausführlichen Schilderungen seiner Affäre mit Hauptdarstellerin Dominique Boschero...

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