kurz angerissen*
Erfahrungen lehren uns, dass Horrorfilme oder überhaupt Genrefilme mit dem Thema "soziale Netzwerke" mit Vorsicht zu genießen sind. Irre Axtschwinger, die kreischende Mädels jagen und dabei im besten Fall vielleicht eine hohle These zum Freundesammelwahn absondern, sind das zu erwartende Maximum an Unterhaltung. Subversive gesellschaftliche Kommentare dagegen sucht man oft vergebens.
In der Basis trifft das auch auf das Horrorfilmdebüt des deutschen Regisseurs Simon Verhoeven zu, der bislang nur Komödien auf heimischem Grund gedreht hat. Ein attraktives Mädel (Alycia Debnam-Carey) kann sich vor Freunden kaum retten. Ein eingeblendeter Zähler hält uns auf dem aktuellen Stand, was die Online-Freundesliste angeht. Sukzessive steigt die Zahl an und verspricht damit, nach der großen Plotwende wieder abzunehmen. Um der Filmdramaturgie und dem Countdown-Effekt zu gefallen, findet diese Abnahme wiederum sukzessive statt, anstatt einen natürlichen Verlauf zu nehmen, der zu einem aussagekräftigen Kommentar hätte führen können. Der Regisseur steigert dies noch ins Absurde: Die Reaktionen, mit denen die Mitmenschen der Hauptfigur die Veränderungen auf deren Online-Profil quittieren, könnten entlarvend sein, in diesem Fall sind sie jedoch zu weit an der Realität vorbei, um ernstgenommen werden zu können. Es entsteht der Eindruck eines naiven, dummen Horrorfilms für naive, dumme Menschen.
Genretechnisch jedoch überrascht Verhoeven mit einer in dieser Form sicherlich unerwarteten Mischung. Stalker-Elemente hat man erwartet, nicht aber, dass sie über durchaus kreative Einschübe mit übernatürlichem Geisterhorror gekreuzt werden könnten. Das Drehbuch nimmt anhand von Rechercheszenen und Spuk im Umfeld der Protagonistin bald ähnliche Kreuzwege wie das "Ring"-Remake (2002), ohne aber die Ästhetik des Japan-Horrors zu imitieren. In diesem Fach wiederum hängt man sich eher an "The Wicker Man". Diese Mischung aus sehr modernem Erzählstil und klassischen Horrormotiven führt zu einem durchaus interessanten, abwechslungsreichen und dynamischen Ablauf mit relativ gelungenen Jump Scares, die gerade wegen der oft unerwarteten Bildkompositionen funktionieren.
Na klar, die letzte Pointe singt wieder was von "Circle Of Life" und vermittelt einen zwar vorhandenen, aber doch arg flachen gesellschaftskritischen Gehalt. Und doch, irgendwie hat sich "Unfriend" seinen Namen verdient.
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