Ulrich Tukur mimt gerade wie gewohnt den Kommissar Felix Murot, als er in einer Drehpause erfahren muss, dass ein Mitarbeiter des Drehteams in der Nacht zuvor tödlich verunglückt ist. Die „Tatort“-Macher waren am Abend in einem Kasino feiern, wo der Verunglückte eine stattliche Summe gewonnen hat. Anschließend wollte er mit Tukur zum Hotel fahren. Da das Geld verschwunden ist und der Unfall scheinbar keiner war, ermittelt die Polizei nun gegen Tukur, der blöderweise am Tatabend so alkoholisiert war, dass er sich an nichts mehr erinnern kann. Der angezählte Schauspieler muss zudem schnell feststellen, dass er bei seinen Kollegen und beim Sender weniger gut gelitten ist, als er es bisher für möglich gehalten hatte.
Deutschland ist eine „Tatort“-Nation. Seit Jahrzehnten ist die Krimi-Reihe am Sonntagabend gesetzt und sie erfreut sich ungebrochener, in den letzten Jahren sogar steigender, Quoten. Die Feuilletons des SPIEGEL und anderer Leitmedien rätseln seit Langem, worin das Erfolgsgeheimnis der Krimis liegt, die mal etwas witziger, mal etwas düsterer, meist jedoch nach Schema F gestrickt, bieder inszeniert und mit regionalem Flair versehen sind. Und doch können auch sie sich dem Krimi-Format nicht entziehen, heizen den Erfolg sogar weiter an, indem sie mit dem „Tatort“ titeln oder vorab Kritiken zur kommenden Episode veröffentlichen. Angesichts dieser Strahlkraft befinden es die meisten zuständigen Sendeanstalten nicht für notwendig, etwas am Konzept zu ändern und solange die Quote stimmt, ist das sicherlich auch deren gutes Recht.
Doch einzelne werden mutiger. So bekommt Till Schweiger als Nick Tschiller beim NDR die Chance, mal für etwas mehr Action zu sorgen, die große Spielwiese bleibt aber der Wiesbadener Tatort mit Ulrich Tukur, den der mutige Hessische Rundfunk verantwortet. Die Zuschauer bekamen hier zunächst einen Ermittler mit Gehirntumor präsentiert, woraufhin der vielfach als „Tarantino“-Tatort gefeierte „Im Schmerz geboren“ für Furore sorgte. Doch gegen „Wer bin ich?“ sind diese Anläufe, aus dem gängigen Schema ein wenig auszubrechen, allenfalls zaghafte, erste Versuche. Dementsprechend erregte der Film-im-Film-Tatort, bei dem sogar auf die obligatorische Leiche verzichtet wird, das deutsche TV-Publikum. Der Film wurde von vielen Kritikern gefeiert, von den treuen Fans zumindest in den Online-Foren aber auf aggressivste Weise zerrissen. Auch die BILD-Zeitung hätte es lieber ein wenig konservativer (und inhaltlich simpler) gehabt und meldete nach der ersten vernichtenden Kritik genüsslich, dass viele Zuschauer während des „Tatorts“ umgeschaltet hatten. Für einen derartigen Aufschrei hatte in der deutschen TV-Landschaft zuletzt allenfalls der angekündigte Rückzug von Stefan Raab gesorgt.
Das kontroverse Stimmungsbild, mit dem die Macher rechnen mussten, lässt sich leicht erklären. „Wer bin ich?“ ist schlicht und einfach kein Film für die langjährigen Fans der biederen Krimi-Reihe, sondern ein Geschenk an diejenigen, die genau das seit jeher bemängeln, es ist ein kluger, selbstreferentieller Streifen, der sich an ganz andere Geschmäcker richtet. Dabei beginnt alles wie immer: Kommissar Murot stiefelt an einem Tatort umher, findet zwei Leichen, geht ersten Hinweisen nach und versucht mögliche Mordmotive abzustecken. Doch dann kommt alles anders:
Der Regisseur beendet die Aufnahme und Sekunden später steht Murot, der jetzt Herr Tukur ist, am Buffet und schenkt sich Kaffee ein, woraufhin er kurz Smalltalk mit der Leiche aus dem Kofferraum führt. Die Story, die sich dann entspinnt und vorab als wirr und zu komplex bezeichnet wurde, ist eigentlich denkbar einfach. Tukur untersucht die Hintergründe des Unfalls seines Kollegen, während die Polizei ihm im Nacken sitzt. Was die „Tatort“-Fans vielmehr verwirrt haben dürfte, ist der Umstand, wie nebensächlich die Krimi-Handlung diesmal ist. Sie ist nur ein Vehikel für die Film-im-Film-Konstruktion sowie die zahllosen Gags und Anspielungen. Allein die Szene, in der sich Tukur und Wolfram Koch, wie eben beim sonntäglichen „Tatort“-Einsatz, im Kasino als Polizisten ausgeben, um an die Bänder der Überwachungskamera zu kommen, zeigt schon das Potential der Idee voll auf.
„Wer bin ich?“ blickt hinter die fiktiven Kulissen des „Tatort“, holt zum Seitenhieb auf die Münsteraner aus, als einer der Darsteller versucht, krampfhaft lustig zu sein und macht sich auch über die verantwortlichen HR-Redakteure lustig, deren Namen für den Film kaum abgeändert wurden. Gezeichnet wird das Bild eines eitlen Fernsehbetriebs, bei dem sich nach außen hin alle gut verstehen, während hinter dem Rücken der Akteure gelästert, gehetzt und auch verleumdet wird. Da herrscht Missgunst darüber, dass der Vertrag von Tukur höher dotiert als der der Kollegin ist, während die HR-Leute den Hauptdarsteller aufgrund des stattlichen Salärs am liebsten loswerden würden, wenn sich der Mordverdacht denn erhärten sollte. Matthias Schweighöfer wird schon als Nachfolger gehandelt.
Nicht ohne Grund folgt die Kamera dem Protagonisten im Stile eines „Birdman“ durch die engen Gänge des HR. Das Geschehen soll aus dem Alltag gegriffen, fast dokumentarisch erscheinen und das gelingt dem Blick hinter die Kulissen in den besten Szenen auch. Das ist derart witzig, dass alles andere komplett in den Hintergrund tritt, wenngleich die Eigenironie mitunter auch etwas Hochmütiges hat. Dennoch funktioniert der gelungene Mix aus Selbstreflexion und dem Bruch mit den Klischees der Reihe bis kurz vor Schluss ausgezeichnet, wenn sich der Regisseur und Autor Bastian Günther schließlich etwas vergaloppiert und Tukur auf sein Alter Ego Murot treffen lässt.
Darüber hinaus sind es vor allem die Darsteller, die zum Gelingen des Films beitragen. Die Beteiligten, allen voran der glänzend aufspielende Tukur, zeigen darstellerisch durch die Bank ansprechende Leistungen, die auch den internationalen Vergleich nicht scheuen müssen. Vor allem aber funktionieren die Figuren deshalb ausgezeichnet, weil Bastian Günther neben Tukur noch viele weitere „Tatort“-Darsteller für sein Experiment gewinnen konnte, die allesamt viel Eigenironie zeigen und als sie selbst auftreten. Wolfram Koch, der sonst den Frankfurter Ermittler spielt, verbucht dabei in einer größeren Rolle als überdrehter Spaßvogel mit Waffenfetisch die meisten Lacher auf seinem Konto, wobei auch das im Film sehr schlechte Verhältnis zur verkrampften Kollegin Magarita Broich für Heiterkeit sorgt. Toll ist auch Martin Wuttke, der beim Leipziger Tatort soeben ausgeschieden ist und hier einen abgehalfterten TV-Darsteller mit Geldsorgen verkörpert. Wäre noch Barbara Philipp zu nennen, deren Neid auf Tukur und dessen Fernsehpreise des Öfteren voll zur Geltung kommt. Ein Kompliment geht außerdem noch an den Tatort-Regisseur Justus von Dohnanyi, der als eben solcher des Öfteren herrlich abgehobenes Zeug faselt und bei jeder seiner Szenen voll im Mittelpunkt des Geschehens steht. Lustig auch, dass die „echten“ Polizisten im Film (Kern & Kugler - Allein die Namen sind schon ulkig) wie Witzfiguren auftreten.
Fazit:
Ein Geschenk an die treuen „Tatort“-Fans ist „Wer bin ich?“ zwar nicht unbedingt, zweifelsohne ist diese Episode aber eines der seltenen Highlights der biederen Krimi-Reihe. Selbstreferentiell, innovativ und witzig kocht diese Episode vor guten Ideen nur so über, bis Bastian Günther die Film-im-Film-Idee am Ende etwas überstrapaziert. Auch wenn ihr sonst nur eine Handvoll Folgen kennt: Den solltet ihr gesehen haben!
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