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iHaveCNit: Manchester by the Sea (2017)

Irgendwann im September des Jahres habe ich mir bei den Streifzügen durch die Kinos meines Vertrauens einen Flyer von den kommenden Filmen aus dem Filmprogramm von Universal Pictures und Focus Features mitgenommen und bin hier das erste Mal auf „Manchester by the Sea“ gestoßen. Damals war ich mir nicht so sicher, ob ich mir den Film überhaupt ansehen soll, aber nach überschwänglichen Kritiken aus den Staaten und der entsprechenden Rezeptionen bei der aktuellen Awardseason, die zu einem Golden Globe für Casey Affleck und nun ganz aktuell auch 6 Oscarnominierungen geführt hat, war ein Kinobesuch Pflicht – was dann folgte ist mal wieder eine ganz große Kinoerfahrung, doch ganz von Vorne.

Lee Chandler ist ein zurückgezogener, introvertierter Hausmeister und lebt in Quincy, Massachusetts. Eines Tages erhält der den Anruf, dass sein Bruder an einem Herzstillstand stirbt. Lee fährt in seinen Heimatsort Manchester by the Sea um dort nicht nur die komplette Bestattung abzuwickeln, er muss auch die Entscheidung treffen, ob er für seinen 16-jährigen Neffen Patrick die Vormundschaft übernimmt. Nebenbei muss er sich auch seiner eigenen Vergangenheit stellen, die dafür gesorgt hat, warum er seiner Heimat eigentlich den Rücken zugedreht hat.

Dem Drehbuchautor und Regisseur Kenneth Lonergan ist mit „Manchester by the Sea“ ein starker Film gelungen. Charakterdramen mit innerlich zerbrochener männlicher Hauptfigur haben wir ja auch zeitgleich mit „Verborgene Schönheit“, der den Konflikt mit extrem plakativer, oberflächlicher und konstruierter Herangehensweise lösen möchte. Hiervon ist „Manchester by the Sea“ meilenweit entfernt. Die Inszenierung ist extrem ruhig und voll auf die starken Bilder und zwischenmenschlichen Momente fokussiert. Ganz intelligent werden 2 zeitliche Ebenen der Geschichte miteinander verknüpft. Zu absolut passenden Momenten wird ohne zusätzliche Einblendungen ein Flashback in die Vergangenheit von Lee Chandler eingebunden, der dazu die Geschichte noch weiter vorantreibt. Schonungslos, realistisch und absolut respektvoll geht der Film mit seinem Thema um und lässt seinen Charakteren den vollen Raum zur Entfaltung. Das Schauspiel in diesem Film ist absolut meisterlich und neben der ruhigen und kraftvollen Inszenierung die Stärke des Films. Lucas Hedges als Patrick Chandler spielt sehr toll und die Beziehung zu Lee Chandler funktioniert perfekt. Michelle Williams ist mir bisher noch nie aufgefallen, doch was Sie in Ihren Szenen vor allem im Zusammenspiel mit Casey Affleck abliefert ist toll. Und so komme ich zu Casey Affleck – was er hier abliefert ist sein Meisterstück. Auf den Punkt und ohne jegliche Starallüren und Award-Aspirationen spielt er hier den innerlich zerbrochenen, zurückhaltenden und introvertierten Hausmeister Lee Chandler und ich hoffe für ihn, dass er dafür den Oscar erhält. Verdient hätte er ihn.

Das einzige negative, was man dem Film vorwerfen könnte ist, dass er vielleicht etwas zu lang geraten und daher etwas sperrig ist, aber die Geschichten aus dem Leben sind nun mal auch sperrig und langwierig. Manchmal sind es einfach die ruhigen, kraftvollen, und sehr respektvollen und realistischen Geschichten, die als Film ihre volle Wirkung entfalten und berühren können. So wie auch „Manchester by the Sea“ - der am Ende des Jahres 2017 auch große Chancen auf „Film des Jahres“ haben dürfte.

„Manchester by the Sea“ - My First Look – 10/10 Punkte.

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