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Casey Affleck spielt einen Hausmeister, der in einem kleinen Zimmer in Boston lebt und nach Feierabend meist allein in einer Sportsbar abhängt. Sein trister Alltag wird aus der Bahn geworfen, als er vom Tod seines herzkranken Bruders erfährt. Er nimmt sich ein paar Tage frei, um in seinem Heimatort Manchester by the Sea die Beerdigung zu organisieren und sich um seinen 16jährigen Neffen, gespielt von Lucas Hedges, zu kümmern, der nun nach dem Verschwinden der alkoholkranken Mutter und dem Tod des Vaters allein dasteht. Als der Onkel erfährt, dass sein Bruder ihn als Vormund vorgesehen hat, ist er mit der Situation zunächst heillos überfordert.

Mit dem u.a. von Matt Damon produzierten Independent-Film „Manchester by the Sea“ hat sich Amazon beim letztjährigen Sundance-Festival ein kleines Juwel gesichert, das zunächst bei allerhand weiteren Festivals mit diversen Lorbeeren bedacht wurde und nun bei der diesjährigen Oscar-Verleihung ein Wörtchen mitzureden haben wird. Anders als konkurrierende Dramen wie „Hidden Figures“ oder „Hacksaw Ridge“, die als klassisches Oscar-Kino auch mal auf etwas Pathos und dramaturgische Spitzen setzen, fühlt sich „Manchester by the Sea“ durchgehend echt und authentisch an.

„Manchester by the Sea“, geschrieben und inszeniert vom „Gangs of New-York-Drehbuchautor Kenneth Lonergan, ist ein Film über Trauer und Verlust, der bei allem Schwermut nicht nur von niederdrückender Tristesse ist, sondern auch die tröstliche Botschaft vermittelt, dass das Leben trotz allem irgendwie weitergeht. Lonergan zeigt nüchtern aber einfühlsam, wie der verschlossene und einsame Hausmeister sowie der extrovertierte und insbesondere bei der Damenwelt beliebte Teenager mit dem Verlust umgehen. Die beiden grundverschiedenen Charaktere sind mit der Situation, dass der Onkel künftig der Vormund sein soll, vollkommen überfordert, zumal es für den Bostoner Hausmeister unvorstellbar ist, in seinen Heimatort zurückzukehren. Andererseits will er den letzten Willen seines Bruders aber durchaus respektieren. In die melancholische Stimmung wird der mal herzliche, mal bittere Humor eingebettet, was den Film etwas auflockert, ohne ihm seine emotionale Kraft zu nehmen. Emotionale Spitzen, wie etwa der plötzliche Nervenzusammenbruch des Schülers oder das zufällige Aufeinandertreffen des Hausmeisters mit seiner Ex-Frau sind wohl dosiert, perfekt platziert und gehen regelrecht unter die Haut, weil sie vollkommen authentisch wirken. Narrativ ist „Manchester by the Sea“ damit eine großartige Arbeit.

In Rückblenden skizziert Lonergan nicht nur die Herzkrankheit des Verstorbenen, sondern auch die Vergangenheit seines Bruders. Da den einsamen, introvertierten Hausmeister von Anfang an eine gewisse Traurigkeit umgibt und eine tragische Vergangenheit angedeutet wird, gewinnt der Film bei seinem etwas behäbigen Auftakt an Spannung, weil Lonergan die aufgeworfenen Fragen erst allmählich auflöst. Dabei wird die zunächst unnahbare Hauptfigur immer sympathischer und vielschichtiger, was nicht zuletzt der großartigen Darstellung von Casey Affleck geschuldet ist. Affleck, der mit seiner verschlossenen Figur regelrecht verschmilzt, mit kleinsten Regungen große Gefühle transportiert und dafür den Oscar mehr als verdient hat, trägt den Film und ist allein das Ansehen schon wert. Das heißt jedoch nicht, dass sich der restliche Cast hinter dem brillanten Hauptdarsteller verstecken müsste. Lucas Hedges, die Entdeckung des Films, spielt den trauernden Teenager authentisch und überzeugend, während es die bereits mehrfach Oscar-nominierte Michelle Williams trotz vergleichsweise kurzer Leinwandpräsenz mit ausdrucksstarkem Spiel auf einige eindrucksvolle Szenen bringt.

Lonergan, der virtuos zwischen den Zeitebenen springt, nüchtern, fast beiläufig erzählt und somit auch ohne den emotionalen Dampfhammer Gefühle erzeugt, verbindet seine vielschichtigen Figuren, seine berührende Geschichte und den großartigen Cast zu einem unaufgeregten und ehrlichen Drama. In visueller Hinsicht sind dabei insbesondere die wunderbaren Aufnahmen der titelgebenden Küstenstadt hervorzuheben. Die etwas unterkühlten Bilder der schroffen Küste und der weiten See tragen perfekt zur melancholischen Stimmung bei und bilden als innere Landschaften die Gefühlswelt des introvertierten Hausmeisters ab.

Fazit:
„Manchester by the Sea“ ist bei aller Nüchternheit und Unaufgeregtheit ein emotionales, einfühlsames und mitreißendes Drama über Trauer und Verlust, das narrativ, visuell und vor allem darstellerisch auf ganzer Linie überzeugt.

86 %

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