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Schon die Einführung vermittelt, dass Jean Rollin diesmal einen Aufbau im Sinn hat, der einer konventionellen Narration zugeneigter ist als üblicherweise bei seinen Vampirfilmen, die eher gemäß einer Traumlogik funktionieren. Die Schergen der Geschichte mit dem reißerischem Vokabular eines Groschenromans einzeln in einer Montage vorzustellen und sie zu alldem auch noch zu den Hauptfiguren zu erklären, mag nach heutigen Standards wieder ungewöhnlich sein (und somit absolut wiederentdeckenswert), es lässt aber auf Anhieb den Geist alter Abenteuerfilme wieder auferstehen, als man all die Schwarz-, Rot- Blau- und Dotterbärte schon aufgrund ihrer sadistischen, skrupellosen Art mit der höchsten Aufmerksamkeit bedachte.

„Les Démoniaques“ ist für den Regisseur als Mischung aus Piraten- und Geister- bzw. Dämonenfilm dementsprechend nicht nur ein thematisch fernliegendes, sondern zugleich ein ungewöhnlich temporeiches Werk, das den üblichen hermeneutischen Kreiseln schlafwandelnder Vampirinnen im durchsichtigen Gewand diesmal über die konsequente Zickzack-Linie eines typischen Rape-and-Revenge-Streifens ein Schnippchen schlägt. Die Konstellation ist eindeutig: Eine Bande verkommener Piraten vergewaltigt brutal die desorientierten Opfer eines Schiffbruchs, um später von den eigenen Taten heimgesucht zu werden.

Entsprechend instinktiv, aber zielstrebig fällt das Handeln der Beteiligten aus, ungewohnt vertraut ist man mit den Schachzügen des Drehbuchs, auch wenn man deswegen noch längst nicht von einem konventionellen Filmerlebnis sprechen kann. Rollins Visionen werden im Handwerk nämlich durchaus sichtbar: Eine Küstenkneipe, die mit dem Leben einer lauten Gesellschaft aus rauen Seebären und fröhlichen Trinkern gefüllt wird (wegen der Faschingskostüme und diverser unbesetzter Stühle ist das Resultat nicht ganz so detailliert ausgefallen, wie man sich eine zünftige Piratenkneipe eigentlich vorstellt), verwandelt sich von einem Moment zum nächsten in eine totenstille Geisterhöhle. Hier findet nun eine herrlich stimmungsvolle Heimsuchung durch die geschändeten Frauen statt, die als vermeintliche Geister anklagend ihre Finger auf den angetrunkenen Kapitän richten und ihn somit gewissermaßen verurteilen.

Die hierin vorzufindende Unmittelbarkeit des Schnitts, die Dualität das Auftretens gleich zweier Racheengel sowie ihre schmutzig-weiße Gewandung sind typische Markenzeichen des Regisseurs. In dieser hervorragend montierten Sequenz werden die Schuldgefühle des vermeintlich gefühllosen Anführers der Bande etabliert und somit der Grundstein für die weitere Fortentwicklung gelegt. Lieva Lone und Patricia Hermenier, deren Rollen ursprünglich wieder mit den Castel-Zwillingen hätten besetzt werden sollen (dies hätte wohl einen weiteren Qualitätsgewinn bedeutet), werden in den orgiastischen, gleichwohl theatralisch-übersteigerten Vergewaltigungsszenen an der Küste zunächst physisch und schauspielerisch stark gefordert, müssen dann aber zum Glück kaum mehr beitragen als mit totem Blick ihre Verfolger einzuschüchtern, denn ihre Unerfahrenheit mit der Schauspielerei sieht man ihnen an.

Die aus dem Erotikbereich stammende Joëlle Coeur hat mit dem gleichen Problem defizitärer Schauspielerei zu kämpfen, löst es allerdings offensiver. Schon in ihrer Einführung überzieht sie mit erhobenen Augenbrauen und zuckenden Mundwinkeln gnadenlos, wird der überzeichneten Charakterisierung durch Drehbuch und Off-Kommentar dadurch aber wider besseren Wissens vollkommen gerecht und entwickelt sich als Psychopathin mit Ausbrüchen der Angst, der Wut und der sexuellen Ekstase zu einem klaren Highlight des Films. Selbst die Erotik- und Nacktszenen, derer sie natürlich einige zu absolvieren hat, vermag sie mit ihrer Zerrissenheit fast nahtlos an die Handlung zu binden. Auch wenn sie mit dieser recht dilettantischen Spielweise in jedem A-Film ein echtes Ärgernis wäre, hier ist sie der Mittelpunkt einiger der besten Szenen und sorgt immer wieder für Schlüsselbilder.

Solche werden allerdings hauptsächlich von der Kulisse geliefert. Die einmal mehr wunderbar anzusehenden Impressionen der Ruinen und Katakomben des Klosters von Villers-la-Ville nahe Brüssel gehören zu den Rollin-typischeren Schauplätzen, aber gerade der brennende Spant eines auf Riff gelaufenen Schiffes sorgt für spektakuläre Bilder ungewohnter Art und zugleich für eine weitere Szene, die aufgrund ihrer Spannung und optischen Komposition herauszuheben ist. Die spätere Rückkehr zu diesem Schauplatz am Tage bei Nutzung der dramaturgischen Möglichkeiten von Ebbe und Flut vervollständigt den durchweg positiven Eindruck der genutzten Drehorte und liefert ein nicht minder spektakuläres Finale.

Die Atmosphäre gleitet vom Schlüpfrigen, Überzeichneten und Pulpigen indes immer wieder gerne ins Surrealistische. Passend, dass auch der Teufel höchstselbst und sogar ein ihm dienender Clown (!) Einfluss auf die Handlung nehmen. Ersterer erinnert mit seinem theatralischen Auftreten an Goethes „Faust“, letzterer mit seiner pantomimischen Gestik stark an die Stummfilmzeit; schon in der Kneipenszene deutet ein entrücktes Nebeneinander hektisch agierender Besucher und bleich geschminkter Geister in starrer Pose eine solche Richtung an. Ferner streut der abwechslungsreiche Soundtrack immer wieder Reminiszenzen an die Ära des tonlosen Films ein. Dass Rollin mit „Les Démoniaques“ also offenbar eine Hommage an den frühen Expressionismus im Sinn hatte, führt ihn ein Stück weit weg von der barocken Romantik eines „La Vampire Nue“ hinein in ein fast schon postmodern zu bezeichnendes Experiment mit dem Ausdruckstanz verstrichener Epochen.

Dessen Gelingen unterstreicht das offenbar tiefe Verständnis des Regisseurs für die Erbenreihe, der er angehört. Die recht deutliche Fokussierung auf das Thema Vampirismus wird oft und gerne fehlinterpretiert. Selbst innerhalb dieser Thematik verarbeitet er eine große Bandbreite an Strömungen, die mit der reinen Betrachtung des Subgenres längst nicht erfasst ist; spätestens mit seinem Ausflug ins Piraten-Fach untermauert er nun seine Vielfältigkeit, die man ihm aus der Ferne vielleicht nicht zugestehen würde.

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