Will Smith spielt Dr. Bennet Omalu, einen aus Nigeria stammenden Pathologen, auf dessen Tisch mit dem ehemaligen Football-Star Mike Webster, gespielt von David Morse, eine echte Berühmtheit landet. Der Profisportler war nach dem Ende seiner aktiven Laufbahn zeitweise obdachlos, litt an Depressionen und Denkstörungen. Das Gehirn des gerade einmal 50jährigen sieht aus wie das eines Greises, was Omalu auf die vielen Gehirnerschütterungen zurückführt, die sich Webster auf dem Spielfeld zu aktiven Zeiten zuzog. Während weitere, ähnlich gelagerte Todesfälle unter ehemaligen Football-Profis seine These bestätigen und er diese gemeinsam mit einem Experten für das menschliche Gehirn publizieren kann, zieht die Profiliga NFL gegen ihn zu Felde, weil sie ihr wertvolles Produkt durch die Erkenntnisse gefährdet sieht.
Nun ist die Wahrheit, dass harte Schläge auf den Kopf dem Denkvermögen auf Dauer nicht so zuträglich sind, wie es im Volksmund manchmal heißt, freilich nicht so erschütternd, wie der deutsche Name des im englischen Original „Concussions“ titulierten Sport-Dramas suggeriert. Dennoch bekämpfte die NFL kurz nach der Jahrtausendwende Dr. Omalu und seine Erkenntnisse, zog seine Reputation in Zweifel und das, obwohl den Sportfunktionären wohl längst Erkenntnisse über die Schädlichkeit des extrem körperbetonten Sports vorlagen. Die Rückzugsgefechte des Verbandes, der mit eigenen Studien zu widerlegen versuchte, was kaum noch von der Hand zu weisen war, erinnerten an die der Tabakkonzerne, welche die Schädlichkeit des Rauchens lange leugneten oder an aktuelle Versuche der Tea Party und einiger Konzerne, den anthropogenen Treibhauseffekt wegzudiskutieren, während die Pole schmelzen. Hätte Peter Landesman, der wie zuletzt beim Polit-Drama „Parkland“ für Regie und Drehbuch verantwortlich ist, diese Versuche, Nebelkerzen zu zünden, zum Hauptgegenstand seines Films gemacht, hätte dieser eine bissige Football-Version eines „Thank you for Smoking“ werden können. Doch Landesman widmet sich stattdessen lieber Omalu und seinen Entdeckungen, was ja durchaus auch ganz interessant hätte werden können.
Doch leider harkt es sowohl bei der Story, als auch bei der Inszenierung ein wenig. Zwar versteht es Landesman insgesamt ganz gut, seine Geschichte aufzubauen, vom Tod Mike Websters auf das große Ganze zu stoßen, die durchaus interessante Begebenheit kontinuierlich voranzutreiben, doch mehr als solide Unterhaltung bietet das Ganze leider nicht. Dafür sind die Bilder, wie der gesamte Film, zu unterkühlt und der Protagonist nicht nahbar genug. Omalu wird als ehrgeiziger Aufsteiger gezeichnet, der sich seine Stellung vom nigerianischen Nobody zum Arzt in den USA hart erarbeitet hat, der seine neue Heimat liebt, wie auch seine Frau, mit der er eine perfekte Musterbeziehung führt. Es geht ihm bei seinen Entdeckungen nicht um Ansehen, Ehre (oder wie bei vielen Wissenschaftlern um die große Publikation), sondern allein darum, auf die Gefahren des Footballs hinzuweisen. Keine Ecken, keine Kanten, keine wirklich interessante Figur, wenngleich Will Smith in der Rolle alles gibt.
Der Kampf des Pathologen gegen die NFL hätte Landesman die Chance geboten, die Spannungsschraube anzudrehen, doch er bleibt bei seiner unterkühlten Machart, die den Zuschauer auf Distanz hält, und nutzt dieses Potential leider überhaupt nicht. Zudem hätte „Erschütternde Wahrheit“ ruhig etwas bissiger sein können, doch man gewinnt - ganz im Gegenteil - sogar den Eindruck, Landesman sei bemüht, sein Werk nicht allzu unamerikanisch wirken zu lassen, mit dem Sport nicht allzu hart ins Gericht zu gehen. So wird immer wieder hervorgehoben, wie toll dieses Land der unbegrenzten Möglichkeiten und wie großartig der Football doch ist. Ins Mittelmaß retten den Film aber die durchweg überzeugenden Darsteller, von denen neben dem starken Will Smith vor allem Alec Baldwin als geläuterter, ehemaliger Mannschaftsarzt sowie David Morse als verwirrter Ex-Profi überzeugen können.
Fazit:
„Erschütternde Wahrheit“ unterhält dank der interessanten Begebenheit, des guten Darstellerensembles und der soliden Narration über weite Strecken ordentlich, sticht aber zu keinem Zeitpunkt aus dem Mittelmaß heraus. Dafür ist Peter Landesmans Film zu unterkühlt, die Charakterkonstruktion zu schwach. Außerdem fehlt in Bezug auf die Vertuschungsversuche durch die NFL der Biss.
60 %