Review

Über den Preis der Vergebung

(Die folgende Rezension enthält Spoiler.)

Die Schweizer Photographin Mira steht kurz davor, unter die Haube zu kommen. Zusammen mit ihrem biederen Freund besichtigt sie teure Wohnungen. Dann aber macht sie eine Entdeckung: Ihr totgeglaubter, kurdischer Vater lebt noch. Bisher hatte sie geglaubt, er sei im Kampf gegen Saddam Hussein umgekommen. Mira entschliesst, in den Irak zu reisen und ihren Vater ausfindig zu machen. Dabei setzt sie nicht nur ihre Beziehung aufs Spiel, sondern vielleicht sogar ihr Leben. Denn in Kurdistan gibt es einige Leute, die Miras Vater ebenfalls suchen. Und diese Leute werden ihn nicht mit einer innigen Umarmung begrüssen …

Die Schwalbe des kurdischen Regisseurs Mano Khalil (Der Imker, 2013) ist ein Drama mit polithistorischem Hintergrund. Der Film spielt über weite Strecken im Irak – ein Land, das zurzeit heiss umkämpft ist. Die Schweizer Filmproduktion nimmt ein Krisengebiet in den Blick, vor dem wir Europäer zuweilen lieber die Augen verschliessen. Wie Miras Freund sagt: „Kein Schwein reist nach Irak, kein Schwein.“ Mit der sympathischen und mutigen Mira haben wir allerdings eine Protagonistin, mit der wir uns identifizieren können: Sie reist als Fremde in ein bedrohlich wirkendes Land und muss sich selbst erst in der ungewohnten Umgebung zurecht finden. Dabei erhält sie Unterstützung von Ramo, einem kurdischen Einheimischen. Die beiden reisen durch den Irak, um Miras Vater aufzuspüren. Aber der charismatische Ramo verfolgt eigene Ziele: Er hat den Auftrag bekommen, Miras Vater zu töten.

Weshalb? In Wirklichkeit kämpfte Miras Vater nicht gegen Saddam Hussein, sondern für ihn. Er hat seine eigene Leute verraten und ermordet. Und diese Leute sinnen nun auf Rache. Das alles weiss Mira nicht; sie verehrt ihren Vater nach wie vor als kurdischen Kriegshelden. Auf ihrer Reise kommen Ramo und Mira sich immer näher. In Ramo wachsen die Zweifel an seiner Mission. Er versucht, die Spirale der Rache zu durchbrechen. Und muss dafür einen unvorstellbaren Preis bezahlen.

Die Themen in Die Schwalbe sind universal: Sie sind auch unabhängig von der Irakischen Geschichte nachvollziehbar. Ist es möglich, schreckliche Gewalttaten zu verzeihen? Was ist der Preis des Vergessens? Sollte eine Tochter die Wahrheit über ihren verbrecherischen Vaters erfahren? Können sich zwei Menschen lieben, wenn die Vergangenheit eine blutige Grenze zwischen ihnen zieht? Khalil gibt auf diese Fragen keine einfachen Antworten. Er stellt sich den Konflikten direkt. In einer Szene etwa tickt Ramo völlig aus, nachdem Mira allzu träumerisch vor sich hin redet. Zwischen der sorglosen Schweizerin und dem traumatisierten Kurden gibt es eben doch eine hohe Mauer. Ist sie überwindbar? Mag sein. Der Film lässt Platz für Hoffnung, auch wenn er tragisch endet. Khalil zeigt uns: Es ist ausserordentlich schwierig, die Gewalt einfach zu beenden – vor allem dann, wenn die Menschen von einem unaussprechlichen Massenmord gezeichnet worden sind. Der Preis für die Vergebung ist hoch. Vielleicht zu hoch.

Die Schwalbe ist ein gelungener Aufklärungsfilm: Er schafft es, auf zugängliche, subtile (und manchmal humorvolle) Weise für das Schicksal der Kurden zu sensibilisieren. Die beiden Hauptdarsteller machen eine gute Figur, wenn sie auch noch etwas unerfahren wirken. Manon Pfrunder als Mia ist aufmüpfig und verspielt; Ismail Zagros als Ramo herzlich, rau und impulsiv. Das Drehbuch ist durchgehend spannend, obschon im Mittelteil gut und gerne einige Szenen hätten gekürzt werden können. Manche Dialoge wirken aufgesetzt und streifen beinahe den Kitsch. Dem Film fehlt ganz allgemein der zündende Funke, der ihn vom gehobenen Mittelmass absetzt.

Trotzdem ist Die Schwalbe ein lohnendes Erlebnis: ein politischer Film, der auf den erhobenen Zeigefinger verzichtet und sich auf das persönliche Schicksal zweier Menschen konzentriert, um Verständnis zu stiften. Das hat funktioniert. Da kann man getrost über einige Patzer und Klischees hinwegsehen.

7/10

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