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Momentan ist das Chinesische Kino den Leuten eher am Bange machen. Durch das Wachstum, was über die letzten Jahre kontinuierlich erreicht wurde und mittlerweile schwindelerregenden Größen erlangte, aber damit noch nicht am Ende der Fahnenstange angelangt ist. Durch den Druck auch auf Hollywood, die zu wirtschaftlich schlechten Konditionen zum Verleih ihrer Filme und der ausländischen Re-Finanzierung der Innerlandes oft strauchelnden Produktionen nahezu gezwungen sind. Durch die Zensur, die sich zwar gelockert hat, aber immer noch mehr als in anderen Ländern aktiv und einige seltsame Bestimmungen am Anwenden ist. Und letztlich auch durch die Erzeugnisse selber, die oftmals das genaue Gegenteil von dem entsprechen, was der geneigte Zuschauer vor Jahren noch zu sehen bekam, und was sich damals eher im Nischensender, im Spartenabteil, im Programmkino als das „Chinesische Kino“ (der Fünften Generation) für die vermeintliche Avantgarde präsentierte und heute längst ad acta gelegt ist.

Die Volksrepublik China macht mittlerweile Blockbuster, die Hollywood in Sachen Aufwand ja, in Sachen Budget aber noch nicht Konkurrenz machen und auch heimisch gefördert, d.h. in der Vorzugsstellung gegenüber den Produkten aus dem Ausland ist. Mit ursächlich für diesen Aufschwung ist auch die Übernahme früherer kantonesischer Regisseure, die nun fast 20 Jahre nach der Übergabe zurück an das Mutterland oftmals zwar nicht assimiliert, aber in die eigene Filmwirtschaft mit integriert sind. Nicht verwunderlich ist, dass gerade Anfang 2016, zu der Zeit des Chinesischen Neujahres, zu der Hochphase der kommerziellen Kinokultur die drei erfolgreichsten Produktionen allesamt von früheren Hong Kong Regisseuren, alles drei autarken Kräften in ihren Bereichen  und keine Marionetten etwa anderer Leute inszeniert worden sind. Von Stephen Chows The Mermaid, der sage und schreibe eine halbe Milliarde USD und damit ein bislang unvorstellbare Summe innerhalb weniger Wochen und mit lokal begrenzten Radius eingesammelt hat, über Soi Cheangs Monkey King 2 zu Wong Jings From Vegas to Macau III, womit neben der formellen  Verlegung auf Trick- und Effektspektakel auch ein weiteres Konstrukt des zuvorderst Amerikanischen Kinos, die Sequelmania zur Anwendung gekommen ist.

Erschrocken und damit das Bange machen fördernd ist man als westlicher Zuschauer eigentlich nur über die Eigenarten des vorliegenden Filmes; sind die beiden anderen Erwähnten zwar für unsere Sinne auch nicht das allgemein gängige Werk, haben sie aber genug Referenzen und Bestimmungen, wie die Übergriffe in das Märchen und die Fabel, die für uns auch heimisch sind. From Vegas to Macau III dagegen ist einfach nur spinnert, überdreht, überzogen und ein (Alb)Traum, der allerdings und dies trotz aller Verrisse und schreiender Kritiken und Boykottversuche v.a. in der ehemaligen Heimat HK auch einfach nur die logische Fortführung des Erfolges von Wong Jing und seiner bisherigen Karriere, mittlerweile auch über 35 Jahre anhaltend im Geschäft und dies entscheidend mitbestimmend ist. [Durch die Marktbeherrschung der neuen Trilogie haben sich gerade im  Niedrigpreissektor auch allerlei obskure chinesische low Budget Schöpfungen wie die ripoff - Vettern God of Gamblers 2016, All for the Winner 2016 und The Super Top Bet aus dem Morast  empor geschmuggelt]:

Eigentlich hätte Ken Shek [ Chow Yun-fat ] allen Grund zur Freude, steht doch  die großangelegte Hochzeit zwischen seinem Mündel Vincent [ Shawn Yu ] und seiner Tochter Rainbow [ Kimmy Tong ] an. Allerdings wird die Feierlichkeit kurz vor dem Stattfinden der offiziellen Zeremonie durch einen verheerenden Anschlag vereitelt und mehrere Todesopfer gefordert. Dahinter steckt Mastermind J.C. [ Jacky Cheung ], der in seiner hochwissenschaftlichen Werkstatt auch die Seele der körperlich eigentlich verstorbenen Molly [ Carina Lau ], Kens früherer großer Liebe am Leben hält und in ihrem Namen die Rache an ihrem Tod verübt. Ken, der auch aufgrund des Attentates kurzfristig an einer Amnesie leidet, wird von seinem Freund Mark [ Nick Cheung ] bei Michael Chan [ Andy Lau ], dem “Knife of Gambler“ und Assistenten von Ko Chun, des lGod of Gamblers“ [ Chow Yun-fat ] in Sicherheit gebracht und dort zusätzlich durch Kitty [ Chris Li ] und Long Ng Jr. [ Jacky Heung ], dem Sohn von Ko Chuns Bodyguard Long Ng [ Charles Heung ] beschützt. Da J.C. weiterhin niederträchtig agiert und weiterhin die schiesswütigen Truppen losschickt, gehen die Guten bald in die Offensive, wobei sich ein Spielerduell in Thailand als erste direkte Konfrontation anbietet.

Bezog sich der Ausgangspunkt der bisherigen Trilogie, die auch unter dem Alternativnamen The Man from Macau frequentiert, einst auf Wongs The God of Gamblers [ 1989 ] und war der Erste Teil von 2014 auch noch relativ gemäßigt im Aufbau und im Anliegen, so ging es bereits bei From Vegas to Macau II [ 2015 ] doch schon in die Absurdität, in die Albernheit, in die Kindlichkeit und die Extravaganz, was damals schon nach vielerlei Meinung auch zu viel des Guten (bzw. des Schlechten) war, allerdings an den Kinokassen mehr als erfolgreich und somit nun die logische Erweiterung, die Steigerung noch einmal, die Potenzierung (all des Schlechten) weiterhin und auch weiterhin potenzierten Boxoffice-Zuspruch erhält. Zuvor schon quasi der aktuelle, stark im Ton und Anspruch veränderte Gegenpart zu eben dem God of Gamblers, quasi Teil 4 und 5, wird nunmehr die Referenz zu dem größten Kritikererfolg in Wongs weitreichenden Schaffen erneut deutlich gesucht – und oft in das Gegenteil umgekippt. Mit der neuen/alten Besetzung durch Andy Lau ist das einstige Duo bzw. mit Wong als Macher das Trio von 1989 komplett, und der Aufzug der Figuren, das 1:1 der Kleidung aus des Original entspricht, ist nicht die einzige optische Wiederholung, die sich aus den Bildern ergibt. Allerdings:

Nunmehr, über ein Vierteljahrhundert später, ist aus dem einst auch urbanen Charme mit den Hängepartien an Häuserbalustraden, dem Feilschen von Kleinkriminellen mit schmuddeligen Hinterzimmer oder auch der Amnesieepisode in einem abgeschiedenen Dorf hier natürlich nicht mehr viel her; auch oder gerade wenn man sich um eine narrative Wiederholung doch bemüht. Von Sekunde Eins an ergeht sich die Handlung in einem Hopping von einem großflächigen Panorama zum nächsten, von Luxusbauten in Thailand, Macau, HK und Singapur hin und her und hin und weg, wobei diese Großmannssucht offensichtlich nicht dem Gusto von Wong selber, sondern dem zweiten Regisseur und Bilderguru Andrew Lau entspricht, der auch die Kamera führt, während der offizielle dritte Regisseur Billy Chung wie üblich als Mündel für die Nebenszenen verantwortlich ist. Eine Arbeitsteilung, bei der man vielleicht nur selber den eher bodenständigeren Chung an vorderster Front gesehen hätte, dieser hier aber nichts zu sagen hat und nur als Strohpuppe im Auftrag der beiden Anderen agiert. Viele Effekte werden auch geboten, auch ein paar flotte Actionszenen aus dem Nichts, in vergleichsweise guter Manier sogar, viel Glanz und Pomp und viel Unnützes wie offensives Singsang im Geschehen, dass anfangs zwar ganz flott agiert, aber da schon recht infantil ist und sich dann noch steigert und sich fast zum Scifi - Quark, inklusive einem stilecht zerzausten Mad Scientist, einem Geheimlabor und allerlei Phantasiegebilde auswächst.

Dass Wong davor dann noch die 'Revival Pill' einnimmt und tatsächlich Erinnerungen an frühere und bessere Zeiten erwecken will [Popreferenzen en masse über Prison on Fire zu Heavenly Sword & Dragon Sabre undundund], dieses aber mit Tortenschlachten wie im Kindergarten und einer Romanze zwischen Robot Stupid und Robot Skinny, den automatisierten Hausdienern der Herrschaften mischen will, zeigt das Dilemma einer überbordenden Freude an dem Affentheater auf und ist nur bunt und laut und schreiend quietschfidel. Zugutehalten muss man, oder kann man vielleicht, wenn man denn wohlgesonnen ist, dass diese Formel des Mo Lei Tau, der Nonsensekomik so tatsächlich auch ein Markenzeichen all der bisherigen Geschehnisse in Wongs Karriere und die überaus namhaften Darsteller hier auch nicht zur Anwesenheit gezwungen sind, sondern mit sichtlicher Spielfreude agieren. Als Zuschauer braucht man diese Zirkusnummer allerdings nicht; wobei gespannt zu sehen sein wird, ob Wong das tatsächlich noch mal steigern will, mit dem bevorstehenden Mission Milano etwa, oder auf seine alten Tage doch wieder etwas ruhiger wird.

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