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Ryan Reynolds spielt Wade Wilson, einen ehemaligen Elitesoldaten, der unheilbar an Krebs erkrankt. Er ergreift in seiner Verzweiflung den letzten Strohhalm, den ihm ein von Ed Skrein verkörperter Arzt reicht. Der psychopathische Mediziner foltert seinen neuen Patienten fast zu Tode, entstellt ihn auf grausamste Weise, doch die Therapie schlägt an. Wilson überlebt und entwickelt übernatürliche Selbstheilungskräfte. Der Mutant, der seine Freundin, gespielt Morena Baccarin, über seinen Verbleib im Unklaren lässt, sinnt auf Rache, streift sich einen roten Anzug über und schreitet schließlich unter dem Pseudonym Deadpool mit aller Brutalität zur Tat.

Die Vorfreude und die Befürchtungen hielten sich die Waage. Würde Hollywood auch aus „Deadpool“ einen familienfreundlichen Superhelden machen, es bei ein paar ironischen Kommentaren und der einen oder anderen etwas deftigeren Action-Sequenzen belassen? Oder würde der Geist der Vorlage erhalten bleiben, Deadpool als zynischer und gewalttätiger Antiheld präsentiert werden? Für ein erstes Aufatmen sorgte jedenfalls, dass Ryan Reynolds früh durchblicken ließ, hier definitiv keinen zweiten „Green Lantern“ machen, sondern eine Comic-Verfilmung für Erwachsene realisieren zu wollen. Als „Deadpool“ dann in den Staaten ein R-Rating und in Deutschland die Freigabe ab 16 erhielt, brachen alle Dämme. Auf rekordverdächtige Einspielergebnisse und gute bis sehr gute User-Wertungen folgte ein gewaltiger Hype, dem der Film jedoch nicht ganz gerecht wird.

Der Deadpool, den der Animator und Special-Effect-Mann Tim Miller als verantwortlicher Regisseur seinen Zuschauern präsentiert, ist der brutale Zyniker, den sich die Fans erhofft hatten. Er mordet und foltert, möchte nicht bei den vergleichsweise aufrichtigen und integeren X-Men mitmischen, er schimpft wie ein Rohrspatz und auch gröbere sexuelle Anstößigkeiten scheut er nicht. So ist „Deadpool“ letztendlich eine kurzweilige Mischung aus guten, schrägen und auch kruden Ideen, aus coolen und weniger coolen Sprüchen, aus gelungenen Anspielungen und derben Zoten geworden, die man so von der Verfilmung eines Marvel-Comics nicht erwartet hätte. Besonders witzig ist der Film dann, wenn sich die Beteiligten selbst auf die Schippe nehmen, wie es schon im Vorspann geschieht. Reynolds, der Sexiest Man Alive von 2010, tritt als entstelltes Scheusal auf und kann sich auch den einen oder anderen Seitenhieb auf seine misslungene „Green Lantern“-Verfilmung nicht verkneifen. Hinzu kommen ein paar amüsante Anspielungen auf diverse andere Marvel-Comics, wenngleich „Kick-Ass“ unbestritten die beste Superhelden-Persiflage bleiben dürfte.

Ungewöhnlich ist auch die Erzählweise des Films. Nicht nur, dass sich der (Anti)Held auf die Meta-Ebene begibt, direkt mit den Zuschauern kommuniziert, seinen eigenen Film kommentiert und auch dabei mit den klassischen Superhelden- und Marvel-Klischees bricht, auch der Aufbau unterscheidet sich deutlich von den Erstlingen eines „Spider-“, „Ant-„ oder „Iron-Man“. Zwar wird auch in „Deadpool“ erzählt, wie der Protagonist zum Superhelden wird, das geschieht jedoch größtenteils in Rückblenden, während der Mann im roten Anzug einige böse Jungs niedermetzelt. Doch sowohl die Metaebene, als auch die etwas verschachtelte Erzählweise, die dem Film zudem mitunter etwas die Fahrt nimmt, können nicht über die banale Story hinwegtäuschen. Zudem hätte es die beiden X-Men im Film nicht unbedingt gebraucht, weil sie wenig zum Geschehen beizutragen haben.

Der Rest ist solides Handwerk. Die Action-Szenen können technisch zwar nicht mit „Avengers“ und Co mithalten, aber die Begründung liefert Deadpool höchstpersönlich ja gleich mit, indem er mehrfach auf das vergleichsweise beschauliche Budget verweist. Was der Film an Effektgewittern vermissen lässt, gleicht er aber mit deftiger Brutalität gelungen aus, die man so seit „300“ in kaum einer Comic-Verfilmung gesehen hat. Allein die irre Folter, die der Held im Mittelteil zu durchleiden hat, setzt schon einige Ausrufezeichen, doch der Showdown schafft es dennoch, das bis dahin Gesehene zu überbieten. Die Optik ist allgemein gut, die Musikauswahl stilsicher. Ansonsten gibt es auch darstellerisch wenig zu bemängeln, so gibt es einen ausgesprochen spielfreudigen Ryan Reynolds zu sehen, eine in einer wirklich starken Rolle besetzte Morena Baccarin und einen charismatischen Ed Skrein, der ein ausgesprochen gelungenes Feindbild abgibt.

Fazit:
Ja, Deadpool ist einer der coolsten Antihelden der jüngeren Kinogeschichte und der Film mit einer Konsequenz umgesetzt, die nur wenige Marvel-Verfilmungen bisher hatten. Auf inhaltlicher Ebene ist die Comic-Verfilmung jedoch überschaubar, der Humor nicht immer geschmackssicher und die brüchige Erzählweise trotz des Einbezugs der Meta-Ebene dramaturgisch eher ungeschickt. So bleibt ein kurzweiliger, herrlich anarchischer Film, mehr aber auch nicht.

70 %

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