Es kam wie es kommen musste. Bereits bei der Ankündigung, dass Til Schweiger (The Replacement Killers) "Tatort"-Ermittler wird konnte man schon irgendwie ahnen, dass das Schweiger wohl nicht genug sein und früher oder später einen Kinofilm mit seinem "Tatort"-Charakter abliefern würde, um es Götz George gleich zu tun. Doch bis es so weit war gab es vier ganze TV-Einsätze mit Nick Tschiller in Hamburg, Bereits für diese zog Schweiger Christian Alvart (Pandorum) ans Land, damit man sich schonmal mit einem hollywood-erfahrenen Regisseur brüsten konnte. Die vier bisherigen Tilorte waren dann allesamt recht solide, aber auch nicht der Überhammer, als die sie von Schweigers persönlichem Propaganda-Blatt TV Movie abgefeiert wurden. Gerade die letzten beiden Einsätze, die zeitnah zum Start des Kino-Einsatzes ausgestrahlt wurden, verfehlten ihr Ziel und machten einen nicht wirklich geil auf das bevorstehenden Kinoabenteuer. An den Kassen der Multiplexe blieb der Film dann auch hinter den Erwartungen zurück. Eine Mitschuld daran trägt Schweiger gewiss selber, wenn er vorab Rotz und Galle auf Facebook spuckt. Leider bedeutet das auch gleichzeitig einen weiteren Sargnagel für das deutsche Genrekino. Es mag löblich für Schweiger sein, dass er wie schon mit "Schutzengel" zumindest versucht etwas Action in die deutsche Filmlandschaft zu bringen, es aber immer wieder schafft gerade dann diese Produktionen durch seine Art ins Abseits zu schießen. Kein Wunder, dass dt. Produzenten dann lieber die x-te RomCom mit Schweiger & Schweighöfer, noch eine Teenie-Komödie oder die 1001ste filmische Verarbeitung rund um die Weltkriege finanzieren, wenn sie sehen dass dt. Actionfilme an den Kinokassen baden gehen. Und das obwohl "Tschiller: Off Duty" von der Presse als "Tatort" mit OO7-Qualität angepriesen wurde. Doch hier hätte man die Kirche einfach mal im Dorf lassen sollen, denn nur, weil Schweiger mit einer Walther P99 rumfuchtelt, macht ihn das noch lange nicht zum deutschen Aushilfs-JamesBond!
Lenny Tschiller (Luna Schweiger) erfährt zufällig, dass der Mörder ihrer Mutter, Firat Astan (Erdal Yildiz), die Flucht aus dem türkischen Knast gelungen ist. Kurzerhand packt Tschiller Junior ihre sieben Sachen, um am Bosporus mit ihm abzurechnen. Natürlich geht der Racheakt schief und Lenny wird von Astans Verbündetem Seker (Özgür Yildirim) Richtung Moskau verfrachtet. Nick Tschiller (Til Schweiger) selber landet zu spät in Instanbul, nimmt aber prompt die Verfolgung auf, um seine Tochter zu retten...
Til Schweiger leiert hier wie schon in den vier Tilorten zuvor routiniert die Rolle des Nick Tschillers runter, ohne sich dabei mit Ruhm zu bekleckern. Schweiger war halt nie ein großer Charaktermime gewesen. In seinen früheren Filmen in den 90ern mag er noch bemüht gewesen sein, aber preisverdächtig war das nie. Sieht man auch wunderbar in "Inglourious Basterds", wo Schweiger zwar nicht störend war, aber auch keine Offenbarung. Im Kreise von Leuten wie Waltz, Pitt, Fassbender, Diehl und Brühl stank er gnadenlos ab. Wäre sein Charakter von jemand anderem gespielt worden wäre das auch nicht weiter ins Gewicht gefallen. Mit ebenso mittelmäßigem Schauspieltalent ist seine älteste Tochter Luna Schweiger (Schutzengel) gesegnet, aber hier hat sie zum Glück recht wenig Screentime, um wirklich negativ auffallen zu können. Fahri Yardim (Der Medicus) gibt erneut Tschillers Buddy Gümer, was er auch hier recht gut über die Bühne zieht und dabei dem eigentlichen Star gekonnt die Show stiehlt. Als dauer fies drein grinsender Oberschurke hat man hier diesmal Özgür Yildirim (Blutzbrüdaz), der Firat Astan recht schnell als Tschillers Nemesis ablösen darf. Er spielt halt den lokalen Schurken, aber so richtig überzeugen kann er nicht. Ständig denkt man, dass da doch noch ein größerer Hintermann lauert, aber Pustekuchen. Kurz hält dann mal Ralf Möller (FarCry) sein Gesicht als deutscher Touri während einer türkischen Boxrunde in die Kamera. War sicherlich günstig zu bekommen.
Konnte man im Vorfeld immerhin auf ein zünftiges Actionfest hoffen, da schon die beiden Prä-"Tatorte" in dieser Hinsicht recht lau ausfielen, so wird man hier weitestgehend enttäuscht. Klar, Tschiller ballert hier und da mal was rum, und jumpt zur Not auch mal durch eine Wand, aber wirklich vom Hocker haut er damit keinen so richtig. Da bekommt man anderswo einfach besseres geboten, teilweise auch in TV-Serien aus den USA. Handlungtechnisch hat man sich dann wohl gedacht, dass es ja nicht schaden würde eiskalt bei der "Taken"-Reihe mit Liam Neeson abzukupfern. Immerhin macht Schweiger selbst daraus kein Geheimnis und zog in Interviews diesen Vergleich, leistete sich dann aber im selben Atemzug den Kardinalfehler, indem er sich als besseren Schauspieler als Neeson hinstellte. Also bitte! Insgesamt wirkt der Plot auch nicht wirklich glaubwürdig, aber da das im Action-Genre eine eher untergeordnete Rolle spielt, will ich mal nicht so sein und hier ein Auge zudrücken. Dennoch kommt man um den einen oder anderen extremen Facepalm-Moment nicht herum. So zum Beispiel als Tschiller mitten in einem Verhör bei der türkischen Polizei Seker als Geisel nimmt und dafür fix ein Ersatzmagazin für seine Knarre (die natürlich während dem Verhör auf dem Tisch liegt) aus der Hose fingert, was so ausschaut als wäre die türkische Polizei zu blöd gewesen Tschiller vorher bei der Festnahme zu durchsuchen. Ein anderer Moment ist dann der, wo Tschiller im Finale seiner Tochter ohne Narkose und jegliche medizinische Fachkenntnisse mal kurz das zuvor implantierte Bömbchen heraus operiert. OP ruft Dr. Tschiller! Und natürlich muss Tschiller noch als der Weiberheld vor dem Herrn dargestellt werden, um Schweigers Ego zu streicheln. Vermutlich Midlife-Crises oder so was. Man müsste ja meinen, dass ein Kerl wie Tschiller keine Sekunde verstreichen lassen würde, um seine Tochter zu finden, aber dann immer noch Zeit findet, um mit einer informativen Hotelangestellten ins Bett zu springen. Musikalisch bedient man sich wie schon in Schweiger RomComs irgend einer Chart-Musik, um der Masse zu gefallen.
Alles in allem zwar recht solide Unterhaltung, die mit 140 Minuten aber auch ein wenig unnötig in die Länge gezogen wurde. Ein knackiger 90- oder 110-Minüter hätte es auch getan. Aber da hätten wohl keine ausgiebigen Erkundungsgänge in Istanbul und Moskau rein gepasst, während Schimi seinerzeit nur Urlaub in Frankreich machen durfte. Weitere TV-Einsätze Tschillers meinetwegen, aber ein zweites Lichtspielhaus-Abenteuer braucht es hingegen nicht. Da haben mir vor allem die ersten beiden TV-Tilorte insgesamt besser gefallen. Vielleicht sieht das auch Schweiger selber ein, da er mit "Tschiller: Off Duty" doch ziemlich baden gegangen war. Oder er macht es wie so oft, verschließt die Augen vor der Realität und hält sich weiterhin für den Größten.