Ein mondförmiger White Afro als übles Vorzeichen für einen entfesselten Medusa-Kopf, der als unsichtbare Walze einen Amoklauf starten wird. Rituelles Kauderwelsch, begleitet von verwirrender Zeichensprache, das der Herrscher über das Okkulte ebenso als Kommunikationsinstrument gebrauchen könnte wie der Hippie in Schlaghosen. Ein Altar aus Stein unter offenem Himmel, der sich gleichermaßen zur Menschenopferung wie zur Entbindung eignet. Oder um sich einfach im Kreise darum zu versammeln und an den Tentakeln zu saugen, die zur Bong in der Mitte führen, bis man die Welt übergangsweise durch grellrote Farbfilter sieht. Es ist unübersehbar: In „The Dunwich Horror“ trifft das unbeschreibliche kosmische Grauen jenseits von Raum auf Zeit auf… na ja, auf die Zeit der Hippies.
Dass die Handlung in der damaligen Gegenwart des Jahres 1970 spielt, lässt sich an der Pre-Title-Sequenz allerdings noch nicht ablesen. Seine bereits zweite Regiearbeit an einer Lovecraft-Adaption (nach „Die Monster Die“, 1965) stattet der ehemalige Art Director und Setdesigner Daniel Haller zunächst ähnlich aus wie seine erste: lila Mustertapeten, Zierkommoden aus Holz, ein Himmelbett mit violetten Samtvorhängen. Noch könnte ein viktorianisches Herrenhaus Dreh- und Angelpunkt der Geschichte sein; wann und wo das Ganze spielt, bleibt vorerst jedenfalls unklar. Fest steht nur, eine schwangere Frau windet sich schweißgebadet und von Wehen gepeitscht auf den Laken, während sich ihr ein alter Mann mit Rasputin-Bart nähert; im Hintergrund warten zwei in Schwarz gekleidete Albino-Frauen. Wir werden also Zeuge einer nicht ganz konventionellen Geburt. Wer zwei Jahre zuvor mit dabei war, als Rosemary ihr Baby bekam, der ahnt wohl bereits, dass auch hier kein gewöhnliches Kind zur Welt kommt.
Dann übernimmt Titeldesigner Sandy Dvore und kredenzt eine betont zweidimensionale Scherenschnitt-Animation. Im Zusammenspiel schwarzer und tiefblauer Flächen lässt er grobe Formen entstehen und wieder zusammenfallen. Zwei menschliche Figuren versuchen, auf dem sich ständig bewegenden Boden Halt zu fassen und ihren Weg zu gehen. Säulen steigen aus ihm empor und Gebirge wachsen aus dem Nichts. Aus den Säulen werden Bäume, aus Felsbrocken bildet sich langsam ein riesiges Gesicht. Die Titeleinblendungen passen sich derweil den schiefen Linien an. Saul Bass’ Titelsequenzen der 60er Jahre (für verschiedene Hitchcock-Filme beispielsweise) werden aufgegriffen, zugleich orientiert sich die Gestaltung an den eckig-muskulösen Körperformen griechischer Vasenmalerei. Als sich aus dem Schwarz schließlich eine Schlange bildet und sich der Berg bei zurückfahrender Kamera als dekadent auf der Seite liegender Teufel entpuppt, wird in Kombination mit dem „Rosemary’s Baby“-Vorspann deutlich, dass Lovecrafts Universalismus hier in eine christliche Form gegossen wird. Das undefinierbare Grauen bekommt aus kommerziellen Gründen einen Anstrich von Menschenhand.
Man könnte dem wirren Okkult-Treiben dunkler Mächte im fiktiven Dunwich, Massachusetts nun Anerkennung zuteil werden lassen, indem man sämtliche Entgleisungen mit der Entstehungszeit erklärt. Eine psychedelische Flickencollage eben, wie sie damals öfter in Produktion ging. Mit ein bisschen Fantasie könnte man sogar den Standpunkt vertreten, dass Psychedelia durchaus kompatibel sei mit Lovecrafts Welten. Die kosmische Entität YOG-SOTHOTH als Mandelbrot-Fraktal… warum eigentlich nicht? Schließlich ist diese Gottheit aus Lovecrafts Feder, die auch der Quell für die Ereignisse in Dunwich ist, der Beschreibung nach eine Ansammlung leuchtender Kugeln. Horror wird in dieser Lesart als Resultat von Desorientierung verstanden: Was man nicht richtig greifen kann, verwirrt den Geist. Anders als im eher klassisch abgedrehten „Die Monster Die“ gibt sich Haller diesmal völlig der Experimentierlaune hin und irritiert mit Bildverfremdungen. In einzelnen Frames kehrt er beispielsweise die Farben ins Negativ um. Ein Flashback wird in Sepiafarben getaucht. Eine Traumsequenz wird sogar durch eine verschmutzte Linse gedreht; nackte Wilde erscheinen im Prisma des Schmierfilms und greifen nach der Kamera. So jedenfalls gestalten sich die „hysterischen“ Momente des Films, jene, in denen andere Horrorfilme ihre Monster auf den Plan bringen würden. Alles, was „The Dunwich Horror“ als Kompensation zu bieten hat, ist ein breiiger Klumpen mit fuchtelnden Armen, der hinter einer Tür lauert, durch grelle Blitze und anderweitige Manipulation in der Postproduktion bis zur Unkenntlichkeit verunstaltet. Man kann nur die Konturen dessen erahnen, was man da glaubte, gesehen zu haben. Oder, wie H.J. Kulenkampff sagen würde: „Wie Sie sehen, sehen Sie nichts, sehen Sie?“
Das Vorenthalten visueller Details kann unter den gegebenen Umständen bekanntermaßen sogar die Spannung fördern, doch in diesem Fall ist man weit davon entfernt, einen solchen Joker an der Hand zu haben. Zwar findet Haller zum Teil gelungene Wege, um den unsichtbaren und doch zerstörerischen Pfad des Monsters zu visualisieren (etwa mit atmosphärischen Luftaufnahmen wankender Bäume im Wald), doch macht diese Prozession ja nur einen Bruchteil des Filmes aus. Alleine Dean Stockwell, der nur aus Afro, Schnäuzer und toten Augen zu bestehen scheint, ist eine gefühlte halbe Stunde damit beschäftigt, mit den Händen alberne Elefantenohren zu bilden, mit seinem Dolch in der Luft zu fuchteln oder „YOG SOTHOTH“ zu murmeln. So verdrängt die Wiederholung, ein beliebtes Mittel der Faulen und Einfallslosen, unter Garantie jeden Anflug von Spannung.
Dass „The Dunwich Horror“ überdies ein Film voller unsinniger Dialoge werden würde, macht gleich die erste Szene rund um das Necronomicon in der Stadtbibliothek deutlich. Heiße Begierden werden geradezu desinteressiert vorgetragen, die Motivationen der Charaktere, bestimmte Dinge zu tun oder zu lassen, offenbar nach dem Zufallsprinzip verteilt. Die Gespräche, in denen nicht sowieso bereits einer der Teilnehmer unter Hypnose steht, sind dennoch stets von Schläfrigkeit gezeichnet, selbst wenn sie existenzielle Konflikte austragen; eine gehobene Augenbraue ist da schon Zeichen äußerster Rebellion. So kann man sich nicht einmal an den vorzeigbaren Cast klammern (u.a. mit Sam Jaffe und in seiner vorletzten Rolle Ed Begley), denn was taugt die beste Besetzung, wenn einem praktisch jeder Einzelne mit den Augen zu verstehen gibt, dass er jetzt viel lieber an einem ganz anderen Òrt wäre?
Am schwersten wiegt aber die völlige Abwesenheit dessen, was die Vorlage ausmacht. Dass Lovecraft-Lizenzen nicht unbedingt mit dem Gedanken erworben wurden, den Geschichten um jeden Preis gerecht zu werden, merkt man auch dieser Arkoff/Nicholson/Corman-Produktion an. Es ist bestimmt nicht die einzige Verfilmung, der das Abgründige aus den Gedankenwelten des Autoren völlig abgeht, aber womöglich liegt hier ein ganz besonders versemmelter Fall vor, weil sämtliche herausgenommene Freiheiten zuverlässig zu fatalen Fehlentscheidungen führen, die das Potenzial der Story untergraben. Und es ist keine besondere Freude, den Wirrungen zu folgen, auch weil man nicht mit dem entsprechenden Gegenwert in Form von Schauwerten entlohnt wird.
Sich durch die unergründlichen Wege des Drehbuchs zu schlagen, kann natürlich in gewisser Weise auch eine Herausforderung sein; es ist aber eine ohne Ertrag, weil Haller am Ende des Weges einfach zu wenig anbietet. „The Dunwich Horror“ ist allenfalls noch von dezentem filmhistorischem Wert, sofern man sich dafür interessiert, was passiert, wenn zeitlose Stoffe zwanghaft für ein Publikum aufbereitet werden, von dem man nicht einmal weiß, was es überhaupt möchte. Immerhin lassen sich mit dieser Argumentation Remakes rechtfertigen, auch wenn spätere Verfilmungen des Stoffs dem Hörensagen nach sogar noch schlechter geraten sein sollen…