Zwischen Atomkraft und politischem Versagen entsteigt die Urechse
Nachdem der letzte US-Godzilla sich zwar für ein Treffen mit King Kong warm läuft, jedoch eher durchwachsen beim Publikum und besonders den hartgesottenen Gojira-Fans ankam, kommt nun der echte Toho-Godzilla zurück auf die Leinwand: "Shin Godzilla". Und jeder, der die Gelegenheit bekommt, sollte ihm auch unbedingt im Kino mit anderen Fans & Freaks huldigen. Es ist ein Eventfilm für diese Zielgruppe. Im Grunde ist es eine Neuinterpretation des Originals, nur in der Jetztzeit - und daher nicht nur voller aktueller Medien und momentanen Ängsten vor Krieg und Atom- oder Naturkatastrophen, sondern vor allem eine schallende Ohrfeige in Richtung Politik, Führungsriege, Demokratie, Gesellschaft und auch weltweiter Zusammenarbeit. Mit einem Dauer-Augenzwinkern, aus japanischer Sicht (ungewohnt für uns/den Westen) und mit einem ganz unangenehmen Unterton, der nie ganz verschwindet, egal wie leichtfüßig der Film Witze und Satire aneinanderreiht. Eine überraschend faszinierende und frische Interpretation! Klassik trifft Moderne, Humor trifft Katastrophe, Trash trifft Realität, Ironie trifft Bitternis.
Das atomare Urzeitmonster entsteigt der Bucht Tokios und läuft durch die Metropole, in Bürogebäuden, Bunkern und Laboren versucht unsere gesellschaftliche Führungsetage Wege zu finden, wie man das unkaputtbare Wesen stoppen kann - so weit, so bekannt. Allerdings sticht "Shin Godzilla" dann doch gehörig aus dem Wust der Monster- und mittlerweile 29 (!) Toho-Godzilla-Streifen heraus. Erstens ist Godzilla so retro, so stylisch, so lässig, so leuchtend, so stark und so cool, wie lange nicht mehr. Keine perfekten Effekte aus der Traumfabrik, sondern eine ganz besondere Mischung aus CGI und altmodischem Retro-Style, die einfach sehenswert ist. Dieser Riese rockt! Spätestens wenn er seinen lila Laseratem auspackt, stockt einem der Atem vor lauter Grinsen. Zweitens ist der Score passenderweise bombastisch. Und drittens und besonders auffällig: der Humor, die Parodie auf unfähige, ratlose Politiker, auf Bürokratie und weltfremde Machtmenschen, war nie so drastisch, krass und unverschämt genial. Diese pessimistische Ohrfeige sitzt!
Ich hätte niemals gedacht, dass das Kino so heftig lachen wird. Die hier dargestellten Politiker und Führungsmenschen werden zu absoluten Lachnummern und man drückt Godzilla mehr die Daumen denn je. Die vielen Witze, Verhandlungen und Gespräche nutzen sich zwar etwas ab, verfehlen ihre Wirkung jedoch kaum. Selten gab es so viele Sprechrollen in einem Film, so wenig Helden, selten so viele Schwachmaten. Es wird jedes kleinste Detail untertitelt und benannt, es ist so ein menschliches (leider gar nicht mal so unrealistisches) Versagen, dass es wieder witzig und nicht mehr katastrophal dramatisch ist - und all das ist gewollt, geplant, perfekt geschrieben. Früher nervten die politischen Verhandlungen, nahmen Drive raus und waren lächerlich pathetisch - jetzt sind sie zur eigenen Parodie geworden. Genial & sehr unterhaltsam! Ganz klar in weiten Teilen eher Satire als Katastrophenfilm. Doch selbst wem dieser Humor und die dialoglastige Art nicht zusagt: das Warten auf Godzilla lohnt sich! Selbst wenn seine kriechende erste Entwicklungsstufe oder seine Finale "De-Aktivierung" witzig bis verrückt wirken. Insgesamt ein grandioser, akuter, humorvoller und in Wunden stechender Neustart. Vor allem für Japan ein Erdrutsch von Film!
Fazit: ein politischer Verriss, eine katastrophale Bestandsaufnahme eines Landes und zum Teil sogar der Menschheit. "Shin Godzilla" ist der beste Godzilla-Film seit langer Zeit und ein neuer Eckpfeiler in dessen Mega-Filme-Sammlung. Für Fans der göttlichen Riesenechse ein Highlight des Kinojahres! Der finale Shot ist Gänsehaut pur!