Review

GODZILLA No. 29

SHIN GODZILLA

(SHIN GOJIRA)

Hideaki Anno und Shinji Higuchi, Japan 2016

Vorsicht – das folgende Review enthält SPOILER!


Mit Ryûhei Kitamuras 2004 erschienener Abschieds-Gala Godzilla: Final Wars sollte das prominenteste Monster der irdischen Film- und Kulturgeschichte eigentlich für immer in den Ruhestand geschickt werden, aber sowohl den Damen und Herren in den oberen Etagen der Tōhō-Studios (gab’s da Damen?) als auch den Kaijū-Eiga-Freunden in aller Welt dürfte klar gewesen sein, dass dieser „ewige Ruhestand“ am Ende nur ein etwas längerer Kuraufenthalt im warmen Pazifik sein würde. Und ja, es kam, wie es nie und nimmer anders kommen konnte ...

Allerdings waren es die Amerikaner, die den Großen Grünen nach zehn friedlichen Jahren wieder zurück auf die Leinwand holten: Nachdem sie im Jahr 2010 von der Tōhō Kabushiki Kaisha die notwendigen Rechte erworben hatten, erschien 2014 Gareth Edwards‘ (ziemlich gelungene) 160-Millionen-Dollar-Produktion Godzilla, mit der sogar der Grundstein für ein eigenes, also westliches „Monsterverse“ gelegt wurde, das sich auch weiterer Nippon-Monster bedient und bislang fünf Filme umfasst. Die sollen aber hier nicht zur Debatte stehen – ich betrachte derzeit ausschließlich die „richtigen“, also japanischen Godzilla-Filme aus den heiligen Hallen der Tōhō K. K.

Nachdem der Große Grüne nun einmal geweckt worden war, schritt man auch in Japan zur Tat – und so feierte Godzilla mit dem vorliegenden Film (im Original Shin Gojira, wobei man das „Shin“ als „wahr“, „neu“ oder auch „Gott“ lesen kann) ein spektakuläres Comeback. Eine große Überraschung war dabei zumindest für mich, dass dieses Heimat-Comeback ausgerechnet von Hideaki Anno (mit Shinji Higuchi als Co-Regisseur für eher technische Fragen) in Szene gesetzt wurde, der sich seinerzeit eigentlich ausschließlich um den letzten Teil seiner Rebuild of Evangelion-Tetralogie kümmern sollte. Stattdessen schrieb er (unter anderem) das Buch für einen neuen Godzilla-Streifen und übernahm bei selbigem auch gleich die Regie. Ich hatte damals übrigens wie viele andere auch sehnsüchtig auf den vierten NGE-Rebuild-Film gewartet, da seit dem Erscheinen des dritten, also Evangelion: 3.33 You Can (Not) Redo, schon ungebührlich viel Zeit vergangen war. Aber es sollte noch länger dauern. Im März 2021 ist dieser vierte Teil schließlich doch noch erschienen, nur: Inzwischen ist es zehn Jahre her, dass ich seine Vorgänger gesehen habe, und ich bin erstens vollkommen aus der ganzen Neon Genesis Evangelion-Geschichte heraus und zweitens noch immer verärgert über die ewige Warterei auf Evangelion: 3.0+1.01 Thrice Upon a Time (ja, so heißt Teil vier ...), weshalb ich diesen Film bislang nicht angefasst habe und auch heute und morgen nicht anfassen werde. Vielleicht steige ich im kommenden Jahr noch einmal ein (ohne eine Neusichtung der drei Vorgänger geht bei dieser anregend komplexen Arbeit natürlich nichts), vielleicht aber auch erst später oder gar nicht.

Aber genug davon – hier geht es nicht um Neon Genesis Evangelion, sondern um Shin Godzilla, einen modernen Kaijū Eiga, mit dem die sogenannte „Reiwa“-Ära des Großen Grünen eingeleitet wurde, obwohl man sich politisch noch immer in der Heisei-Ära befand (offiziell begann die Reiwa-Zeit erst am 1. Mai 2019). Ihr werden inzwischen auch die drei 2017 und 2018 erschienenen Anime-Godzilla-Streifen (!) Godzilla: Planet der Monster, Godzilla: Eine Stadt am Rande der Schlacht und Godzilla: Zerstörer der Welt sowie der Ende 2023 erschienene Realfilm Godzilla Minus One hinzugerechnet. Zunächst soll jedoch über Shin Godzilla geredet werden – einen hoch interessanten Film, von dem ich bei meiner ersten Begegnung mit ihm schlichtweg begeistert war.

Japan, Bucht von Tokio. Hier wird eine führerlos herumtreibende Yacht bemerkt, bei deren Untersuchung es zu einem ungewöhnlichen Zwischenfall kommt: Eine gigantische Wasserdampfwolke steigt aus der Tiefe auf. Kurz darauf stürzt die Decke des Tōkyō-wan-Aqua-Line-Tunnels ein und eine rote Flüssigkeit (Blut?) ergießt sich von oben in ihn. Auch Straßen und Brücken werden durch seismische Wellen in Mitleidenschaft gezogen. Das ist ernst, und so konstituiert sich umgehend ein Krisenstab. In der „Einsatzzentrale des Krisenkontrollzentrums“, die sich im Amtssitz des Premierministers befindet, diskutieren Politiker und Wissenschaftler über die genannten Ereignisse und versuchen zunächst, deren Ursache herauszuarbeiten. Favorisiert werden ein unterseeischer Vulkanausbruch oder ähnliche geologische Ereignisse, obwohl diese die rote Flüssigkeit im Tunnel nicht erklären. Nur der junge und aufstrebende stellvertretende Kabinettschef Rando Yaguchi hat eine andere Idee: Es könnte sich auch ein großes Lebewesen auf dem Meeresgrund herumtreiben. Damit kommt er freilich nicht gut an – die Anwesenden verbitten sich teils erheitert und teils verärgert die Äußerung eines solchen Unfugs. Aber sie irren sich ... Kaum sind sie nämlich mit dem Verbitten fertig, werden sie aufs Internet verwiesen, wo aktuelle Handyaufnahmen der Bucht von Tokio aufgetaucht sind, und die zeigen einen riesigen Wurm oder Schwanz, der aus dem Meer ragt. Kein Zweifel: Es handelt sich um ein Lebewesen. Mehr kann man noch nicht sagen – die hinzugezogenen Wissenschaftler sind ratlos. Während sie das auch weiterhin bleiben, zeigt sich das Lebewesen bald darauf in voller Pracht – es ist eine absurde, gleichermaßen lächerlich wie bedrohlich wirkende und gut dreißig Meter lange rötliche Rieseneidechse, die den eng kanalisiert durch die Stadt führenden Fluss Tamagawa hinaufschwimmt (beziehungsweise hinaufkriecht) und dabei schon ein gutes Dutzend Boote vor sich herschiebt (eine unglaubliche Szene!). Im Krisenstab fragt man sich besorgt, was zu tun ist, wenn dieses Geschöpf an Land geht, doch in diesem Punkt wird Entwarnung gegeben: Die Wissenschaftler sind sich darüber einig, dass ein derart massiges Tier aufgrund seines Eigengewichts nicht „gehfähig“ ist. Aber sie irren sich ... Kaum haben sie nämlich die Politiker beruhigt, da geht das Monstrum auch schon an Land – und es kann sich sehr wohl dort fortbewegen, wenn auch auf Kosten einiger Hochhäuser ...

Nun weiß erst recht niemand, was getan werden soll – am wenigsten der hilflose Premierminister, den man schließlich dazu überredet, den Ausnahmezustand zu verhängen. Tokio wird evakuiert und das Militär beauftragt, den ungebetenen Gast gewaltsam zu beseitigen. Da aber hält die absurde Eidechse inne ... und beginnt sich zu verwandeln, um nach dieser Metamorphose schon annähernd der Godzilla zu sein, den man gemeinhin kennt – wenn auch in eher rötlicher, sprich (wieder einmal!) glühender Ausführung. Große Pläne hat das Monster vorerst jedoch nicht, und so verzieht es sich ins Meer. Die inzwischen hinzugezogene Wissenschaftlerin Hiromi Ogashira, ihres Zeichens zwar nur „Assistentin in der Abteilung für Wildtiere des Umweltministeriums“, aber hoch begabt, vermutet, dass das „unbekannte Lebewesen“ seine Energie aus Kernspaltungsprozessen bezieht. Dafür spricht kurz darauf auch, dass entlang des Weges, den es in der Stadt zurückgelegt hat, radioaktive Strahlung gemessen werden kann. Yaguchi wird nun zum „Chef der Sonderzentrale gegen Schäden durch das unbekannte Lebewesen“ ernannt und trommelt angesichts der außergewöhnlichen Situation ein paar außergewöhnliche Experten zusammen, die in ebenjener Sonderzentrale nach möglicherweise außergewöhnlichen Lösungen für das Monsterproblem suchen sollen – „Außenseiter, einsame Wölfe, Ekelpakete, Nervensägen und Nonkonformisten“.

Auch in Amerika ist man derweil auf das Geschehen in Japan aufmerksam geworden, und so schicken die Vereinigten Staaten ein superschickes, superarrogantes und gern unangebracht grinsendes Dicklippen-Püppchen namens Kayoko Ann Patterson vorbei, das uns als „Sondergesandte“ der US-Regierung verkauft wird (ich lache jetzt noch ...). Immerhin hat sie ein paar neue Informationen im Gepäck und teilt Yaguchi (den sie scheinbar schon seit einer Weile kennt) überheblich lächelnd mit, dass das Boot, das eingangs führerlos in der Bucht von Tokio herumtrieb, dem mysteriösen Wissenschaftler Goro Maki gehört, der das Auftauchen des „unbekannten Lebewesens“ bereits vor sieben Jahren vorausgesagt hatte. Es würde in Kreisen von Eingeweihten unter dem Namen „Godzilla“ geführt (was so viel wie „Fleisch gewordener Gott“ bedeute) und sei entstanden, weil sich ein wie auch immer beschaffener Organismus von radioaktiven Abfällen ernährt hat, die vor sechzig Jahren ins Meer gekippt wurden. (Den Namen Goro Maki gab es übrigens schon einmal in der Godzilla-Historie – so hieß der Fotoreporter und Protagonist in Frankensteins Ungeheuer jagen Godzillas Sohn.)

Frau Ogashira und Yaguchis Sondereinheit sind derweil auch nicht am Däumchendrehen und finden heraus, dass im Körper Godzillas (nun können wir ihn so nennen), ein unbekanntes Element vorkommt und er achtmal so viel Gene hat wie die Menschen, was einen der mitwirkenden Biologen zu der kühnen Schlussfolgerung veranlasst, dass Godzilla damit „das am weitesten entwickelte Lebewesen auf der Erde“ ist. Ferner führt er aus: „Godzilla pflanzt sich nicht generativ fort, sondern hat eine individuelle Evolution. Das übersteigt das menschliche Begriffsvermögen.“ Stimmt.

Letztendlich hält man es für erwiesen, dass in Godzillas Körper Kernprozesse ablaufen und sein Blut als Kühlung dient – womit auch schon ein Lösungsansatz für die aktuellen Probleme gefunden ist: Man muss dem Monster ein Blutgerinnungsmittel verabreichen. Bevor man über Details nachdenken kann, werden die aktuellen Probleme allerdings noch aktueller: Bei Kamakura geht Godzilla, nun in seiner fertigen „vierten Gestalt“, an Land und schickt sich an, über Tokio herzufallen. Die praktisch permanent tagenden Politiker entschließen sich nach längerem Hin und Her, der Luftwaffe grünes Licht für einen „uneingeschränkten Waffeneinsatz“ zu geben, da Kollateralschäden voraussichtlich nicht das Ausmaß der anstehenden Verwüstungen durch das Monster haben sollten. Die Luftwaffe lässt sich nicht lange bitten und setzt ihre Waffen uneingeschränkt ein – mit dem Ergebnis, das jeder Kaijū-Eiga-Freund ihrer Führung schon vorher hätte nennen können, nämlich keinem beziehungsweise nicht dem gewünschten. Selbst „16.000 Schuss aus einer automatischen Kanone“ haben das Monster nicht nachhaltig beeindruckt oder gar umgestimmt. Auftritt der Amerikaner: Von ihrer japanischen Basis aus starten sie mit B2-Bombern und werfen bunkerbrechende Bomben auf Godzilla ab. Die tun ihm dann allerdings doch weh ... und das macht ihn wütend. Es macht ihn sogar so wütend, wie er noch nie war – zumindest gemessen an seiner Antwort auf die Ami-Bomben. Mit einem einzigen Feuerstrahl aus dem Maul verwandelt er halb Tokio in ein Flammenmeer, um hernach verbliebene Hochhäuser mit einem dünnen violetten Nuklearstrahl zu halbieren und mit Strahlen aus dem Rückenkamm (das ist neu) alles vom Himmel zu holen, was dort an US-Bombern herumfliegt. Apokalyptischer geht’s nimmermehr. Gänzlich ohne Folgen bleibt dieses Handeln jedoch selbst für ein kernkraftbetriebenes Riesenmonster nicht – Godzillas Energie ist fürs Erste völlig aufgebraucht, und so steht er wie zu Stein erstarrt in den Ruinen von Tokio herum.

Die Menschen aber müssen sich indessen sammeln und neu organisieren, denn Godzillas Attacke sind auch der Premierminister und weitere Politiker zum Opfer gefallen. Die Posten werden neu besetzt und Yaguchi ist nun „Minister mit besonderem Aufgabenbereich und Vizeleiter der Sonderzentrale gegen das unbekannte Lebewesen“. Während er und seine Spezialeinheit an der Erzeugung des möglicherweise rettenden Blutgerinnungsmittels arbeiten, spitzt sich die Lage auch international zu: China und Russland lassen verlautbaren, dass Godzilla mitnichten ein rein japanisches Problem ist, und in Amerika scharren die Atomwaffeneinsatzliebhaber schon mit den Füßen. Yaguchis Chefbiologe hat ebenfalls noch etwas Stimmungssenkendes auf Lager und äußert sich wie folgt: „Wenn Godzillas Evolution fortschreitet, könnte er sich verkleinern, Flügel entwickeln und von Kontinent zu Kontinent fliegen.“ „Das wäre das Ende der Menschheit“, ergänzt eine ebenfalls nicht gerade vor Optimismus strotzende Kollegin. Und schließlich kommt es, wie es kommen muss – die USA teilen mit, dass ihnen von den Vereinten Nationen die Verantwortung für die Tötung Godzillas übertragen wurde, und diese sei nur durch ballistische Raketen mit Nuklearsprengköpfen zu bewerkstelligen. Unter den japanischen Politikern löst dies kontroverse Diskussionen über die Souveränität des Landes aus, aber am Ende entscheidet der neue Premierminister schweren Herzens, dem Plan der Amerikaner zuzustimmen. „Schrecklicher als Godzilla sind nur noch Menschen, oder?“, meint Hiromi Ogashira dazu ...

Die UNO würde nun die Bomben am liebsten sofort einsetzen, aber aus „humanitären Gründen“ (sehr nett, wirklich) darf Tokio beziehungsweise der unmittelbar betroffene Teil Tokios vorher noch evakuiert werden. Das wird bei 3,5 Millionen Betroffenen kein Kinderspiel, aber es verschafft Yaguchi und seinen Leuten Zeit, um weiter an ihrem Plan zu arbeiten, der ihnen nach einigem Zögern unter dem Namen „Das Einfrieren der Aktivität des unbekannten Lebewesens durch die orale Verabreichung eines Blutgerinnungsmittels“ von höchsten Stellen genehmigt und später vernünftigerweise in „Deaktivierungsstrategie“ umbenannt wird. Wirklich anwendungsbereit ist diese Deaktivierungsstrategie freilich noch lange nicht – den entscheidenden Fortschritt machen die Wissenschaftler erst, als sie endlich die kryptischen Unterlagen von Goro Maki entschlüsseln können und Frau Ogashira zu berichten weiß: „Godzilla nimmt Wasserstoff, Stickstoff und andere protonenarme Elemente auf und wandelt sie durch die Zellmembranen in andere Elemente um. Er dürfte ein mixotrophisches Lebewesen sein, das durch ein thermonukleares Energieumwandlungsorgan die entstehende Zerfallswärme nutzt.“ Die neu gewonnenen Erkenntnisse zur Optimierung der Deaktivierungsstrategie einzusetzen, ist nun das eine – das andere sind Beschaffungs- und Logistikprobleme, denn Yaguchis Leute errechnen, dass 672 Tonnen (!) des rettenden Blutgerinnungsmittels benötigt werden, und deren Herstellung und Transport wollen organisiert beziehungsweise überhaupt erst einmal ermöglicht werden. Dafür, so errechnen die Sonderzentralenwissenschaftler weiterhin, haben sie 15 Tage zur Verfügung – nach dieser Zeit sollte Godzilla wieder „aufgeladen“ sein und aktiv werden. Es bleibt zu hoffen, dass sie sich nicht verrechnet haben, denn eins steht fest: Sobald sich Godzilla rührt, starten die Atomraketen ...

Am Ende gelingt’s – in letzter Minute sind die umfangreichen Vorbereitungen abgeschlossen und die Deaktivierungsstrategie kann in die Tat umgesetzt werden, was in fünf Stufen geschieht. Stufe eins ist ein „Ablenkungsmanöver“: Einige unbemannte und mit Sprengstoff beladene Züge fahren auf Godzilla zu (er steht an einem dichten Gleisnetz in Bahnhofsnähe) und explodieren. Während wir uns noch fragen, was daran die Ablenkung ist, geht‘s mit Stufe zwei weiter. Jetzt wird ein Luftangriff durchgeführt – unbemannte Flugzeuge nehmen das Monster unter Beschuss, das nunmehr folgerichtig erwacht und mit seinen Strahlen zurückschlägt. Nach sechs Angriffswellen ist die Luftoffensive der Menschen abgewehrt. Das war vermutlich eingeplant, denn es folgt Stufe drei der Deaktivierungsstrategieumsetzung: An Hochhäusern in Godzillas Nähe werden Sprengladungen gezündet, sodass die Gebäude auf ihn stürzen. Stufe vier sieht genauso aus – weitere Hochhäuser werden zum Einsturz gebracht, fallen auf den Titelhelden und fixieren ihn. Jetzt ist Stufe fünf an der Reihe: Mit zweckentfremdeten Betonpumpen wird Godzilla das in Tankladern bereitgestellte Blutgerinnungsmittel eingeflößt, sprich ins Maul, ähm ... gepumpt. Nachdem 30 Prozent davon verabreicht wurden, erhebt sich der Bepumpte jedoch und zerstört per Nuklearstrahl eine Reihe von Fahrzeugen. Aber seine Bewegungen werden langsamer, und so kann eine Bonus-Stufe zum Tragen kommen – ein rundes Dutzend „präparierter Lokalbahnen“ rollt dem Monster entgegen und explodiert zu seinen Füßen. Godzilla geht erneut zu Boden, und nun kann man ihm den Rest des Blutgerinnungsmittels zuführen. Nachdem die 100-Prozent-Marke erreicht ist, erhebt er sich noch einmal, aber kurz darauf beginnt er zügig zu vereisen und steht schließlich eingefroren in der Gegend herum (warum ein Blutgerinnungsmittel dafür sorgt, dass ein glühendes Riesenmonster nun gleich vereist, würde ich die verantwortlichen Wissenschaftler gern einmal fragen, aber ich fürchte, daraus wird nichts). Mehr als ein dümmstenfalls temporäres Einfrieren ist dann jedoch nicht drin: „Die Welt wird mit Godzilla leben müssen“, ist das Fazit der Politiker, und überhaupt: Der Countdown für den Atomwaffeneinsatz ist nur angehalten, aber nicht abgebrochen. Und so kann uns Shin Godzilla mit einem düsteren und nachhaltig erschreckenden Schlussbild entlassen – es zeigt eine Großaufnahme von Godzillas Schwanzspitze, in der bizarr mutierte menschliche Körper und Skelette eingeflochten sind. Gruselig.

Um’s gleich vorwegzunehmen: So begeistert wie beim ersten Ansehen war ich diesmal nicht von Shin Godzilla. Der Hauptgrund dafür ist im Konzept des Streifens zu sehen – Hideaki Annos Arbeit konzentriert sich ganz auf das Handeln der Politiker, sprich ihre Suche nach geeigneten Maßnahmen zur Rettung ihres Landes und zur Vernichtung des Monsters, dem sie völlig unvorbereitet gegenüberstehen (Godzilla taucht hier in der Tat zum ersten Mal auf, das heißt, dass Ishirô Hondas Ur-Godzilla aus dem Jahr 1954 komplett ignoriert wird – das ist ein Novum in der Geschichte des Großen Grünen, denn bislang galten die Ereignisse in seinem Leinwanddebüt als „gesetzt“ und nachgerade heilig). Dementsprechend befindet man sich als Zuschauer zu gefühlt neunzig Prozent der Laufzeit in mehr oder weniger großen Konferenzräumen oder auf die Schnelle eingerichteten Einsatz- und Sonderzentralen, um den Beratungen der Politiker und dem Treiben der Wissenschaftler beizuwohnen – mit deutlich höherer Gewichtung des Ersteren. Nun ist es zwar anerkennenswert, dass Anno sein Thema aus dieser ernsthaften und anspruchsvollen Warte heraus betrachtet, aber die andauernden Diskussionen in Krisenstäben und Regierungskreisen werden auf die Dauer doch etwas trocken, zumal dann, wenn man zum zweiten Mal oder noch öfter ihr Zeuge wird und schon weiß, worauf sie hinauslaufen – auch wenn das von Anno persönlich verfasste, moderat amerikakritische, aber dankenswerterweise nie in blinden Patriotismus verfallende Skript auf beachtlichem Niveau eine ganze Reihe interessanter Aspekte anspricht, verliert Shin Godzilla nach der Erstsichtung deutlich an Kraft, sprich am Vermögen, den Betrachter in den ausgedehnten Dialogpassagen zu fesseln. Anstrengend bleibt die Veranstaltung allerdings dennoch, denn erstens gönnt der auch in diesen Dialogpassagen außerordentlich straff inszenierte Streifen weder sich noch den Zuschauern eine nennenswerte Ruhepause, und überdies wird sein ohnehin schon deutliches Bemühen um einen dokumentarischen Anstrich noch einmal dadurch bekräftigt, dass wirklich zu allem und zu jedem eine Schrifteinblendung erfolgt – man hat hier vermutlich mehr zu lesen als zu sehen und zu hören. Bisweilen nimmt das derart groteske Züge an, dass man an eine Parodie denken möchte – wie überhaupt Shin Godzilla bei allem grundsätzlichen Ernst immer wieder satirische Spitzen und Seitenhiebe auf starrsinnige, bürokratische, auch im Katastrophenfall nur an ihre Karriere denkende oder schlichtweg unfähige (der Ministerpräsident!) Politiker erkennen lässt. Ich habe bei zwei Sequenzen spaßeshalber einmal auf die Uhr geschaut: So lernt man nach der Genehmigung des „uneingeschränkten Waffeneinsatzes“ gegen das Monster innerhalb von zwanzig Sekunden per Schrifteinblendung fünf Militärführer kennen, und zwar „Ichikura, Chef der Heeresabteilung“, „Ozawa, Chef der Luftwaffen-Stabsabteilung“, „Hamada, Exekutivchef in der gemeinsamen Stabsabteilung“, „Kitano, Chef der Marine-Stabsabteilung“ und „Yagima, Vizechef der gemeinsamen Stabsabteilung“. Zehn Sekunden später kommt auch noch „Zaizen, Chef der gemeinsamen Stabsabteilung“ hinzu – wer da noch Ichikura oder Ozawa kennt, darf sich auf die Schulter klopfen lassen. Das geht aber nicht nur bei Personen, sondern auch bei Schauplätzen. Kurz vor dem ersten Militäreinsatz gegen Godzilla sehen wir einen Hubschrauber mit der Einblendung „Luftüberwachungshubschrauber OH1“ und verfolgen daraufhin einen schnellen Ortswechsel zum Inneren des Hubschraubers mit der Einblendung „Luftüberwacher“ (!), zur „Zentrale der 4. Panzerabwehr-Hubschraubereinheit“, zum „Vereinigten Einsatzgruppenkommando“, zum „Verteidigungsministerium, zentraler Kommandoposten“ sowie zum „Amtssitz, Krisenkontrollzentrum“ – und all dies in zehn Sekunden! Ungelogen. Und wenn hier ein paar Leute in den Fahrstuhl steigen, dann lesen wir dazu: „Aufzug, Erdgeschoss“. Das kann eigentlich nur noch ein Scherz sein. Ähnliches lässt sich allerdings auch zum „wissenschaftlichen“ Teil des Anno‘schen Skripts sagen – was es uns hier über ein „unbekanntes Element“ im Körper des Monsters oder dessen „thermonukleares Energieumwandlungsorgan“ aufschwatzen will, ist kein geringerer Blödsinn als derjenige, der in früheren Filmen der Reihe (zuvorderst und in Teilen fast kongruent natürlich in Godzilla vs. Destoroyah) oder auch, sorry, in so manchem Asylum-Heuler erzählt wird. (Das Motiv, dass die Helden den Abwurf einer Atombombe verhindern müssen, wird im Hause Asylum übrigens ebenfalls immer wieder mit Begeisterung aufgegriffen). Anders: Das ist Trash. Aber gegen den habe ich bekanntlich nichts.

Erst recht nichts habe ich gegen Godzilla – daraus erwächst hier allerdings ein kleines Problem: Ich hätte die Nuklear-Echse gern etwas öfter und etwas länger gesehen, aber sie muss wie dargelegt über weite, ja, sehr weite Strecken das Feld für die Politiker räumen. Shin Godzilla hat sicherlich einen der schlechtesten Monster-Mensch-Koeffizienten der gesamten Godzilla-Historie, und das ist umso bedauerlicher, als dass Godzilla hier zumindest in seiner finalen Form (fast 120 Meter hoch und einschüchternd böse aussehend) eine wirklich hervorragende Figur macht. Aber auch seine Eröffnungsgestalt (im Fluss Tamagawa) hat ihren Reiz – ich persönlich habe dieses auf den ersten Blick kindisch anmutende, großäugige, unbeholfen herumtorkelnde und große Mengen roter Körperflüssigkeit verlierende Riesen-„Kriechtier“ als überaus verstörend empfunden. Godzilla macht seine Sache also gut – die Menschen bleiben indes vollkommen farblos. Yaguchi ist als Protagonist erkennbar, aber selbst er wird nur über seine Tätigkeit in den verschiedenen genannten Funktionen definiert – man erfährt nicht einmal, ob er eine Frau oder Kinder hat, geschweige denn irgendetwas anderes Privates von ihm. Klar, in der gegebenen Situation sieht’s mit dem Privatleben natürlich mau aus (und brennend interessiert hat’s uns auch gar nicht), aber so ist er letztlich nur einer von vielen oder besser sehr vielen Personen (ich sage nur: fünf in zwanzig Sekunden ...), die hier einfach ihre Arbeit machen. Irgendeine auch nur etwas engere Beziehung kann man daher zu keinem von ihnen aufbauen, weshalb Shin Godzilla unter dem Strich auch ein ungewöhnlich kalter Film ist.

Optisch macht der Streifen einen überwiegend guten Eindruck – zumindest an der Grundqualität seiner standesgemäß im Breitwandformat vorliegenden Bilder gibt es nichts auszusetzen. Leicht problematisch wird es indes bei den überreichlich eingesetzten Rechnereffekten. Selbst Godzilla, und das ist ein fundamentales Novum, kommt hier (abgesehen von etwas „Puppentrick“) ausschließlich aus den Computern der beteiligten SFX-Fachleute. Die Zeiten der Männer (und der zwei Frauen), die in Monstersuits gekleidet ganze Modellbaustädte und so manche kleine Ölraffinerie demoliert haben, sind vorbei. Schade, irgendwie ... aber irgendwann mussten sie einmal vorbei sein. Alles ist irgendwann vorbei.

Die gute Nachricht lautet nun, dass der neue Rechner-Godzilla ganz hervorragend aussieht und man ihn daher mühelos als „echt“ wahrnehmen kann. Bei den zwangsläufig ebenfalls rechnergenerierten Bauten, die er traditionell im Laufe des Geschehens zertrümmert, schleichen sich derweil schon ein paar Unsauberkeiten ein, und sämtlichen Flammen und Explosionen sieht man ihren CGI-Ursprung sogar recht deutlich an. Es handelt sich dabei keineswegs um böse Ausrutscher (selbst in den meisten westlichen Megaproduktionen gelingt das kaum besser), aber dem Vergleich mit der Realität hält die hiesige Computer-„Pyrotechnik“ nicht stand, und das hat mich zugegebenermaßen ein wenig gestört.

Zu den Darstellern gibt es wenig zu sagen – die von ihnen verkörperten Figuren sind Teil einer fast unüberschaubaren Menge von Politikern, Wissenschaftlern und Militärs und fallen daher kaum beziehungsweise nur ein paar Dialogzeilen lang auf. Eindeutig am meisten hat Hiroki Hasegawa als Rando Yaguchi zu tun, aber auch er kann keine Akzente setzen und bleibt sehr blass. Etwas auffälliger sind Ren Ôsugi als hilfloser Premierminister, Kimiko Yo als Verteidigungsministerin Hanamori, Mikako Ichikawa als bleiern ernst agierende Hiromi Ogashira und Jun Kunimura als Stabsabteilungschef Zaizen. Der leider bereits 2018 verstorbene Ren Ôsugi hat in fast 500 Filmen mitgewirkt und dabei mit Größen wie Takashi Miike (in Audition und Shinjuku Killers), Hiroyuki Tanaka aka Sabu (in Postman Blues, Unlucky Monkey und Dangan Runner) sowie Takeshi Kitano (in Hana-bi) zusammengearbeitet, und auch Jun Kunimura kann auf eine beachtliche Karriere zurückblicken – wie Ren Ôsugi hat er in Filmen von Miike (Audition, Ichi the Killer) und Kitano (Outrage) mitgewirkt, war Gast in Korea (The Wailing) und hat den Yakuza-Boss Tanaka in Tarantinos Kill Bill Vol. 1 gespielt, solange der noch einen Kopf hatte. Zudem ist er hier auf den ersten Blick der Einzige, der Kaijū-Eiga-Erfahrung mitbringt: In Ryûhei Kitamuras Godzilla: Final Wars war er als Earth-Defense-Force-Major Komura zu sehen. Noch mehr als die Genannten fällt schließlich Satomi Ishihara auf, allerdings eher unangenehm, denn sie verkörpert mit drallen Lippen, viel Make-up und affektierter Mimik die aufgeblasene US-Sondergesandte Kayoko Ann Patterson, und viel ärger hätte man diese Rolle nicht fehlbesetzen können. In irgendeiner Modesendung wäre Satomi Ishihara sicher bestens aufgehoben, aber die hochrangige Politikerin (die sogar US-Präsidentin werden will – ein Brüller!) kann man ihr in tausend Jahren nicht abkaufen. Erwähnenswert ist ferner auch noch Kultregisseur Shin'ya Tsukamoto, der hier einmal ausschließlich vor der Kamera tätig ist und Yaguchis Chefbiologen mimt. Ich persönlich hätte zudem noch gern gewusst, wer Inge M, Robert Z und Markus M sind und was sie hier treiben – die IMDb listet sie ohne Figurenzuordnung auf. Na ja ... so wichtig ist das dann auch nicht. Sehr viel wichtiger ist der Score von Shirô Sagisu, der ein paar starke Passagen wie einen atmosphärischen Choral zu Godzillas Tokio-Verwüstung mitbringt und auch den alten Kompositionen von Akira Ifukube seine Ehre erweist. Hideaki Anno und Shirô Sagisu sind im Übrigen ein eingespieltes Team – so war Letzterer für die Musik in Annos Evangelion-Reboot verantwortlich und hat das NGE-Leitmotiv auch hier verwendet. Und ja, es passt.

So bleibt ein wirklich ungewöhnlicher Kaijū Eiga, der sich abgesehen vom vertrauten wissenschaftlichen Nonsens (eine glühende Riesenechse ...) um die Erschließung neuer Wege bemüht, indem er seinen Titelhelden zum ersten Mal seit dem Ur-Godzilla in eine durchweg als ernst wahrnehmbare Handlung einbettet und ihn auch auf technischer Ebene endgültig ins neue Jahrtausend holt. Bei alledem geizt er jedoch mit Kaijū-Screentime und ist zudem außerordentlich nüchtern (fast möchte man sagen: bürokratisch) geraten, sodass man ihn getrost auch als Polit-Thriller mit Riesenmonster bezeichnen kann. Davon ginge die Welt nicht unter, aber die gegebene Überbetonung der Sachlichkeit lässt ein emotionales Vakuum entstehen, das zumindest mir ein wenig zu schaffen gemacht hat: Ich bin der Letzte, der segelohrige Telepathinnen, superschlaue Achtjährige, mythische Motten oder tanzende „Südsee-Insulaner“ braucht, aber die Abwesenheit jedweder interessanter, einnehmender, vielleicht sogar Wärme ausstrahlender oder wenigstens erheiternder Figuren hat dazu geführt, dass ich Shin Godzilla als eher unnahbare Veranstaltung empfunden habe und sich die Begeisterung vom Tag der Erstsichtung nicht mehr einstellen wollte (obgleich allein das Schlussbild unvermindert schockt). Objektiv betrachtet sieht man hier noch immer den bislang besten respektive anspruchsvollsten Godzilla-Streifen ever, aus meiner Sicht ist er jedoch nach gründlicher Aufrechnung von Vorzügen und Nachteilen nur noch einer von allen.

PS: Mancherorts wurde, ausgehend von den grausigen Kreaturen im Schwanz des Monsters, noch ein wenig über den „weiteren Lebensweg“ des hiesigen, wirklich ganz einzigartigen Godzillas nachgedacht und postuliert, dass er insgesamt acht Formen durchläuft (der „ausgewachsene“ Godzilla, gegen den hier gekämpft wurde, war wie gesagt erst die vierte!). Spätestens in der sechsten soll er (oder die Materie, die er dann ist) zur Eroberung des Weltalls aufbrechen und am Ende seiner Entwicklung zum gottgleichen Wesen in einem eigenen Universum beziehungsweise dieses Universum selbst geworden sein. Das ist fürwahr kühn gedacht, aber natürlich inoffiziell, auch wenn es zahlreiche Skizzen und Entwürfe gibt und Ähnliches in einem ursprünglichen Skriptentwurf angedacht gewesen sein soll. Kein Grund zur Aufregung also.

(11/24)

8 von 10 Punkten sind es aus persönlicher Sicht noch locker („einer von allen“ ist im gegebenen Kontext kein Vorwurf!), ansonsten 7 von 10.



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