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Schädel- statt Herzensbrecher

Am 06.03.2016 war es soweit: Mit Alwara Höfels („Keinohrhasen“) und Karin Hanczewski („Lotte“) als Oberkommissarinnen Henni Sieland und Karin Gorniak ging das erste rein weibliche Ermittlerduo der „Tatort“-TV-Krimireihe in Dresden auf Streife. Der 2015 produzierte „Tatort“ wurde von Regisseur Richard Huber inszeniert, der bereits einige Erfahrungen innerhalb der Reihe hatte sammeln können und beim komödiantischen Weimarer Beitrag „Der irre Iwan“ überzeugend abgeliefert hatte. Das Drehbuch stammt von „Stromberg“-Erfinder Ralf Husmann.

In Dresden laufen die Vorbereitungen zur Schlager-Revue „Hier spielt die Musik“, in deren Rahmen u.a. das Altstar-Duo „Toni & Tina“, bestehend aus Toni Derlinger (Anton Weber, „Wendy – Der Film“) und dessen Frau Tina (Alexandra Finder, „Das Mädcheninternat“), sowie die moderneren „Herzensbrecher“ auftreten sollen. Doch plötzlich wird Toni erschlagen hinter der Bühne aufgefunden. Kommissariatsleiter Peter Michael Schnabel (Martin Brambach, „Fleisch ist mein Gemüse“), selbst langjähriger Fan des Duos, setzt Gorniak und Sieland auf den Fall an, Polizeianwärterin Maria Magdalena Mohr (Jella Haase, „Kriegerin“) assistiert. Zu den Verdächtigen zählen bald Manager Rollo Marquardt (Hilmar Eichhorn, „Bornholmer Straße“), dessen einzige Einnahmequelle zuletzt „Toni & Tina“ waren, die er einst erfolgreich zusammengebracht hatte, und sein schärfster Konkurrent, Produzent Maik Pschorrek (Andreas Guenther, „Polizeiruf 110“), der mit den „Herzensbrechern“ und dem Schlagersternchen Laura (Sina Ebell, „Das fehlende Grau“) zunehmende Erfolge verzeichnet und offenbar auch „Toni & Tina“ in sein Boot holen wollte. Letzterer hat aufgrund unlauterer Ticketgeschäfte bereits Dreck am Stecken…

Ein ein neues Team initiierender „Tatort“ wie dieser steht natürlich vor der Herausforderung, nicht nur einen Fall möglichst ansprechend und spannend zu präsentieren, sondern auch die Zuschauerinnen und Zuschauer mit den neuen Charakteren vertraut zu machen. So wirkt dieser Beitrag zunächst etwas überfrachtet, aber auch sehr ambitioniert und komödiantisch, denn mit viel Humor, in erster Linie amüsanten Dialogen, lockert er die Einführung auf. So erfährt man, dass Gorniak alleinerziehend mit ihrem Lehrerinnenschreck von Sohn Aaron (Alessandro Emanuel Schuster) ist und Probleme damit hat, unappetitliche Details ihrer Arbeit wie Tatortfotos vor ihm verschlossen zu halten. Sieland wiederum befindet sich in einer problematischen Liebesbeziehung zu ihrem Freund Ole Herzog (Franz Hartwig, „Männerherzen... und die ganz ganz große Liebe“): Sie wünschen sich Nachwuchs, doch mit der Schwangerschaft will es bei ihr nicht funktionieren, während er finanziell kaum etwas zum Haushalt beiträgt und den Ernst des Lebens offenbar noch nicht ganz begriffen hat.

Noch nicht bei jedem angekommen ist in Dresden aber vor allem die Gleichberechtigung der Frau, und so tut sich insbesondere der Vorgesetzte Schnabel, zum Niederknien gespielt von Martin Brambach, mit breitem sächsischen Dialekt und unzureichenden Englischkenntnissen als Ewiggestriger mit nicht ganz intaktem Nervenkostüm hervor, der verbal jedoch meist den Kürzeren zieht und schlussfolgert, in Cinnamon Latte könnte sich Zimt befinden. Humorvoll wird der emanzipatorische Ansatz des neuen Ermittlerduos veranschaulicht. Herr Schnabel muss sodann passenderweise auch als der einzige Schlagerfan herhalten, der an die besungene heile Welt glaubt und sich aufgrund des Mordfalls getäuscht sehen muss. Dann sind da noch der Nerd der IT-Abteilung, der jedes weibliche Wesen erfolglos angräbt und nicht zuletzt die naiv und unerfahren erscheinende und mit viel Hingabe von Jella Haase gespielte Polizeianwärterin Mohr, die von den meisten nicht ernstgenommen wird, jedoch stets den richtigen Riecher beweist – was auch zu Meinungsverschiedenheit zwischen den sich generell gern einmal kabbelnden Ermittlerinnen führt. Lokalkolorit bekommt man durch Drehorte wie den Zwinger und einen Elbdampfer geboten.

Leerlauf gibt es bei alldem keinen und der eigentliche Fall kommt auch nicht zu kurz – der Spagat ist grundsätzlich erst einmal gelungen. Schwierig wird es jedoch, wenn das Drehbuch klare Rechtsübertretungen, unlautere Ermittlungsmethoden der Polizei, ironischerweise dann allem Feminismus zum Trotz mit den Waffen der Frauen durchgesetzt, verharmlosend als Kavaliersdelikt, bei dem der Zweck die Mittel heiligt, darstellt. Ebenso behagt mir die Mischung aus dem starken Humoranteil und dem sich spannend entwickelnden, ultrahart endenden Fall nicht immer; die Kontraste werden gegen Ende zu stark und zu lachen gibt es von einer Sekunde auf die andere nichts mehr, wenn eine liebgewonnene Figur auf entsetzliche Weise ihren Einsatz mit dem Leben bezahlt. Umso gelungener ist aber der die Schlagerbranche zunächst karikierende und schließlich als höchst verlogenes Schmierentheater voller Lebenslügen entlarvende Subtext, wenngleich jenes Metier natürlich auch eine überaus dankbare Reflektionsfläche dafür bietet.

Alles in allem ein gelungener Einstand mit dem Herzen am rechten Fleck in der deutschen Stadt mit dem höchsten Vollidiotenanteil.

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