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Eine junge Frau, gespielt von Mary Elizabeth Winstead, erwacht mit Handschellen gefesselt in einem Bunker. Ein fremder, gespielt von John Goodman, erzählt ihr, er habe sie in ihrem demolierten Auto vorgefunden, mitgenommen und dorthin gebracht, damit sie vor der draußen tobenden Apokalypse geschützt sei. Er behauptet weiter, sie dürften den Bunker für mehrere Monate nicht verlassen, weil die Luft nach einem Angriff, durch wen auch immer, verseucht sei.

J. J. Abrams ist nicht nur ein großartiger Filmemacher, sondern auch ein mindestens ebenso guter Vermarkter. Bei „Star Wars 7“ dürfte seine Geheimniskrämerei kombiniert mit dem gewaltigen Hype rund um den Film zum phänomenalen Einspielergebnis beigetragen haben. Der von ihm produzierte und von Matt Reeves inszenierte „Cloverfield“ avancierte allein durch Mundpropaganda und den Internet-Hype zum Kassenschlager. Bei „10 Cloverfield Lane“, ebenfalls von Abrams produziert und vom Kino-Debütanten Dan Trachtenberg inszeniert, bestand das Marketing dagegen quasi darin, auf Marketing zu verzichten. Anfang des Jahres war plötzlich ein Trailer in der Welt, der dankenswerter Weise nur wenig vom Inhalt des Films vorwegnahm, woraufhin wenig später der Kinostart folgte. Dadurch wurde vorab eine interessante Fragen aufgeworfen: Sollte es sich bei „10 Cloverfield Lane“ um das lang ersehnte Sequel zu „Cloverfield“ handeln?

Der Film lebt indes inhaltlich von einer ganz anderen Frage: Lügt der von Goodman verkörperte Mann im Bunker, hat er also die junge Dame verschleppt? Oder sagt er die Wahrheit und das Verlassen des Bunkers ist wirklich lebensgefährlich? Retter oder Entführer? Daraus resultiert über weite Strecken die Spannung im Film, zumal Trachtenberg es versteht, die Ausführungen des von diversen Verschwörungstheorien nur so überschäumenden Bunkerbesitzers immer wieder in Frage zu stellen, nur um sie im nächsten Moment wieder zu stützen. Daher geht mit der verfrühten Auflösung auch die Spannung verloren. Trachtenberg hat es mit seinem nachfolgenden, actionreichen Showdown wohl gut gemeint, dennoch kann er nicht verhindern, dass sein Film in den letzten Minuten deutlich abbaut, zumal das Geschehen etwas hanebüchen wird. Vielleicht wirkt das Finale aber auch deshalb so unpassend, weil zu gewollt die Verknüpfung zu „Cloverfield“ hergestellt wird, die ursprünglich gar nicht vorgesehen war und lediglich Teil des Marketings wurde. Außerdem merkt man dem Ende zu deutlich an, dass Platz für ein weiteres Sequel gelassen werden soll.

Nichtsdestotrotz ist „10 Cloverfield Lane“ vor allem aufgrund des spannenden Mittelteils sehenswert. Das ist insbesondere auch John Goodman zu verdanken, der nicht nur aufgrund seiner stattlichen Figur, seiner markanten Gesichtszüge und seiner charismatischen Art jede Szene an sich reißt. Goodman, der hier ganz groß aufspielt, ist ein brodelnder Vulkan, dessen Ausbrüche jederzeit zu befürchten sind, die dann aber meist doch sehr überraschend kommen. Da es im Bunker nur wenige Rückzugsorte gibt, ist seine ohnehin suspekt angelegte Figur quasi omnipräsent. Mary Elizabeth Winstead, die im Film ausgesprochen taff daherkommt, gelingt es trotz der hervorragenden Leistung von Goodman durchaus dagegenzuhalten, während der ebenfalls überzeugende John Gallagher das gute Darsteller-Trio komplettiert. Trachtenberg, der erzählerisch gute Arbeit leistet, nutzt derweil die Enge des Bunkers gekonnt aus, um eine klaustrophobische Atmosphäre zu kreieren, die besonders dann ausgesprochen dicht ist, wenn die Protagonistin durch die engen Lüftungsschächte kriecht.

Fazit:
Vor allem im Mittelteil überzeugt „10 Cloverfield Lane“ als spannender, überraschender und atmosphärischer Sci-fi-Thriller, bis Trachtenberg beim Showdown die Pferde ein wenig durchgehen. Sehenswert ist der von J. J. Abrams produzierte Film dennoch, allein schon, weil sich mit dem groß aufspielenden John Goodman eine regelrechte Naturgewalt im engen Bunker befindet.

72 %

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