Welch seltsame Früchte Hollywood werfen kann, wenn es kreischende Mädels wittert, die mehr von Chris Hemsworth in schicker Jägerskluft sehen wollen... Schneewittchen jedenfalls genießt keine Relevanz mehr in dieser Fabel aus dem Schneewittchen-Universum und wenn man so will, ist es der größte Aha-Effekt dieser Fortsetzung des nicht einmal so erfolgreichen "Snow White & The Huntsman", dass ein Schneewittchen-Film ohne Schneewittchen überhaupt denkbar ist. So hat man zwar mit Kristen Stewart einen der größten Schwachpunkte des ersten Teils entfernt, nur kann man wirklich gleich auf die ganze Figur verzichten, um die sich im Grunde genommen alles dreht? Aber ja, man braucht nur genug Schnee und Eis zur Kompensation.
Das Grundlos Zusammengereimte am Drehbuch begräbt man damit natürlich nicht. Die etwas seltsame Villain-Konstellation aus böser Königin und böser Königin in Co-Assistenz, farblich in Gold und Silber fein getrennt, ist schon seltsam genug, eine Handlanger- und Stichwortgebertype wie den Huntsman zum Hauptdarsteller zu befördern jedoch erst recht, insbesondere, da man ihm auch noch Jessica Chastain als Amazone zur Seite stellt. Hemsworth ist gut für die kleinen Seitenhiebe gen Bildschirmmitte und Gefrotzel am Bildrand, stellt man ihn jedoch selbst ins Zentrum, steht er da wie ein Clown im hitzigen Rampenlicht, von dem Kunststücke erwartet werden. Drei Ladies, alle mit ihren eigenen Erwartungen (ob nun "liebe mich bedingungslos" oder "stirb doch endlich"), das ist auch für einen Hemsworth vielleicht ein wenig zu viel.
Davon abgesehen weiß die Abteilung für das visuelle Konzept gar nicht, an welchem Topf sie sich als erstes bedienen soll: Game Of Thrones? Vikings? Hauptsache, es war in letzter Zeit erfolgreich und stimmt in den "Winter Is Coming"-Chor ein. Waldlandschaften und Eiswelten werden planlos gegeneinander gestemmt und mit materialistischen Spezialeffekten zugekleistert, von hastig errichteten Eiswänden über morphendes Flüssiggold bis zu öligen Lachen, aus denen sich spinnenbeinartige Stachel bilden. Alles so kunstvoll, opulent und ästhetisch – und doch wackelt das Styroporgerüst aus eisigen Frit Sticks an der Wohnzimmerwand der Eiskönigin bedenklich, als einer ihrer Schergen aus Versehen sein Bein daran streift. Wirklich gut sieht eigentlich nur die urgermanische Häuserfront in einer Bergkluft aus, die der Hauptdarsteller für eine zünftige Dachkachel-Rutschpartie verwendet, um der Handlung mal wieder einen Actionszenen-Kickstart zu geben.
Ganz putzig gecastet dagegen das Zwergenvolk, insbesondere Nick Frost ist einfach wieder niedlich anzusehen mit seinem Iro (und überhaupt: Wie hätte man bei solch eisigen Szenenbildern darauf verzichten können, den Abspann noch einmal mit Herrn Frost zu veredeln?). Eine der wenigen Kreaturen jenseits des menschlichen Äußeren, ein Goblin aus der Gattung der Goldgeilartigen, ist hingegen eher als CGI-Unfall zu verbuchen.
Ehrenwert erscheint immerhin der Versuch, eingefahrene Märchenmuster zu verlassen und in der Peripherie der Grimm-Märchen eigene erzählenswerte Funde zu verbuchen. Mehr noch als der erste Teil versteht sich der zweite als eine Art Alternative Rock des Märchenfilms. Der Haken an der Sache jedoch: Erzählenswert ist hier nichts, gerade auch weil die Motivation der Figuren im Drehbuch keinerlei Liebe oder Mühe erfahren hat. Das verletzte, manipulierte Mauerblümchen, deren Schmerz sich in bitteren Hass wandelt, ist das Klischee auf höchster Ebene und es spiegelt sich in den tieferen Ebenen ebenso wieder, bis hin zur winzig kleinen Zwergenliebe, die im Laufe der Handlung langsam aufblüht. Ein Schelm, wer da an gewisse Hobbit-Annäherungsversuche in "Die Gefährten" denkt. Aber all das ist ohnehin irrelevant, denn eigentlich geht es dem Studio nur um einen Versuch, den "Huntsman" zur Marke einer Reihe werden zu lassen, die sich nach den Prinzipien des Comicfilms endlos aufblasen lässt. Und dazu muss man sich zwangsläufig irgendwann von den Hauptfiguren lösen und auf die Nebenfiguren eingehen, schließlich steckt hinter jeder von ihnen das Potenzial für einen Solofilm...
So mag man sich vielleicht noch an der Schönheit Charlize Therons ergötzen, denn sonst bleibt nicht viel übrig in diesem gescheiterten Versuch, an zeitgemäße Erfolgsmuster anzuknüpfen und mit neuen Charakteren in neuen Positionen einen weiteren Anlauf zu wagen.