Es ist Amos Satans (John Bradley Hambrick) letzte Sendung On the Air. Der exzentrische Host einer Call-In-Radio-Show sitzt nachts alleine in seinem kleinen Radiostudio, nimmt Anrufe entgegen, macht sich über die abgedroschenen Urban Legends lustig (ganz famoses Intro mit dem "Humans can lick too"-Gag) und gibt schließlich vier eigene Gruselgeschichten zum Besten. Dies ist die Rahmenhandlung dieser kleinen aber feinen Anthologie, die der talentierte, am 10. September 1986 geborene Indie-Filmemacher Henrique Couto (Bleeding Through, Babysitter Massacre, Haunted House on Sorority Row, Calamity Jane's Revenge) in Ohio auf die Beine gestellt hat. Das schlanke Budget betrug etwa siebzigtausend Dollar, doch davon sollten sich Fans von Episodenhorrorfilmen keinesfalls abschrecken lassen.
Den sehr gelungenen Auftakt bestreitet Painting after Midnight. In dieser von Jeremy Biltz geschriebenen Geschichte lernen wir den Maler Garrett (Joe Kidd) kennen, welchen ein düsteres Geheimnis zu umranken scheint. Seine (nackten) Modelle verschwinden jedenfalls spurlos, und was immer auch geschieht, es passiert exakt um Schlag Zwölf Mitternacht. Aber auch ein begabter Maler muß Miete zahlen, und so nimmt er die Photographin Linda (Erin R. Ryan) als Mitbewohnerin auf. Die hübsche, üppig bestückte Frau findet den wortkargen Künstler zwar unfreundlich und creepy, ist aber froh, endlich eine Bleibe gefunden zu haben. Nachdem sie sich mit einem seiner Modelle angefreundet hat und diese sich nicht mehr meldet, beginnt sie, in Garretts Atelier herumzuschnüffeln.
Mitchell (Titus Young Wolverton) und Robbie (Vincent Holiday) sind auf der Flucht. Die beiden Cousins haben eben einen spektakulären Coup gelandet und rund zwei Millionen Dollar abgecasht. Nun heißt es erstmal abtauchen und stillhalten. Eva (Joni Durian), Mitchell Frau, hat von ihrer Großmutter ein altes Haus auf dem Lande geerbt. Dort finden die drei Unterschlupf und planen, die Beute gerecht aufzuteilen. Allerdings kommt es in Bezug auf das Wörtchen "gerecht" zu gravierenden Auffassungsunterschieden, und da Blut nun mal dicker als Wasser ist, stiftet Robbie seinen leicht beeinflußbaren Cousin an, die so heiße wie lästige Eva um die Ecke zu bringen. Diese Episode heißt Fair Scare und stammt aus der Feder von John Oak Dalton.
Easterly (Geoff Burkman) tritt in Office Case (Drehbuch: Ira Gansler) seinen neuen Job als Nachtwächter an. Der ehemalige Polizist schleppt einen eher zweifelhaften Ruf mit sich herum, gilt er doch als ausgesprochen schießwütig. Und so ist es auch keine große Überraschung, daß sich diverse Mörder, Räuber und Vergewaltiger aus seiner Dienstwaffe bereits eine Kugel eingefangen haben. Und doch bereut Easterly nichts. Sie haben es schließlich alle verdient. Lediglich eine Sache macht ihm zu schaffen. Das junge, unschuldige Mädchen, das er bei einem Einsatz unabsichtlich erschossen hat, lastet schwer auf seinem Gewissen. Als er nun seine Runden durch die leeren, aufgrund eines Stromausfalls stockdunklen Korridore zieht, ereignen sich plötzlich mysteriöse, unerklärliche Dinge.
Die letzte Geschichte beschert uns das Liebespärchen Tara (Haley Madison) und Albert (Josh Miller). Die Romanze könnte so schön sein, stünde da nicht Alberts Ehefrau Jenny (JoAnna Lloyd) im Wege. Taras stetiges Drängen fruchtet schließlich. Ein paar kräftige Schläge mit dem Hammer sollen das Problem lösen, ein für alle Mal. Während sich Albert aufmacht, um seine Frau ins Jenseits zu befördern, harrt Tara in ihrer kleinen Wohnung aus. Doch die erlösende Nachricht via Handy will und will nicht kommen, die Geliebte sitzt wie auf glühenden Kohlen und wird mit jeder vergehenden Minute nervöser und ungeduldiger. Dann ist da plötzlich auch noch jemand vor der Tür. Diese reizende Episode trägt den Titel Worth the Wait und wurde von Regisseur Henrique Couto selbst erdacht.
Scarewaves ist eine schöne Liebeserklärung an das populäre Anthologieformat, wo einige kurze, knackige Geschichten in eine harmlos scheinende Rahmenhandlung eingebettet sind. Couto verbeugt sich sowohl vor den legendären EC-Horrorcomics (Tales from the Crypt, The Vault of Horror, The Haunt of Fear) aus den 1950er-Jahren als auch vor den beliebten Klassikern dieser Filmgattung, wie z. B. der Amicus-Produktion Asylum (Asylum - Irrgarten des Schreckens) oder auch Creepshow (Die unheimlich verrückte Geisterstunde) und Cat's Eye (Katzenauge). Erfreulich ist, daß alle vier Geschichten und die Rahmenhandlung seiner herzhaften Hommage das durchaus beachtliche Niveau halten. Es gibt keine Ausreißer nach unten (und auch nicht nach oben), obwohl sich die Stories thematisch stark voneinander unterscheiden.
Am Gelungensten finde ich Painting after Midnight und Worth the Wait. Ersterer hat einen schönen Fluß, eine sexy Heldin und eine nahezu ideale Auflösung, wohingegen Letzterer mit der quirligen Haley Madison punktet, die eine herrliche Show abzieht. Außerdem ist diese Geschichte von schwarzem Humor durchzogen, manchmal richtig witzig (selbst beim (uralten) Gag mit dem Skelett mußte ich laut lachen), und das Ende ist ebenfalls sehr stark. Natürlich enden alle Episoden mit einem fiesen kleinen Twist, der sich aus der Geschichte heraus ergibt und deshalb auch nicht aufgesetzt wirkt. Couto verzichtet rigoros auf übertriebene, auf den bloßen Überraschungseffekt bauende Wendungen, die aus dem Nichts kommen.
Das Beeindruckende an Scarewaves ist sowieso seine erfrischende Zurückhaltung. Sieht man mal von den paar Nacktszenen ab, ist Scarewaves ein Film für die ganze Familie. Die Gewalt bewegt sich in etwa auf einem FSK-12-Level; selbstzweckhafte Gore-Momente und geschmacklose Einschübe glänzen durch Abwesenheit. Was zählt, sind die Geschichten, die Figuren, deren Taten und wie sie damit umgehen. Und natürlich der Ton und die Stimmung. Technisch gibt es am Film kaum etwas zu bekritteln, wobei die gute Kameraarbeit und die schöne Szenenausleuchtung eine besondere Erwähnung verdienen. Aber auch Schnitt, Musik, Masken, Sound-Design und Ausstattung sind in Anbetracht des Budgets erste Sahne. Und selbst die Akteure und Aktricen machen ihren Sachen gut.
Trotz der unterschiedlichen Geschichten fühlt sich das launige B-Movie wie aus einem Guß gestaltet an und sollte für fast jeden etwas bieten. Eine zeitlich verschachtelte Charakterstudie wird ebenso geboten wie ein dämonischer Pakt und eine klassische Rachemär. Manches ist ein bißchen spannend, anderes ein wenig gruselig. Manches ist ziemlich komisch, anderes wiederum unheimlich. Und alles wird von einem Hauch Retro umweht, fühlt sich (im besten Sinne) altmodisch an und läßt bisweilen nostalgische Gefühle aufkommen. Scarewaves vermeidet das hektische Spektakel und schlägt stattdessen einen ruhigen, unaufgeregten Weg ein. Und trotzdem schafft es dieser charmante Gruselspaß, auf äußerst angenehme Weise zu unterhalten. Ich ziehe den Hut, denn mit Scarewaves hat Henrique Couto eine der schönsten Horroranthologien seit Langem geschaffen.