Fernsehfilm in der etwas größeren Variante, damals noch (gut) im Kino gelaufen, heute potenzieller Kandidat für die Auswertung im Kabelfernsehen oder auf Streamingkanälen. Namhafte Leute vor und hinter der Kamera sind dabei vorhanden, das Setting aber sehr klein, Schauplatz könnte auch eine Theaterbühne, ein Schauspiel mit drei Darstellern, in drei Akten sein. "Wie kann ich dich erreichen?" - "Gar nicht. Ich will es nicht." Um Vertrauen und Mißtrauen geht es, um Verführung, um Beziehung und Familie, um den Glauben an einen Menschen, was ist falsch und was ist echt, wie gut kennt man jemand, und die Tatsachen, die nicht immer die Träume widerspiegeln. Harte Realitäten hier erst später, vorher Choräle Gesänge auf der Tonspur, die friedliche Existenz, das scheinbare Geschaffthaben im Leben, bis der Boden unter den Füßen aufbricht und reißt:
Vertrauenslehrer Andy Safian [ Bill Pullman ] hat zwei Probleme: An seiner Schule geht ein Vergewaltiger um, der den Opfern auch im Nachhinein keine Chance lässt, außerdem ist das Geld knapp, das frisch mitsamt seiner Ehefrau Tracy [ Nicole Kidman ] gekaufte Haus für eine spätere Familie bräuchte dringend eine Generalüberholung, eine Renovierung. Als er zufällig aus seiner Jugend den mittlerweile gutbetuchten und erfolgreichen Arzt Jed Hill [ Alec Baldwin ] wieder trifft, bietet er ihm die zweite Etage zur Untermiete an; Jed ist auch hilfreich, als Tracy wegen akuten Unterleibsschmerzen ins Krankenhaus kommt. Doch so einfach sind die Dinge nicht.
Amerika der frühen Neunziger ist das hier, da ist oft und gerne der Alltag zum Thriller umgewandelt worden, da hat sich mehrfach das Böse im Normalen versteckt, vorne die biedere Fassade, hinten das dräuende Grauen, das Unheil, manchmal auch der pure Zufall vom Unglück. Herbst ist es hier, das war es in den anderen Filmen auch, der Sommer ist vorbei, der Winter steht vor der Tür. Auch hier ist der Friede nur kurz, ein Vergewaltiger ist am Wüten, ein brutaler Verbrecher schlägt zu. Aaron Sorkin hat (zusammen mit Scott Frank & Jonas McCord) am Drehbuch mitgeschrieben, das merkt(e) man damals nicht, heute kann man nach den Dialogen die Ohren spitzen, kann man auf Details und Kleinigkeiten hören. Das Verbrechen hat zwei Männer wieder zusammengeführt, die sich von früher schon kannten, aus der Ferne nur, sie hatten damals kaum Berührung, das wird jetzt anders, sie waren zusammen auf der Highschool, "Wenn man vom Teufel spricht." Ein Vertrauenslehrer und ein Star-Chirurg, dazu eine Ehefrau, die Komplikationen sind deutlich, die Grundidee stammt aus Die Operation (1990), einem TV-Movie mit Joe Penny, die beste Quelle: "Das ist ein Norman-Rockwell-Gemälde. Und Sie haben es in Stücke gefetzt mit ihrem Skalpell."
Um die Rezession geht es hier wie immer in derlei Neunziger Jahre - Filmen auch, um Kostenvoranschläge, die das Budget überschreiten, um Sparmaßnahmen, die nötig sind, um Jobs, deren Gehalt vorne und hinten nicht reichen, das Auto klappert weithin; die ersten Nöte ist immer das Geld, dann kommt die Unsicherheit dazu, das mangelnde Selbstverständnis, das unstete Bewusstsein, um Streit in den besten Familien, um eine Einladung zum Lunch, um falsche Worte. "Du hast doch gesagt, du willst vermieten. Ich dachte, du wärst begeistert." - "Seh’ ich begeistert aus?"
Boston ist die nähere städtische Umgebung, spielen tut das aber in der Vorstadt, in Einfamilienhäusern, viktorianischen Ursprungs, "begraben unter hundert Jahren Farbe", Neuengland die Bühne für die Darsteller, das (mit zusätzlichen Stars und Sternchen wie Gwyneth Paltrow, Debrah Farentino, Anne Bancroft, Peter Gallagher, Tobin Bell, Bebe Neuwirth und George C. Scott gespickte) Drei-Personen-Stück. Die Eheleute haben Nachbarn, sie haben bald einen Untermieter, sie haben Kontakt zur Umwelt, sind aber trotzdem isoliert. Es gibt Blicke, es gibt Wortwechsel, es gibt ein paar nackte Tatsachen, aber nicht zu deutlich und nicht zu viele, es geht nicht um Erotik, es geht um Intrige, Gewalt und Mord. Ein erster Tatort, ein zweiter, Pullman und Kidman spielen das ruhig, Baldwin spielt das drüber und zieht ordentlich vom Leder.
Mehrere schlechte Einflüsse kommen hier durcheinander, alle auf einmal bald, zur ungünstigsten Zeit, ein Puzzlestück, "Das ist eine grauenvolle Geschichte. Die schlimmste Geschichte, die ich je gehört habe." Das Leben für einen Moment am Abgrund, eben schien noch alles gut, anderthalb Sekunden Glück. Dann wird man vor Entscheidungen gestellt oder vor unliebsamen Fakten, beides nicht beeinflussbare Dinge, von Thriller zum Drama, von Harold Becker statisch und trotzdem solide beunruhigend gedreht, von Jerry Goldsmith intoniert. Mehrere Fäden in der Erzählführung, mehrere Ablenkungen, diverse red herrings, je näher man dem Ende kommt, desto stürmischer wird es, es regnet wie aus Kannen, ganze Landstriche werden geflutet, die Nacht so dunkel wie der Schatten, ein Herz das durchbohrt und zerrissen wird. Pullman das kleinste Rad in der braun getäfelten Geschichte, "Leb wohl, Andy.", wie der Hiob, der den Mist anzieht.