„Action-Hausmannskost mit Schmackes"
In Zeiten, in denen der wöchentliche Besuch beim Thailänder, Inder, Japaner, Mongolen oder Argentinier zum Standardprogramm der breiten Mittelschicht gehört und man in jedem Supermarkt ganzjährig auch die exotischsten Früchte bekommt, avanciert so richtige deftige Hausmannskost fast schon wieder zum Geheimtipp.
Der Filmgenuss ist bekanntlich ebenfalls in erster Linie ein sinnliches Erlebnis. Und auch hier ist das Besondere seit geraumer Zeit zum Alltäglichen eingedampft. So okkupiert einst aufgrund mangelnder technischer Möglichkeiten Unrealisierbares wie lebensechte Phantasiewesen, apokalyptische Zerstörungsorgien und wahnwitzige Actionkapriolen längst in ermüdender Häufigkeit und Penetranz die Kinoleinwände. Bei all dem lärmigen Krawumm und narzisstischen Pixelgebalze kann betont bodenständiges und schnörkelloses Genrekino sich unvermittelt zu einer cineastischen Wohltat aufschwingen.
„Bastille Day" ist ein solch schmackhafter Brocken lange vermisster Hausmannskost, ein Film, der gerade ob seiner betont altmodischen Grundausrichtung so erfrischend unkompliziert und betont lässig daher kommt. Nichts darin erhebt den Anspruch, besonders innovativ, spektakulär oder gewitzt zu sein und genau darin liegt eine besondere Stärke. Ein Action-Thriller, der ganz unaufgeregt die implizierten Kernkompetenzen bedient: Tempo und Spannung. Wer dazu aber lieber die Grenzen der Physik gesprengt sehen will oder alle paar Minuten einen besonders cleveren Plottwist braucht, der sollte besser die nächste Blockbuster-Offensive abwarten.
In „Bastille Day" ist alles eine Nummer kleiner, nüchterner und realitätsbezogener. Aber keine Sorge, hier wird nicht das Äquivalent zum Sonntagabendkrimi des öffentlich-rechtlichen Pantoffelkinos angepriesen. Immerhin geht es hier um einen nach Paris straf versetzten CIA-Agenten (Idris Elba als Sean Briar), der gerade angekommen, sogleich in einen Terrorschlag auf die Seine-Metropole verwickelt wird. Das klingt dann schon beinahe nach dem britischen Nationaldenkmal mit der Doppelnull, aber auch hier kann Entwarnung gegeben werden. Weder geht es um eine globale Verschwörung, noch muss sich der Held mit einem Superschurken und dessen Schergenarmee herum schlagen. Die Bombe ist tödlich, aber klein. Die Verantwortlichen sind Profis, aber nicht mehr als ein Dutzend. Und Agent Briar ist ein effizienter Frontkämpfer, aber kein Superheld.
Natürlich wohnt dem bereits 2014 abgedrehten Film nach den jüngsten Pariser Terroranschlägen eine besondere Brisanz inne, von reißerischer Effekthascherei kann dennoch nicht die Rede sein. Vieles erinnert an das europäische Thrillerkino der 1970er Jahre, in dem es gleichermaßen rau wie umkompliziert zuging und in dem wortkarge, knorrige Einzelgänger wie Ventura, Belmondo oder Bronson im zwielichtigen Dickicht aus Korruption, Intrigen und Karrierismus humorlos schurkisches Unkraut jäteten.
Der kantige Hühne Idris Elba („The Wire", „Luther") steht genau in dieser Tradition und schafft es mühelos und ohne viel Worte einen „Typen" zu erschaffen, der allein durch seine körperliche Präsenz und aufreizende Souveränität jede Szene und jeden Gegenüber sofort beherrscht. Seine Methoden sind rüde, zupackend und kompromisslos. Seine durchdringenden Blicke und seine sarkastischen Oneliner lassen Partner wie Gegner in Sekundenbruchteilen zusammen schrumpfen. Und über seine schattige CIA-Vergangenheit erfährt man gerade mal so viel, dass es seine gefährliche Aura nur noch verstärkt.
All dies kommt durch einen bewährten, aber nach wie vor bestens funktionierenden Kniff des Buddy-Kinos besonders deutlich zur Geltung. Mit dem sprunghaften, labilen und stets gehetzt wirkenden Taschendieb Michael Mason bekommt Briar einen völlig gegensätzlichen Partner wider Willen verpasst. Die dadurch unweigerlich entstehenden Spannungen definieren nicht nur die so unterschiedlichen Charaktere, sondern sorgen auch für eine ordentliche Portion schnoddrigen, trockenen Humors. Zwar teilt Richard Madden („Rob Stark") das Leinwandschicksal seiner „Game of thrones"-Kollegen Kit Harington und Emilia Clarke und wirkt in einem gegenwärtigen Szenario auffällig blasser und uncharismatischer, dennoch reicht es um vor allem Elbas Figur noch schärfer zu akzentuieren. Er ist zudem ein wichtiger Plotmotor, denn er ist der Einzige, der die vermeintliche Bombenlegerin Zoe (Charlotte LeBon) identifizieren kann und damit die Spur zu möglichen Hintermännern und Hintergründen überhaupt erst ermöglicht.
Regisseur James Watkins hat mit dem Survival-Schocker „Eden Lake" und dem Grusel-Thriller „Die Frau in Schwarz" schon bewiesen, dass er Genrekino kann. Mit „Bastille Day" kann er nun auch den klassischen Actionthriller in sein tadelloses Arbeitszeugnis mit aufnehmen. Weder inszenatorisch, noch erzählerisch ist das besonders hip oder gar extravagant. Aber dank druckvoller, rasant geschnittener Kampf-, Verfolgungs- und Baller-Sequenzen sowie einer ähnlich schnörkellosen Spannungskurve darf vor allem der puristische Actionfreund endlich mal wieder die Kronkorken knallen lassen. Das ist kein verspieltes 5-Gänge-Menü und auch kein ausladendes Spezialitäten-Buffet, aber ein auf den Punkt gegrilltes Steak vom heimischen Metzger des Vertrauens. Männerkost eben.