Geiselnehmer, mit Messer herumfuchtelnd: "Okay, Schwein, das waren sechs. Jetzt hast du keine Kugeln mehr!"
Angel zögert nicht lange, schießt ihm eiskalt in die Brust, steckt gelassen die Pistole weg, nimmt - zu jazziger Musik - den schwarzen Helm ab und sagt zum Sterbenden: "Solltest mal in die Schule gehen, Punk. Und besser zählen lernen, Kleiner."
Angel Wolfe (Melanie Vincz) ist die taffeste Polizistin der Stadt. Gangster haben gegen sie nicht den Hauch einer Chance und verlassen die Stätte ihres Wirkens meist liegend auf einer Bahre, von einem weißen Tuch bedeckt. Wie zum Beispiel die Mitglieder einer Bande, die sich in einer Schule verschanzt hatten und Kinder als Geisel hielten. Auch Angels Bruder Rob (Bill Thornbury) ist Polizist, allerdings nicht ganz so tüchtig, und so segnet er bei einer Ninja-Attacke auf einen Juwelier das Zeitliche. Angel setzt natürlich alles daran, seine Mörder zur Strecke zu bringen. Die Spur führt zum mysteriösen Dr. Sin Do alias Lee Chuck (The Tall Man himself, Angus Scrimm, aus Don Coscarellis Phantasm-Reihe), der auf einer kleinen, abgelegenen Insel ein Turnier veranstaltet, um seine kleine Armee zu verstärken. Allerdings darf man an dieser exotischen Kampfveranstaltung nur in Dreiergruppen teilnehmen (eine Maßnahme, um etwaigen Spionen das Einschleichen zu erschweren), und so holt Angel erst ihre Indianer-Freundin Whitestar (Raven De La Croix) und anschließend die Kleinkriminelle Heather McClure (Angela Aames) ins Boot, wobei sie letztere direkt aus dem Gefängnis rekrutiert (das gibt dem Regisseur Gelegenheit, einen tollen Catfight mit Schlammspritzbonus sowie Angelas üppige Rundungen zu präsentieren). Wie sich herausstellt plant Dr. Sin Do die Augen des Avatar, ein Paar legendenumrankter Juwelen, in welche das untergegangene Volk der Lemuren ihre Geheimnisse gepflanzt hat, wieder zusammen zu bringen. Denn wem dies gelingt, der wird mit absoluter Macht regieren, zumindest steht es so geschrieben. Na, wenn Angel, Whitestar und Heather da mal dem bösen Doktor nicht kräftig in die Suppe spucken...
Cowboy: "Ich bin sehr populär in meinem Fach."
Angel: "Warum gehst du nicht auf deine Farm deine Kühe pimpern?"
***
Heather: "Hey, du Tittenkönigin. Komm mal rüber und lass dich anfassen."
Whiplash (Angelique Pettyjohn): "Du schwimmst in deinem Blut, Scheißtier. Nicht umsonst nennt man mich Peitschen-Lilly!"
Mitte der 1980er-Jahre schickte sich ein gewisser Jim Wynorski (Jahrgang 1950) an, den zu dieser Zeit regierenden König der B-Movies, Fred Olen Ray, vom Thron zu stoßen. Und aus meiner Sicht ist ihm dies auch gelungen, zumindest für einige Jahre. Wynorskis frühe Arbeiten beinhalten so ziemlich alles, was das B-Film-Herz begehrt, und The Lost Empire - der übrigens ursprünglich als 3D-Spektakel geplant war - bildet da keine Ausnahme. Sein 1985 veröffentlichter Debütfilm (das Copyright am Ende des Abspanns weist dem Streifen das Jahr 1983 zu) macht einfach einen Heidenspaß. Ernst nehmen kann man ihn zu keiner Zeit, und zwar deshalb, weil er nicht ernst genommen werden will. Die abstruse Handlung wird mit einem sehr sympathischen aber niemals aufdringlichen Augenzwinkern präsentiert, was dem Ganzen einen Charme verleiht, der dem Großteil der Konkurrenz abgeht. Außerdem drückt Wynorski vom Start weg so dermaßen aufs Tempo, daß die gute alte Langeweile komplett das Nachsehen hat. Immer ist was los, Aktion reiht sich an Aktion, und sollten tatsächlich alle Stricke reißen, läßt er seine leckeren Darstellerinnen einfach blank ziehen. Die schönste Nacktszene hat wohl die umwerfende Raven De La Croix, die 1976 als Margo Winchester in Russ Meyers Up! (Drüber, drunter und drauf) Exploitationfilmgeschichte schrieb. Hier gibt sie - in ihrem selbst entworfenem Kostüm - die schlagkräftige Indianerin Whitestar, die nicht nur Weisheiten für alle Lebenslagen parat hat, sondern auch einen übellaunigen Kampfgorilla mit einem Schlag in die Fresse und einem Tritt in die Eier wimmernd zu Boden schickt. Für die adäquate musikalische Untermalung des launigen Geschehens sorgt Alan Howarth, der als Co-Komponist u. a. auch für die Soundtracks der John Carpenter-Filme Escape from New York (Die Klapperschlange) und They Live (Sie leben!) verantwortlich zeichnet.
Dr. Sin Do: "Oh, Blut! Mein Lieblingsgetränk!"
***
Koro (Robert Tessier): "Ihr werdet ab sofort Alkohol, Drogen und Stimulationsmittel jeglicher Art entsagen!"
Heather, ihrer Freundin Whitestar zuraunend: "Ob das auch den Vibrator mit einschließt?"
Wie unschwer zu erkennen ist, bedient sich Wynorski recht frei sowohl bei dem Bruce Lee-Klassiker Enter the Dragon (Der Mann mit der Todeskralle) als auch bei der populären Fernsehserie Charlie's Angels (Drei Engel für Charlie), so nach dem Motto "gut geklaut ist halb gewonnen". Und was soll man sagen? The Lost Empire gewinnt nicht halb, sondern ganz. Die Rechnung geht einfach auf, weil sich Wynorski nicht damit begnügt, die Vorbilder lustlos und nach Schema F zu imitieren, sondern weil er diverse Ideen aufgreift und sie auf eine frische, vergnügliche Weise variiert. Man spürt, daß alle Beteiligten, egal ob vor oder hinter der Kamera, mit viel Elan und noch mehr Spaß bei der Sache waren, und das überträgt sich eins zu eins auf den Zuschauer. Das Ergebnis ist ein charmanter kleiner Kracher, wo der diabolische Schurke liebevoll eine Schlange streichelt, wo eine Tarantel weibliche Rundungen erkundet, wo Ninjas ihre Ninjasterne an Jo-Jo-Schnüren befestigt haben, wo keine einzige Frau unter Flachbrüstigkeit leidet, wo sich ein Widerling einen glatten Genitaliendurchschuß einfängt, wo Dr. Sin Dos Festung ein herrliches Matte-Painting ist, wo eine außer Kontrolle geratene, phallusförmige, unfaßbar knuffige Superlaserkanone ihre tödlichen Strahlen kreuz und quer verschießt, und wo unsere Heldinnen immer einen flotten Spruch auf den Lippen haben, egal wie brenzlig die Situation gerade ist. The Lost Empire ist ein ungemein kurzweiliger Abenteuer-Action-Fantasy-Mix, angereichert mit einer großzügigen Portion Camp und serviert mit viel Energie und noch mehr Witz. Einfach ein großer, sympathischer Spaß, der jegliche Anspruchsuntiefen geschickt umschifft. Mit Chopping Mall (Shopping), Big Bad Mama II, Deathstalker II (Mystor - Der Todesjäger II), Not of This Earth (Der Vampir aus dem All), The Return of Swamp Thing (Das grüne Ding aus dem Sumpf), Transylvania Twist, Sorority House Massacre II und Hard to Die ließ Jim Wynorski weitere tolle B-Movies folgen, die allesamt seine ganz spezielle Handschrift tragen. Erst Anfang der Neunziger begann die Qualität seiner Filme rapide nachzulassen, und heutzutage dreht er hauptsächlich entweder Monstertrash fürs Fernsehen (Komodo vs. Cobra, Dinocroc vs. Supergator, Piranhaconda) oder Sexploitation für den Direct-to-DVD-Markt (The Breastford Wives, House on Hooter Hill, Busty Coeds vs. Lusty Cheerleaders).
Whitestar, den glatzköpfigen Koro kommentierend: "Eine alte indianische Weisheit sagt: Trau niemals einem Vogel ohne Federn."
Angel erwidert: "Ich kenne auch eine! Wer vögelt, kann auch fliegen."