Deadline: „Du hast deine Filmkarriere als Schauspieler begonnen und bist erst später Regisseur geworden. Wie kam es dazu?"
Jared Cohn: „Es lief eigentlich nicht schlecht als Schauspieler, und ich hoffte, die Karriereleiter noch etwas höher klettern zu können, was mir jedoch nicht gelang [...] Da beschloss ich, Regisseur zu werden, denn damit lebt es sich viel leichter. (Lacht)"
Dieser Auszug eines Interviews aus dem aufwändig gestalteten Booklet der Blu-ray des Films „Die Horde" klingt zunächst recht unverdächtig. Langweiliges Blabla eben, das man überfliegt und in der darauffolgenden Sekunde vergessen hat. Und doch sind diese Zeilen bedenklich. Lässt die Meinung des Regisseurs über die Arbeit eines Regisseurs womöglich durchblicken, dass er seine Regiearbeit ein wenig zu sehr auf die leichte Schulter nimmt? Oder ist es hoffentlich doch nur Ironie? Denn selbst wenn es nur ein Slasher ist, den man inszeniert, und kein Politthriller. Das anvisierte Publikum will unterhalten werden - und zwar unter Beachtung der Regeln der Unterhaltung. Zum Beispiel sollte ein Film Spannung aufbauen. Vielleicht sogar damit einen Bogen spannen. Und ist das zu viel verlangt, müssen wenigstens Schauwerte über eine dahinplätschernde Story oder unelegante Dialoge hinwegtrösten. Wenn die aber auch noch unter den Grabbeltisch fallen, dann fragt man sich, womit zum Kuckuck ein Horror-Regisseur seinen Film empfehlen möchte. Nein, bitte nicht. Bitte nicht mit der vermeintlich zündenden Idee eines Genre-Mix.
Jared Cohn: „... als würde Rambo es mit den Mutanten aus Wes Cravens Hills have Eyes aufnehmen."
Oh weh, also doch. Der ehemalige Navy-Seal John Crenshaw (Paul Logan), der sich für jede Szene im Film zwei Stunden die Muskeln aufpumpt, seine Zähne bleacht und aussieht wie ein Pornodarsteller, begleitet seine Freundin auf ein Wochenende am See. Die ist Lehrerin und braucht männliche Begleitung für ihre Schülerrasselbande, die sie im Schlepptau hat. Das Thema der letzten Stunde: „Was Tolles fotografieren". Um diesen professionell formulierten Arbeitsauftrag unkompliziert und zeitsparend zu erledigen, fährt man 320 Kilometer auf einen dreitätigen Campingtrip in die Natur. Kaum ist man am See angekommen, verschwinden die einen ins Gebüsch, um nach den Hühnern zu sehen, und andere fangen das wilde Fotografieren an. Zum Beispiel eine Schildkröte. Dieses schwachsinnige Treiben wird von einer Horde (!) Hinterwäldler beobachtet, die ohne viel Federlesens damit beginnen, die eine Hälfte der Teenies zu töten und die andere in ihr Dorf zu entführen. Hört sich doof an. Ist es auch. Wäre aber halb so wild. Denn es ist nicht die stupide Geschichte, die hier zwickt. Es ist die viel zu laienhafte Machart des Films im dissonanten Akkord mit seiner biederen Verklemmtheit.
Crenshaw, der unbesiegbare Held der Story, findet es natürlich gar nicht lustig, dass ihm seine frisch Verlobte sozusagen unter der Nase weg entführt wurde. Und die toten Schüler nerven ihn auch. Wenn auch nicht so sehr. Also bringt er unter Abwesenheit jeglicher Raffinesse nach und nach alle Wilden mit seinem Bogen um die Ecke (Damit der Zuschauer weiß, was er als nächstes vorhat, spricht er dabei ab und zu sonderbar mit sich selbst). Und wenn ihm die Waffe aus der Hand fällt, muss er sich prügeln. Die hier ins Werk gesetzten Choreographien gehören laut Regisseur zum Highlight des Films. Dabei bewegen sie sich auf dem Niveau eines Taekwondo-Schnupperkurses. Verschlimmbessert werden die oft vier verschiedenen Einstellungen auf ein und denselben Fußtritt durch chaotische Kameraführung und himbeerpreisverdächtig deplatzierte Musikuntermalung.
Nicht einmal explizit wird es. Als sich die Granate der Gruppe für ihren Freund zum privaten Fotoshooting entblättert, sucht sich die Kamera lieber eine Schildkröte. Und wenn ihr kurze Zeit später von einem Hinterwäldler der Stöpsel gezogen wird, hilft das Dunkel des nächtlichen Walds, die Gewalt ein wenig zu entschärfen. Und so geht das in einem fort. Prüderie trifft auf „Wrong Turn" trifft auf „Rambo" trifft auf Ich-hab-die-Schule-gehasst. Dass sämtliche Figuren bestenfalls stereotyp, viele völlig formlos geraten sind, bedarf an dieser Stelle eigentlich keiner besonderen Erwähnung. Da fragt man sich, wer da mit der Geistesgegenwart eines Koma-Patienten das Drehbuch verfasst hat. Mal sehen - ah ja. Es stammt von C-Filmikone und „Aliens on Crack"-Star Paul Logan. Dem Muskelmann und Hauptdarsteller des Films. Also wenn das nicht unkonventionell ist? Wahrscheinlich saß dann der Typ vom Catering hinter der Kamera.
Jared Cohn: „Ja, es gab Stellen, die den Produzenten zu brutal waren und etwas abgeschwächt werden mussten. [...] Ich persönlich gehe ja gern so weit wie möglich in der Gewaltdarstellung. Es ist ja nicht real, sondern nur ein Film. [...] Das ist etwas, was ich an Deutschland sehr schätze. Bei euch werden Filme nicht als Diskriminierung oder menschenfeindlich verstanden. Daumen hoch für Deutschland, dass sie extreme Filme unterstützen."
Ganz abgesehen davon, dass Regisseur Jared Cohn von Landeskunde ganz offensichtlich so wenig Ahnung hat wie vom Filmemachen, fragt man sich, was der Typ da eigentlich daherplappert. Sein Film musste „entschärft" werden, weil er den Produzenten zu brutal war? Dann waren die Jungs entweder Mormonen oder es stimmt eben nicht. So wie hier eigentlich überhaupt nichts so richtig stimmt. Außer der Feststellung, dass da ein echter Schocker angepriesen wird, der in Wirklichkeit keiner ist. Viel Lärm um wenig.