Review

Zweischneidiges Tränenschwert 

Ein entscheidende Frage ging mir während dieses wohl erfolgreichsten & populärsten Liebesfilm des Jahres 2016 öfters durch den Kopf: sähe so ein Film von Til Schweiger aus, wenn er jemals in Hollywood ankommt? Und das muss nichts Schlimmes heißen, da ich einige seiner Werke mehr als solide fand ("Honig im Kopf") & er zumindest seinen unverkennbaren Stil gefunden hat. Und trotzdem bleibt da natürlich ein bitterer Beigeschmack, wenn die halbe Welt "Me Before You" als DEN Must-See-Liebesfilm hochjubelt & am Ende doch eine recht konservative Abarbeitung von Klischees dieser Gattung Film übrig bleibt. Als eine angenehme Mischung aus typischer Nicholas Sparks-Verfilmung, "Ziemlich beste Freunde" & eben einer schweigerschen Pop-Song-Tränendrücker-Collage kommt er her - nur irgendwie wollte bei mir der letzte Funke nicht so recht überspringen. Vor allem an meinen recht hohen Erwartungen gemessen. Wer diese nicht hat, kann sicher eine positive Überraschung erleben. 

Die Geschichte einer quirligen jungen Frau, die durch einen glücklich erhaltenen Pflegejob den gelähmten "Patienten" (& das Leben gleich mit) lieben lernt, ist gefühlvoll & war nicht zuletzt schon als Buch ein weltweiter Erfolg. Also ist es keine schlechte Idee, wenn der Film (laut meiner Freundin genau die gleichen Pfade betritt, geschichtlich wie qualitativ. Vor allem die Fans & die Zielgruppe wird so sicher nicht enttäuscht. Sogar die mitgeschleppten Männer werden ihn nicht bereuen & allgemein ist ein voller Taschentuchvorrat ratsam. Trotzdem ist klar ersichtlich, warum man als Kritiker hier nicht ganz so euphorisch das Kino verlässt wie viele Fans. Erst recht wenn das eigene Herz, gegen die Erwartungen & sonstige Gewohnheiten, da ich nicht selten bei Filmen weine, einfach nicht so recht getroffen werden will. "Ein ganzes halbes Jahr" ist besser als die typische Fließband-Sparks-Produktion mit austauschbaren Postern - richtig gute Liebesfilme wie "Ein einziger Tag" (die Sparks-Ausnahme) oder gar tiefgründige Filme zum Thema Sterbehilfe, wie "Das Meer in mir", spielen jedoch in einer ganz anderen Liga.

Vor allem das zweischneidige Schwert & die vielen Möglichkeiten/Meinungen zur Besprechung der Sterbehilfe, werden in der Verfilmung des Moyes-Romans sträflich links liegen gelassen. Bewusst, auf die Romantik konzentriert & zudem nah an der Vorlage - ärgerlich & etwas enttäuschend ist das trotzdem. Und dabei ist die fragliche Aussage & Darstellung eines behinderten Menschen sogar aussehen vorgelassen - selbst wenn ich es äußerst bedenklich & unrealistisch finde, wie der einst lebensfrohe, gebildete & lebenshungrige Protagonist so aufgibt & aus seinem Charakter fällt. Aber gerade dieses Potential zur Anregung einer Diskussion bietet "Ein ganzes halbes Jahr" so gut wie gar nicht. Die zwei Darsteller machen mit ihrer Chemie wieder einiges gut, vor allem Game of Thrones-Star Emilia Clarke sticht heraus. Durch Ihre Gesichtskirmes & Nähe zum Overacting nicht immer positiv, doch gerade gegen Ende findet sie sich, ähnlich wie ihre Figur, & liefert ab. Süß, etwas zu aufgedreht & steif gleichzeitig, aber sicher fast so erinnerungswürdig wie ihre Mode im Film. Eher negativ würde ich den überbordenden & manchmal fast ablenkenden Best-Of-Charts-Soundtrack einordnen, der einfallslos & wenig eigen wirkt. Das eigentlich recht positiv gestimmte Ende der Hauptfigur gefiel mir & ist wohl ein weiterer Grund für das Ausbleiben meiner Tränen.  

Fazit: romantisch ja, traurig ja, nett ja. Die Checkliste eines guten Liebesfilms wird solide abgehakt, das schön harmonierendes Pärchen ist süß & Langeweile kommt selten auf. Trotzdem bleibt das eigentlich wirklich tiefgründige Thema ärgerlich unangetastet & die ganze Inszenierung wirkt statisch, überraschungsarm & nicht viel besser, als ein durchschnittlicher Til Schweiger-Film hierzulande - was ja jeder für sich bewerten kann! ;)

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